August Hanning: Vom obersten Staatsschützer zum Landesverräter
Ex-BND-Chef August Hanning ist wegen des Verdachts auf Spionage festgenommen worden. Er soll geheime Dokumente von einem früheren Büroleiter bezogen und für einen ausländischen Dienst analysiert haben

Bis Dienstagmorgen gilt auch für August Hanning die wichtigste Regel eines Geheimdienstchefs, selbst dann, wenn er längst außer Dienst ist: Die Öffentlichkeit kennt seinen Namen – sonst am besten nichts.
Nun aber klingelt an der Tür seines Wohnhauses in Nordrhein-Westfalen die Polizei. Exakt: Beamte des Bundeskriminalamts. Sie eröffnen dem 80 Jahre alten ehemaligen Chef des Bundesnachrichtendiensts (BND) einen Haftbefehl. Die Vorwürfe, laut „Spiegel“: Verdacht auf landesverräterische Ausspähung, das Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, versuchter Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit.
Zuvor wurde er mit Lob überschüttet
Das ist keine Kleinigkeit, erst recht nicht für einen, der sieben Jahre lang, von 1998 bis 2005, unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) den deutschen Auslandsgeheimdienst geleitet hat. Und dafür mit Lob förmlich überschüttet wurde.
Die „Süddeutsche“ zitierte 2004 in einem Hanning-Porträt die Crème de la Crème von Politik und Verwaltung. „Ein sehr guter Mann“, so der damalige Chef des BKA, Ulrich Kersten. „Ich bin mir sicher, dass er mir keine Falle baut“, erklärte Bayerns damaliger Innenminister Günther Beckstein (CSU). Und Hannigs Vorgänger beim BND, Hansjörg Geiger, nannte den Nachfolger schlicht: „Grundanständig.“
Wie kommt so einer in den Verdacht des Landesverrats?
Durch einen der aufsehenerregendsten Gerichtsprozesse derzeit in Deutschland: das Verfahren gegen die Hamburger Unternehmerin Christina Block. Sie soll Ende 2024 die Entführung von zwei ihrer drei beim Vater in Dänemark lebenden Kinder beauftragt haben.
Hanning, nach seiner BND-Zeit als Chef einer Sicherheitsfirma und als Berater tätig, geriet in Verdacht, vor der tatsächlichen Entführung einen Auftrag von Christina Block angenommen zu haben, ihre Kinder zurück nach Deutschland zu bringen. Das Gericht lud ihn im Herbst 2025 als Zeugen; Hanning verweigerte die Aussage, um sich – gegebenenfalls – nicht selbst zu belasten.
Bei der Durchsuchung wurde man fündig
In diesem Zusammenhang wurden Hannings Geschäfts- und Privaträume durchsucht. Und dabei offenbar Unterlagen gefunden, die ihn in den Verdacht bringen, einen ausländischen Geheimdienst mit Unterlagen versorgt zu haben – die ihm wiederum nach seinem Ausscheiden beim BND sein früherer Büroleiter dort zugespielt haben soll. Der 64 Jahre alte Beamte wurde am Dienstag ebenfalls festgenommen.
Hannings guter Ruf in Politikerkreisen beruhte unter anderem auf einer Warnung, die Deutschland 2003 aus dem Irak-Krieg heraushielt. Er hatte Kanzler Schröder und Außenminister Joschka Fischer (Grüne) gewarnt, dass es – anders als die US-Administration unter Präsident George W. Bush behaupte – keine Hinweise gebe auf Verbindungen zwischen Iraks Autokraten Saddam Hussein und dem Drahtzieher der 9/11-Anschläge, Osama bin Laden.
Und bis zu den Ermittlungen im Zuge des Block-Prozesses galt der promovierte Jurist Hanning weiter als der perfekte Staatsdiener – und ein Muster an Verlässlichkeit.