Die nächste Revolution bei Beethoven
Enrico Onofri lässt Beethovens Symphonien durch die Horgänge fegen und zeigt, wie unglaublich gegenwärtig diese 200 Jahre alte Musik ist.

Es gibt definitiv zu viele Aufnahmen der Symphonien von Ludwig van Beethoven. Allein in diesen Tagen erscheinen zwei Aufnahmen aus Stuttgart: Einmal die Symphonie Nr. 7 mit dem SWR Symphonieorchester sowie eine Neuaufnahme der Dritten und der Fünften mit dem Stuttgarter Kammerorchester. Und 250 Kilometer weiter östlich haben die Kollegen vom Münchener Kammerorchester gerade eine Box mit den Symphonien Nr. 5 bis 7 herausgebracht.
Der Witz an diesem Overkill ist natürlich, dass der Markt einerseits völlig überfüllt und zugleich stark geschrumpft ist. Und dass solche Überfülle natürlich auch einen unermesslichen Reichtum darstellt, weil alle drei erwähnten Neuerscheinungen es unbedingt wert sind, gehört zu werden. Vor allem jene aus München, weil sie programmatisch neue Wege beschreitet.
Der Dirigent Enrico Onofri war lange bei den kultisch verehrten italienischen Barock-Rabauken von Il Giardino Armonico tätig. Als Orchesterleiter hat er sich seinen Scharfsinn, seinen Witz und seine Widerspenstigkeit bewahrt. Mit dem gerade drei Dutzend Musiker starken Kammerorchester bürstet er Beethoven nicht gegen den Strich, vielmehr verdeutlicht er den revolutionären Furor dieser mittleren Symphonien.
Patina muss keiner mehr abkratzen
Die spätromantische Patina muss ja keiner mehr von Beethovens Musik abkratzen, die Klangvorstellungen haben sich nach 30 Jahren historischer Aufführungspraxis so stark verändert, dass auch ein aggressiver, harter Klang nicht mehr befremdet. Onofri geht mit der Dynamik, mit der Phrasierung und mit den Temporückungen sehr frei um, versteht es aber, das nicht willkürlich, sondern spontan wirken zu lassen.
Der Clou der Box mit 3 CDs ist jedoch die historische Einbettung der Symphonien Nr. 5, 6 und 7. Mit Ouvertüren und Symphonien von Gaspare Spontini und Luigi Cherubini weist man darauf hin, wie sehr der heroische Tonfall Beethovens von seinen italienischen Zeitgenossen inspiriert gewesen sein könnte. Die Naturszenen der „Pastorale“ sind dagegen mit dem älplerischen Idyll aus Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre verknüpft. Das hat alles Sinn und Zweck, Esprit und Emotion. Die 200 Jahre alte Musik wirkt wieder einmal radikal gegenwärtig, die Tinte auf dem Notenpapier noch feucht.
