Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Inklusion in Kärnten: „Wir wollen wohnen wie alle anderen Menschen auch“

Menschen mit Behinderungen haben zu wenig Möglichkeiten, selbstbestimmt zu leben, kritisiert Monitoringausschuss. Die UN-Behindertenrechtskonvention werde nicht umgesetzt.

© Florian Proprenter
Ernst Kočnik ist Vorsitzender des Kärntner Monitoringausschusses
Elke Fertschey

Sie sitzt im Rollstuhl, kann nur wenige Schritte selbst gehen, ihre Hände und ihren Kopf leicht bewegen. Wenn sie sprechen will, wird ihre persönliche Assistentin, die sie schon lange kennt, zur Dolmetscherin. Fremde hören meist schwer verständliche Laute. Und doch kann man mit ihr kommunizieren. Denn Monika Rauchberger (55) klopft mit Anstrengung und Ausdauer mit einem Finger Buchstaben um Buchstaben in ihren Sprachcomputer, der die Worte dann mit Computerstimme vorliest. „Ich bin die Einzige in Österreich, die eine Beratungsstelle für Menschen mit Lernschwierigkeiten leitet“, hört man dann. Die Innsbruckerin, der Ärzte als Kind bei einem Luftröhrenschnitt die Stimmbänder verletzten und die ihre Muskeln nicht gut steuern kann, wurde schon als Baby in Einrichtungen untergebracht, hat sich dort „herausgekämpft“ und ist seit 20 Jahren beim Beratungszentrum WIBS (wibsa-tirol.at) beschäftigt.

© Florian Proprenter
Monika Rauchberger

Ihre Kenntnisse, die ihr von der Umwelt nicht zugetraut wurden, hat sie in der Sonderschule, in einer Reha-Werkstätte und in Kursen gelernt. Heute hält sie selbst Vorträge und Kurse mittels Sprachcomputer. Sie kann für viele als Vorbild gelten. Nach Jahren in Heimen darf sie nun selbständig mit persönlicher Assistenz in einer Wohnung leben, was sie von vielen Menschen mit Behinderung unterscheidet.

Menschen mit Behinderung haben nur in wenigen Fällen die Entscheidungsmöglichkeit, wo und mit wem sie zusammenleben wollen.

—  Ernst Kočnik, Vorsitzender des Kärntner Monitoringausschusses

Auch in Kärnten gibt es in diesem Bereich große Defizite, sagt Ernst Kočnik, Vorsitzender des Kärntner Monitoringausschusses, der als Gremium an die Anwaltschaft für Menschen mit Behinderung angegliedert ist und die Einhaltung und Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf Landesebene überwacht. „Menschen mit Behinderung haben nur in wenigen Fällen die Entscheidungsmöglichkeit, wo und mit wem sie zusammenleben wollen“. Meist müssten sie in Wohnheimen oder Wohngemeinschaften mit vielen Menschen an einem Ort leben. Der Institutionalisierungsgrad sei hoch. „Das bedeutet Fremdbestimmung, Anpassungsdruck und mangelnde soziale Teilhabe, was zu einer schlechteren Lebensqualität führt“. In Kärnten gebe es 40 Standorte mit 726 Plätzen. Die Spannbreite sei von vier bis 76 Personen pro Standort sehr groß. Allerdings würden genaue Daten fehlen. „Über die Wohnsituation ist zu wenig bekannt“. Das widerspreche der UN-Behindertenrechtskonvention, der zufolge Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt entscheiden sollten, wie sie leben und wohnen wollen.

Leben mit Freund

Monika Rauchberger kann das schon seit 20 Jahren und ist sehr froh darüber. Vor einiger Zeit ist auch ihr Freund zu ihr gezogen. „Ich kann selbst einteilen, wann die Assistenz kommen und was sie machen soll“, lässt sie den Sprachcomputer erzählen. Manchmal gebe es Konflikte mit der Assistentin. „Wenn sie zum Beispiel die Balkontüre aufmacht, wenn ich noch nicht angezogen bin oder den Schreibtisch aufräumt, wenn ich nicht will“. Geduld müsse von beiden Seiten gelernt werden. Bevor eine persönliche Assistentin ihre Arbeit antritt, wird ein Vorstellungsgespräch absolviert. „Seit ich in meiner behindertengerechten Wohnung lebe, geht es mir gut“, freut sich Rauchberger. „Es ist wichtig, dass Menschen mit Behinderungen wahr- und ernst genommen werden und so leben können, wie sie wollen“. Auf dem Weg dorthin brauche es Unterstützung und technische Hilfsmittel, meint Marion Sigot von der Universität Klagenfurt. „Es wird immer nur gesehen, was Menschen mit Behinderung nicht können, anstatt was sie können und was sie brauchen, um das tun zu können, was sie wollen“.

Wichtig wäre es, Unterstützungsleistungen zu schaffen, die behinderte Menschen erst gar nicht in Einrichtungen bringen, sondern diesen ein selbstbestimmtes und von Teilhabe geprägtes Leben ermöglichen.

—  Ernst Kočnik, Vorsitzender des Kärntner Monitoringausschusses

Unter diesen Vorurteilen litt auch Michaela Kasin, die über „Mensch zuerst Kärnten“ an einem Forschungsprojekt teilnimmt, um die Wünsche von Menschen mit Lern-Schwierigkeiten, zu denen sie selber zählt, besser verstehen zu lernen. „Es gibt zu wenig Unterstützungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten“, ist ihr Fazit. Sie selbst hat seit ihrem 14. Lebensjahr in Einrichtungen und teilbetreuten Wohngemeinschaften gelebt. Mittlerweile wohnt sie selbständig und arbeitet 20 Stunden in einem Pflegeheim. „Ich kann jetzt normal am sozialen Leben teilnehmen. Aber wir Menschen mit Lern-Schwierigkeiten müssen unser Können immer wieder neu beweisen“. Bleibt für Ernst Kočnik die Frage: „Wer entscheidet, ob Menschen lernfähig sind?“ Im Bereich De-Institutionalisierung gebe es in Kärnten noch viel zu tun. Sehe man sich den Bedarfs- und Entwicklungsplan 2020-2025 der Chancengleichheit in Kärnten an, erkenne man kaum Strategien zum Abbau segregierender Wohnformen. „Wichtig wäre es, Unterstützungsleistungen zu schaffen, die behinderte Menschen erst gar nicht in Einrichtungen bringen, sondern diesen ein selbstbestimmtes und von Teilhabe geprägtes Leben ermöglichen“.

© Florian Proprenter
Michaela Kasin