Die Euphorie in Syrien ist verflogen, eine Heimkehr ist für viele Flüchtlinge wenig attraktiv
Die EU-Länder hoffen auf die Rückkehr einer großen Zahl von Flüchtlingen. Doch hohe Preise, Korruption und Machtkämpfe in Syrien schrecken ab.

Fast zwei Jahre nach dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien leiden die meisten der 28 Millionen Einwohner des Landes immer noch unter Armut und Arbeitslosigkeit. Die Regierung von Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa hat zwar internationale Partner gefunden und Milliardeninvestitionen ins Land geholt, doch der Aufschwung kommt bei der Bevölkerung bisher kaum an.
Die Unzufriedenheit entlud sich zuletzt in landesweiten Protesten gegen Benzinpreiserhöhungen. Die Krisen erschweren es Österreich, Deutschland und anderen europäischen Staaten, syrische Flüchtlinge schnell nach Hause zu schicken.
Der Wiederaufbau Syriens habe begonnen, sagte Sharaa vorige Woche bei der UN-Vollversammlung in New York. „Mit Syrien geht es aufwärts.“ Seit der Vertreibung von Diktator Bashar al-Assad im Dezember 2024 haben ausländische Geldgeber in Syrien nach Regierungsangaben und Schätzungen von Experten mehr als 50 Milliarden Dollar an Investitionen zugesagt.
Wohnungen von Millionen Bürgern haben laut Sharaas Regierung zum ersten Mal seit Jahren wieder Anschluss an die Wasserversorgung, in den meisten Landesteilen konnte die Stromversorgung von wenigen Stunden am Tag auf bis zu 20 Stunden gesteigert werden. Fast zwei Millionen syrische Kriegsflüchtlinge sind nach Zählung des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNHCR inzwischen aus dem Ausland zurückgekehrt – das ist fast ein Drittel aller Auslandsflüchtlinge. Auch zwei der sieben Millionen Menschen, die seit Kriegsausbruch 2011 innerhalb von Syrien vertrieben wurden, sind wieder zu Hause.
Syrer plagt Wohnungsnot
Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Zwei von drei Syrern müssen nach Berechnungen der Weltbank mit weniger als vier Euro am Tag auskommen. Die Wohnungsnot sowie die Kosten für den Alltag und für den Neustart in den kriegszerstörten Städten und Dörfern seien die größten Probleme, sagte ein syrischer Flüchtling im benachbarten Libanon dem UNHCR.
Rückkehrer seien in dieser Situation „eine zusätzliche Last für ein ziemlich kaputtes System“, sagt der Syrien-Experte Julien Barnes-Dacey von der europäischen Denkfabrik ECFR zur Kleinen Zeitung. Die ausländischen Milliardeninvestitionen könnten bisher den Alltag der Bevölkerung nicht verbessern, erklärt Barnes-Dacey. Heimkehrende Syrer konkurrieren mit den Daheimgebliebenen bei der Suche nach Wohnungen, Jobs und Schulen für die Kinder.
Insgesamt braucht Syrien laut der Weltbank mehr als 200 Milliarden Dollar für den Neuaufbau, der Jahre dauern wird. Die Ungeduld wächst, die Euphorie der Zeit nach Assads Sturz ist verflogen. Seit Jahresbeginn gab es Proteste von Krankenhauspersonal, Rechtsanwälten, Bauern und Lehrern. Die Erwartungen der Bevölkerung steigen schneller, als die Regierung liefern kann, wie Charles Lister vom US-Nahostinstitut dem Sender CNN sagte.
Entscheidungen und Erscheinungsbild von Sharaas Regierung fachen den Ärger der Syrer noch an. Die islamistische Führung in Damaskus hat die Preise für Alkohol drastisch erhöht. Preisanhebungen von bis zu 40 Prozent bei Diesel und Benzin trieben in den vergangenen Wochen zehntausende Syrer zu Protesten auf die Straße und zwangen die Regierung dazu, einen Teil der Preiserhöhungen wieder zurückzunehmen.
Auch der Protz von Regierungsvertretern stößt die Menschen ab. Weil viele Politiker und hohe Bürokraten mit großen und teuren Import-SUVs wie dem Chevrolet Tahoe durchs Land fahren, wird Sharaas Kabinett inzwischen „Regierung von Tahoe“ genannt, wie der Syrien-Experte Joshua Landis von der US-Universität Oklahoma auf X schrieb.
Außenpolitische Konflikte kommen hinzu. Weil der Iran-Krieg die Ölpreise in die Höhe treibt, muss Syrien jeden Monat mehr als 800 Millionen Dollar für Ölimporte ausgeben; die Förderung der eigenen Ölvorkommen hinkt wegen der zerstörten Infrastruktur dem Bedarf hinterher.
Regionaler Machtkampf
Israel misstraut der aus der radikal-islamistischen Szene hervorgegangenen Sharaa-Regierung und will Syrien möglichst schwach halten. Sharaa sagte in seiner UN-Rede, Damaskus habe bisher 500 israelische Luftangriffe und 1200 Vorstöße israelischer Bodentruppen auf syrisches Staatsgebiet gezählt. Syrien ist auch Austragungsort eines regionalen Machtkampfes zwischen Israel und der Türkei.
In der europäischen Diskussion über die Abschiebung syrischer Flüchtlinge spielen diese Faktoren bisher kaum eine Rolle. In Deutschland etwa will Innenminister Alexander Dobrindt vor allem alleinstehende junge Männer nach Syrien zurückschicken, die nach seiner Einschätzung ihren Lebensunterhalt auch in ihrer Heimat bestreiten könnten.
Wenn Syrien in die Lage versetzt werden solle, mehr Flüchtlinge zurückzunehmen, brauche das Land massive ausländische Unterstützung, sagt Barnes-Dacey. Die EU-Länder müssten Damaskus also mehr Geld bereitstellen. „Vor allem aber sollte prinzipiell anerkannt werden, dass bei der Rückkehr nicht zu sehr aufs Tempo gedrückt wird“, meint der Experte. Das sei wichtig für die Stabilität Syriens. Die Kapazitäten für die Re-Integration von Flüchtlingen müssten dauerhaft gestärkt werden – „und das geht einfach nicht so schnell“.