Erwin Wagenhofer: „Es gibt im Leben immer Alternativen“
Der österreichische Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer widmet sich in seinem jüngsten Film „Atmosphere“ der Frage, wie sich unser Lebensstil auf die Umwelt auswirkt und welche globalen Lösungsansätze möglich sind

Der Astronom Alain Maury sagt gleich zu Beginn, dass es nicht um den Planeten geht. Der muss nicht gerettet werden. Eigentlich muss nur unser Lebensstil gerettet werden. Ist das etwas, das wir zu selten in den Fokus rücken?
ERWIN WAGENHOFER: Er meint, es wird viel darüber gesprochen, dass wir den Planeten und das Klima retten. Wir müssen aber auch uns selbst retten. Wenn wir über Klima reden, dann blenden wir unseren Lebensstil aus. Das ist das Problem. Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich Macht hätte auf diesem Planeten und bestimmen könnte, wie man aus der Nummer rauskommt, würde ich es auch nicht wissen. Wir müssten eigentlich unsere ganze Lebensweise verändern und das wird nicht so einfach werden. Das braucht eine Bewusstseinsveränderung. Von der sind wir momentan noch sehr weit entfernt.
Atmosphäre ist nicht nur Sauerstoff oder Regen in den brasilianischen Wäldern. Das ist auch das Zwischenmenschliche.
Das ist das, was mich am meisten interessiert hat. Das Zwischenmenschliche ist in den letzten Jahren auch in Mitleidenschaft gezogen worden. Es ist nicht nur das Klima selbst aufgeheizt, sondern auch das Klima zwischen den Leuten. In den Städten ist es immer schwieriger geworden zu leben. Wien zum Beispiel ist eine tolle Stadt, aber es ist irrsinnig laut geworden. Es vergehen keine fünf Minuten, wo nicht irgendein Einsatzfahrzeug durch die Gegend zischt. Das Alte stirbt und das Neue kann nicht zur Welt kommen: Es ist die Zeit der Monster, wie der italienische Philosoph Antonio Gramsci in den 1930ern geschrieben hat.
Bodenerosion ist ein weiteres großes Thema in Ihrem Film. Wir reden oft über Temperaturen, Artensterben, Wasser und Überschwemmungen. Dass uns auch der Boden stirbt, war noch nicht richtig angekommen. Dann kam der heurige Sommer.
Es ist seit dem heurigen Sommer ganz stark im Vormarsch, dass enorme Forschungsgelder ausgegeben werden, um die Beschaffenheit der Böden bei uns zu erforschen. In der Tat ist es so, dass sie in Österreich in einem noch relativ guten Zustand sind. Die Iberische Halbinsel ist mehr oder weniger zur Hälfte verwüstet. Da wächst nichts mehr, außer man fährt mit der Chemie rein. Das will der Film zeigen, dass es möglich ist, so etwas zu regenerieren. Die Idee war, einen mutmachenden Film zu drehen, der den normalen Leuten zeigt, dass es abgesehen davon, ein Elektroauto zu kaufen, noch andere Möglichkeiten gibt, die man sofort umsetzen kann.
„We Feed The World“ ist jetzt schon über 20 Jahre her. Wie geht es Ihnen als Filmemacher, der diese Umwelt- und Gesellschaftsprozesse schon so lange begleitet? Gibt es da Optimismus, oder wird eher alles immer schlimmer?
Es ist nicht mutig, pessimistisch zu sein. Wir brauchen den Optimismus. Das ist auch der Grund, warum wir seit Jahren diese Filme machen. Wir versuchen Mut zu machen. Das ist extrem schwierig, weil Kino hauptsächlich darauf basiert, dass irgendwelche dramatischen Dinge passieren, wo jemand umgebracht wird, oder in Dokumentarfilmen, dass etwas kaputt geht. Es ist viel einfacher, diese Dinge zu zeigen. Film funktioniert immer nur emotional. Er gibt das Tempo vor.
Ihre Protagonisten bestellen das Land oder haben Kakaoplantagen. Das trifft auf die meisten Zuschauer nicht zu. Womit sollen die Leute rausgehen und sagen, das kann ich anders machen?
Das ist eine Bewegung, die nur von unten kommt. Die Politiker sind nun mal die Wasserträger des Kapitals. Ich betreibe keine extrem-radikale Kapitalismuskritik, nur muss man sich bewusst sein, dass wir, wenn wir immer mehr Geld generieren wollen, nicht grüner werden und den Planeten nicht retten können. Da kommen wir wieder zur Lebensstilfrage. Das wird immer mit Verzicht kommuniziert. Aber vom Verzicht im negativen Sinn reden ja die, die ihn nicht wollen. Es braucht eine Bewusstseinsveränderung. Der Film will einmal aus einer anderen Perspektive draufschauen. Dann sehen wir, es gibt ja eine Möglichkeit. Wenn man darüber nachdenkt, gibt es im Leben immer Alternativen.