Osttiroler Bürgermeister fürchtet „Kniefall vor Trump und Putin“
In Schlaiten wird es keinen Windpark geben, der Projektwerber hat sich zurückgezogen. Bürgermeister Ludwig Pedarnig prangert die Kräfte dahinter an.

Das Windkraftprojekt in Schlaiten ist abgeblasen. Das hat der Projektwerber, der Windkraft- und Photovoltaik-Pionier ImWind, der Gemeinde am 5. Oktober schriftlich übermittelt. Nach „eingehender Prüfung und Neubewertung der erforderlichen Infrastruktur in Bezug auf das übergeordnete Straßennetz“ würde man die Idee nicht weiterverfolgen. Acht Windräder waren im Göriacher Wald geplant. Mit einer Gesamtleistung von 48 Megawatt. Zehn Millionen Euro pro Windrad wollte ImWind investieren. Daraus wird nichts.
Pikant: Am selben Tag hinterlegte eine Schlaitener Bürgerinitiative im Gemeindeamt eine Petition gegen den „Windpark Schlaiten“. Mit den Unterschriften von 220 Gemeindebürgerinnen und -bürgern. 381 Wahlberechtigte ab dem 16. Lebensjahr leben aktuell in Schlaiten, 57 Prozent votierten gegen die „Weißen Riesen“.
Bürgermeister rechnete mit hohen Einnahmen
Für Bürgermeister Ludwig Pedarnig (Heimatliste Schlaiten) eine doppelte Niederlage. Pedarnig hatte das Projekt vollumfänglich unterstützt. Er wollte seine Gemeinde möglichst unabhängig von den Unbillen des Energiemarktes aufstellen. Und Gelder generieren. „Der Mehrwert für die Gemeinde mit Pachteinnahmen und Infrastrukturabgaben in Höhe von mindestens 430.000 Euro jährlich ist damit Geschichte“, lässt Pedarnig nun auf der Gemeinde-Website verkünden. Zumindest zwei Drittel dieser Einnahmen hätten laut des Bürgermeisters den unmittelbaren Haushalt der Gemeinde unterfüttert und damit notwendige Infrastrukturprojekte ermöglicht. Ein weiterer Mehrwert wäre „mit einem stabilen Stromtarif für die Bevölkerung über eine Energiegemeinschaft für die nächsten 20 Jahre“ zu erwarten gewesen.
Politisch extrem aufgeheiztes Thema
Das Gemeindeoberhaupt holt zum politischen Diskurs aus. „Aus demokratischer Sicht ist es selbstverständlich, dass die Meinung einer Mehrheit anzuerkennen ist“, betont Pedarnig, der auch Verständnis für die Sorgen um das Landschaftsbild oder Belastungen in der Bauphase äußert. Vor allem aber prangert er die Kräfte dahinter an: „Das Thema Windkraft haben AfD und FPÖ für sich entdeckt und politisch extrem aufgeheizt. Diese Lautstärke und die Härte in der Sprache ist auch bei uns im öffentlichen Raum angekommen. Es ist kaum mehr möglich, eine Diskussion über Windkraft sachlich und emotionsfrei zu führen.“ Die FPÖ befeuerte den Widerstand im Bezirk immer wieder. So gab EU-Parlamentarier Gerald Hauser am 21. August unter dem Motto „Osttirol muss windkraftfrei bleiben“ zuerst eine Pressekonferenz im Grand Hotel Lienz, am Abend stellte er bei einer öffentlichen Info-Veranstaltung beim Schlaitener Wirt seine Sichtweise dar.

Pedarnig legt nach: „Damit haben wir unsere Chance vertan, in Schlaiten unseren Beitrag zur Energiewende zu leisten.“ Man wäre auf einem guten Weg gewesen, Wasserkraft und Photovoltaik alleine würden nun mal nicht reichen. „Ich hoffe, es kommt nicht zur Renaissance von Öl, Gas und Atomkraft in Verbindung mit einem Kniefall vor Trump und Putin“, spannt der Bürgermeister, seit 2010 im Amt, den globalen Bogen.
Den zahlreichen Befürwortern der Windkraft in Schlaiten möchte ich ein ‚Vergelt‘s Gott‘ sagen. Unsere Seite war etwas zu klein und zu leise
— Ludwig Pedarnig, Bürgermeister von Schlaiten
Der letzte Absatz liest sich, als habe Pedarnig sein politisches Schicksal mit dem Projekt verknüpft. Er hoffe, „dass der nächste Gemeinderat gute Ideen hat, wie man sich bei einem jährlichen Haushalt von 1,5 Millionen Euro auch ohne diese Gelder von den ständigen Geldnöten einer Abgangsgemeinde befreit“, schreibt er und bedankt sich bei ImWind für „die faire Partnerschaft sowie den stets offenen Dialog“. Abschließend richtet Pedarnig das Wort an die Gemeinde: „Den zahlreichen Befürwortern der Windkraft in Schlaiten möchte ich ein ‚Vergelt’s Gott‘ sagen. Unsere Seite war etwas zu klein und zu leise.“