Stefanie Stahl fordert mehr Selbstreflexion statt Selbstoptimierung
In ihrem aktuellen Bestseller geht Stefanie Stahl nicht nur der Psyche, sondern auch den gesellschaftlichen Schieflagen auf den Grund. Das bietet erfrischende Ratschläge und teils schmerzhafte Wahrheiten.

Wer mit Stefanie Stahl spricht, merkt, dass auch ihr manche Begriffe auf die Nerven gehen. „Trigger“, „Narzisst“, „toxisch“ sind so welche, wo sie sagt, „die Sozialen Medien und all die Coaches und Influencer übertreiben es gelegentlich, dass man für alles scheinbar immer auch ein Wort braucht, das man dann auch eine Million Mal verwenden kann.“ Doch im Grunde ist es eine gute Sache, dass die Diskussion um die Psyche, die psychische Gesundheit und damit auch unser aller Verhalten endlich stärker im Bewusstsein ist. Unter anderem übrigens durch Stefanie Stahl, denn ihr Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden“ hat vor mehr als 10 Jahren Dinge aufgebrochen, über die davor niemand sprechen wollte. Dass Beschämungserlebnisse als kleines Kind die eigene Beziehungsfähigkeit beeinflussen und dass Erwachsene viel tun, um nicht auf seelische Verletzungen, die ihnen in ihrer Kindheit angetan wurden, blicken zu müssen.
Nun hat sich Stefanie Stahl, die sich übrigens auch gerade in Trier ihren Lebenstraum erfüllt und ein Restaurant/Biergarten/Café namens „Heimat“ eröffnet hat, in 45 Essays jene Bereiche des zwischenmenschlichen Lebens besprochen, die der heute 62-Jährigen gerade jetzt relevant scheinen. Und da geht es zwar auch noch um viele individuelle Themen, wie man Beziehungen führt oder wie man „den Richtigen“ kriegt, aber es geht ihr diesmal viel mehr um eine gesamtgesellschaftliche Ansprache, denn ihr großes Thema ist Selbstreflexion. „Wenn jemand mit politischer und wirtschaftlicher Macht unreflektiert handelt, können die Folgen nicht nur ein einzelnes Leben betreffen, sondern Tausende, manchmal Millionen. Ich sage deshalb gerne (mit einem Augenzwinkern): Die Beschäftigung mit der eigenen Psyche ist kein Hobby von Frauen in den Wechseljahren, sondern eine gesellschaftliche und politische Notwendigkeit.“
Zur Person
Stefanie Stahl (62) ist Psychologin, Psychotherapeutin und Autorin. Mit ihrem 2015 erschienenen psychologischen Ratgeber „Das Kind in dir muss Heimat finden“ belegte die in Trier lebende Stahl von 2017 bis 2024 durchgehend Platz eins der „Spiegel“-Jahresbestseller-Liste. Das Buch wurde millionenfach verkauft und in 30 Sprachen übersetzt.
Ihr aktuelles Buch heißt: „Ich erklär das jetzt mal psychologisch“.
Stahl hostet zudem die beiden Podcasts: „Stahl aber herzlich“ und „So bin ich eben“
Nun ist das mit der großen Selbstreflexion aber gar nicht so einfach, denn „wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind – sondern so, wie wir annehmen, dass sie sind“, so Stahl. Ob das gleichbedeutend einem Pipi-Langstrumpf-Leben ist, in dem wir uns die Welt machen, wie sie uns gefällt, will Stahl nicht komplett unterschreiben, doch „unsere Wahrnehmung ist nicht neutral. Wenn ich mich zum Beispiel unterlegen fühle, nehme ich andere Menschen schnell als bedrohlich wahr. Vielleicht gehe ich dann in den Rückzug oder in den Angriff. Beide Reaktionen sind meiner verzerrten Wahrnehmung und nicht der Wirklichkeit geschuldet. Wenn ich mir meiner Gefühle hingegen bewusst bin, kann ich einen Schritt zurücktreten und mich fragen: Ist mein Gegenüber tatsächlich bedrohlich – oder fühle ich mich gerade einfach klein und unsicher?“
Selbstreflexion beginne damit, die eigenen Gefühle zu fühlen und zu verstehen. Das fällt nicht allen Menschen gleich leicht. „Viele Frauen zum Beispiel haben wenig Zugang zu dem Gefühl der Wut. Sie verstecken das oft unter dem Gefühl der Trauer. Das ist auch ein Grund, warum sie zu lange in Beziehungen bleiben, die ihnen schon lange nicht mehr gut tun“, so Stahl. Hintergrund ist, dass der Schmerz und der Gedanke an Veränderung eine tief sitzende Angst auslöst. Umgekehrt sind viele Männer von ihren Gefühlen oft noch viel stärker abgeschnitten, sie wissen mit Traurigkeit oder Angst nicht umzugehen, formen sie liebe in Wut um, weil ihnen beigebracht wurde, dass Wut ein legitimes Gefühl für Männer sei. Also ist es wichtig, den Gefühlen einmal Raum zu geben“, so Stahl.
Die psychologischen Mechanismen hinter Konflikten seien universell. „Es spielt keine Rolle, ob wir uns mit einem Nachbarn wegen einer Lappalie streiten oder ob ein Staat in ein Land einmarschiert. Die zugrunde liegenden Dynamiken des Gekränktseins, von Schuldzuweisung und Vergeltung sind erschreckend ähnlich. Selbstreflexion ist die einzige Chance, aus diesem Muster auszusteigen - als Individuum und als Gesellschaft“, meint Stefanie Stahl, die auch betont, dass man in jedem Konflikt, in jeder Unsicherheit auch gut daran tut, auf die eigenen Anteile zu achten. „Wenn ich immer wieder in ähnliche Situationen komme oder ähnliche Beziehungsmuster erlebe, lohnt sich der Blick und die Frage, ob auch ich selbst das Problem bin. Das zu sehen und sich dabei aber selbst dennoch nicht abzuwerten, sondern in eine Phase des persönlichen Wachstums zu gehen, kann das Leben fundamental verbessern.“
Und Stefanie Stahl hat sich auch die künstliche Intelligenz als Therapeut angesehen. Die KI hat den Vorteil, dass sie immer verfügbar ist und nie bewertet. Menschen schämen sich deswegen nicht, ihre Probleme und auch Unsicherheiten zu teilen. „KI ist toll, wenn es um die Strukturierung von Problemen geht und sie kann auch behilflich sein“, sagt Stahl, die auch einen kleinen Chat mit ihrer „Chatti“ veröffentlicht hat. Dabei geht es um das für Stahl sehr persönliche Thema des eigenen Todes und des Sterbens, denn „tatsächlich finde ich den Tod ätzend, ich würde gerne die Zeit anhalten, wenn ich ehrlich bin.“
Doch wenn es eben tiefgreifend wird, ist die KI zwangsweise irgendwo mit ihrem Latein am Ende. „Sie kann nur das nehmen, was ich bereit bin zu teilen. Sie fühlt nicht, was zwischen den Zeilen ist, und sie ist eben kein Mensch. Es ist aber so, dass Menschen durch Menschen verletzt werden. Aber umgekehrt auch nur durch Menschen heilen können.“ Ein Plädoyer für mehr Verbundenheit und eine klare Warnung, nicht die gesamte Lebenszeit mit Dingen wie „Selbstoptimierung“ zu verbringen. „Das macht unglücklich und man ist ja leider auch nie am Ende. Weil perfekt zu sein unerreichbar ist und wer sich ständig selbstoptimiert, kann demnach nur scheitern.“