Achtjährige Studentin: „Ich bin kein Wunderkind“
Hemma Bach ist acht Jahre alt, spielt vier Instrumente, komponiert. Seit dem Wintersemester studiert sie als jüngste Studentin an der Uni Graz und Klagenfurt.

Wenn man Hemma Bach sieht, wirkt sie wie die meisten achtjährigen Mädchen, sticht nicht heraus. Sie trägt einen knallroten Pullover, auf dem das Logo der Universität Graz prangt, einen blauen Haarreifen, der ihre braunen Haare aus dem Gesicht streift und einen kleinen pink und lila gemusterten Rucksack. Auf den ersten Blick würde wohl niemand am Campus denken, dass sie hier studiert, eine Kommilitonin ist.
Das ändert sich aber schnell, wenn man mit ihr spricht. Wenn sie über die Musik erzählt, über ihre erste Vorlesung, ihre Kompositionen, dann glänzen ihre Augen. Ihre Erzählweise, ihre Sprache erinnert eher an die einer Erwachsenen als einer Volksschülerin. „Ich fand die Vorlesung echt schön, ich wurde richtig ernst genommen“, erzählt die Kärntnerin.
Ein Studium als großer Traum
Hemma studiert seit dem Wintersemester als außerordentliche Hörerin an der Uni Graz, ist mit großem Abstand die jüngste Studentin hier. An der Uni Klagenfurt besucht sie Lehrveranstaltungen für Englisch und weitere Wahlfächer. Sie spielt vier Instrumente, komponiert, ist ausgebildete D-Kirchenmusikerin und hat ein eigenes Buch geschrieben. In der Schule ist sie in den meisten Fächern vier bis fünf Klassen voraus. Für Hemma ist all das normal, ihr Alltag. „Ich bin gar kein Wunderkind, jeder Mensch ist ein Wunderkind, ich habe nur sehr viele Gaben bekommen und bin auch sehr fleißig und nutze sie.“
Ich musste letztes Jahr zehn Minuten zeigen, dass ich weiß, wo meine Nase ist, wo mein Knie ist, das ist sehr frustrierend
— Hemma Bach
Dass Hemma besondere Begabungen hat, ist ihren Eltern Valerie und Alexander Bach zunächst gar nicht aufgefallen. Auch als sie mit drei zu schreiben begann, haben sie sich nichts dabei gedacht. „Wir haben schon drei ältere Kinder und haben schon bei ihnen gemerkt, dass Entwicklungsverläufe ganz unterschiedlich sein können“, sagt Valerie Bach. Erst ihr Kompositionslehrer hat den Eltern dann gesagt, dass sie „gar keine Ahnung haben, was mit dem Kind los ist“.

Viele logistische Herausforderungen
Ein Leben wie jenes von Hemma ist aber nicht nur leicht, bringt viele Herausforderungen mit. Das Bildungssystem, die Schule, all das ist nicht auf Kinder wie Hemma ausgelegt. In der Schule könnte sie nur eine Klasse überspringen, deshalb wird Hemma zu Hause unterrichtet. Eine zufriedenstellende Lösung ist auch das nicht. Denn im Homeschooling darf sie in Bezug auf Prüfungen gar keine Klasse überspringen. „Ich musste letztes Jahr zehn Minuten zeigen, dass ich weiß, wo meine Nase ist, wo mein Knie ist, das ist sehr frustrierend“, erzählt Hemma. Auch ihre Eltern würden sich hier mehr Flexibilität für Kinder wie Hemma wünschen.
Hemmas Begabungen beeinflussen aber nicht nur ihr Leben, sondern das der gesamten Familie. Valerie Bach hat ihren Beruf aufgegeben, um all das zu ermöglichen. Auch finanziell ist die Situation für die Familie alles andere als leicht. „Es gibt keinerlei Stipendien, keinerlei finanzielle Förderungen, es gibt nichts. Aber es kostet natürlich extra“, erzählt Valerie Bach. Denn Hemmas Schulbücher müssen gleichzeitig an ihr Wissensniveau und ihr Spaßniveau angepasst sein. Keine leichte Aufgabe.
Buddy-System an der Uni Graz
Einer der weiß, wie es ist, bereits als Schüler zu studieren ist Benjamin Hackl. 2010 begann er mit 15 neben der Schule Mathematik zu studieren. Heute arbeitet er als Postdoc am Institut für Mathematik, forscht und hält Vorlesungen ab. Nebenbei ist er als „Buddie“ Ansprechpartner für alle Schülerinnen und Schüler, die an der Uni Graz studieren. Eine Studierende wie Hemma ist ihm in den letzten Jahren nie untergekommen. „Die Schülerinnen und Schüler sind im Schnitt 14 bis 15 Jahre alt, wenn sie an die Uni kommen“, sagt Hackl.
Österreichweit haben im Sommersemester 149 Schülerinnen und Schüler an Universitäten studiert. Hackl hat seine Entscheidung nie bereut, würde es sofort wieder machen. Auch wenn es am Anfang nicht immer leicht war. „Es war natürlich eine gewisse Reibung da, man findet nicht ganz so leicht Kontakt zu den anderen Studierenden“, erzählt er. Mit der Zeit wurde aus dem Jugendlichen, der still und heimlich hinten im Hörsaal saß, ein selbstbewusster Studierender, inklusive Freundeskreis an der Uni.
Sorge vor Überforderung ist allgegenwärtig
Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Sorge, dass all das zu viel wird, ist für die Eltern von Hemma zum ständigen Begleiter geworden. Die richtige Balance ist es auch, die Mutter und Tochter immer wieder aneinanderkrachen lässt. Denn oft liegt eine große Lücke zwischen den Wünschen von Hemma und dem Machbaren. Wenn es nach Hemma ginge, würde sie etwa gerne jeden Tag nach Graz an die Uni kommen.
Der Tag hat einfach acht Stunden zu wenig
— Hemma Bach
Auch ihr Stundenplan hat heuer für Diskussionen gesorgt. „Wir haben sie aufschreiben lassen, was sie alles machen möchte“, sagt Valerie Bach. Was dabei rausgekommen ist: Ein Stundenplan, der mehr als tagesfüllend war und in dem Essen, Schlafen und unverplante Zeit, die den Eltern besonders wichtig ist, noch gar keinen Platz gefunden hat. „Der Tag hat einfach acht Stunden zu wenig“, sagt Hemma.
Tanzen, Taekwondo und Waldspaziergänge
Momente in denen Hemma ganz Kind sein kann, sind solche in denen sie mit Freundinnen zusammen ist. Gemeinsame Interessen zu finden, ist dabei nicht schwer. Hemma tanzt, macht Taekwondo, kennt ihre meisten Freunde von dort. Auch die Natur und die Liebe für Hunde verbindet sie. Ihre erste Liebe, wie Hemma es selbst bezeichnet, ist aber das Klavier. Sie davon loszubekommen ist für ihre Eltern nicht immer leicht, kann schon einmal in einem Wutanfall enden.
Wenn man Hemma heute fragt, was sie später einmal werden möchte, hat sie darauf daher eine ganz klare Antwort: „Ich will werden, was ich bin. Komponistin und Musikerin.“