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Ein Mutmacher-Buch für alle Stadtplaner und Politiker

„Courage“ nennt sich das neue Buch, das Stadtplanerin Aglaée Degros mit anderen herausgegeben hat. Wie sich Widerstand überwinden lässt, um den öffentlichen Raum zu beleben.

Frau mit blonden Locken steht am Marktplatz und hält ein Buch hoch
© Gerald Winter-Pölsler
Aglaée Degros bei der Buchpräsentation von "Courage – Transformation von Mobilitätsräumen" am Lendplatz
Gerald Winter-Pölsler
Stv. Leiter Steiermark-Ressort

„Autos sind fantastisch“, sagt Filip Watteeuw. Bequem, Schutz vor Regen und Hitze, schnell. „Aber in einer Stadt, da haben Autos Konsequenzen.“ Watteeuw steht in der Markthalle am Grazer Lendplatz und erzählt, wie er in seiner Heimatstadt Gent in Belgien mit diesen Konsequenzen umgegangen ist und seither europaweit als Vorreiter gilt. Als Stadtrat für Mobilität hat er 2017 den „circulation plan“ implementiert – und für eine Verkehrsrevolution gesorgt.

Das umzusetzen hat politischen Mut erfordert – und persönlichen. Das beschreibt Watteeuw im neuen Buch „Courage“, das Aglaée Degros vom Institut für Städtebau der TU Graz mit vielen anderen herausgegeben und in der Markthalle am Donnerstagabend vorgestellt hat. Der Widerstand gegen den Zirkulationsplan war groß und ging so weit, dass Watteeuw Morddrohungen erhielt. Er musste eine Zeitlang mit Polizeischutz leben. Was die Drohungen provozierte: Er hatte den Plan, den Durchzugsverkehr aus dem Stadtzentrum zu verbannen, indem er das Gebiet in sechs Zonen unterteilte. Anrainer und Leute mit einem Ziel können immer zufahren, aber will jemand von einer Zone direkt in eine andere, kann er das nur mit dem Rad und den Öffis. Mit dem Auto muss man dazu aus der Zone raus auf eine Ringstraße und kann erst von dort in die neue Zone einfahren.

Gent: „40 Prozent unseres Autoverkehrs waren Durchzugsverkehr“

Filip Watteeuw aus Gent bei der Buchpräsentation von "Courage – Transformation von Mobilitätsräumen" in der Markthalle am Lendplatz
© Gerald Winter-Pölsler
Filip Watteeuw aus Gent bei der Buchpräsentation von "Courage – Transformation von Mobilitätsräumen" in der Markthalle am Lendplatz

„40 Prozent unseres Autoverkehrs waren Durchzugsverkehr“, erzählt Watteeuw. Die Konsequenz für die Stadt: Stau, Lärm, Unfälle. Mit dem an sich einfachen Plan, der nur fünf Millionen Euro gekostet hat und nach zweieinhalb Jahren Planung über ein Wochenende implementiert wurde, wurde viel Fläche frei, die man nun anders nutzt. „Zum Spielen für Kinder, Sportangebote, Gastgärten“, zählt Watteeuw auf. Und: Nach wenigen Monaten ist die NOx-Belastung um 18 Prozent zurückgegangen, die Nutzung der Öffis ist um zwölf Prozent gestiegen, der Radanteil von 22 auf 35 Prozent, die Zahl der Unfälle um 35 Prozent gesunken.

Das Buch

„Courage – Transformation von Mobilitätsräumen“, herausgegeben von Aglaée Degros, Martin Berger, Eva Schwab und anderen. Erschienen im Jovis-Verlag, 38 Euro.

Als Politiker habe er gelernt: „Der Widerstand ist immer sehr laut, aber kommt meist nur von einer kleinen Gruppe. Die Befürworter sind immer sehr leise.“ Man dürfe sich vom Lauten nicht aufhalten lassen, wenn man von der Sache überzeugt ist. „Der Moment, als ich akzeptiert habe, dass meine politische Karriere von heute auf morgen vorbei sein kann, war der Moment, der mir die Kraft gab, weiterzumachen.“

„Courage“, ein Mutmacher-Buch

Der Beitrag Watteeuws ist ein zentraler im Buch, aber natürlich nicht der einzige. Beispiele aus Mailand, Marburg, Paris, Graz und anderen Orten zeigen, wie die „Transformation von Mobilitätsräumen“ gelingen kann und welche Hürden auf dem Weg lauern. Und wie sie genommen werden können. Es zahlt sich aus, ist Filippo Albertini aus Mailand überzeugt: „Die Folge ist Leben im öffentlichen Raum.“

Das Buch, grafisch erneut auffällig gestaltet, ist ein Mutmacher für Stadtplanerinnen und -planer sowie politische Akteure, die Veränderung wollen. „Man hat ja oft das Gefühl, dass man überhaupt nichts verändern kann“, so Degros. Es zielt auf ein Fachpublikum, ist durch die verständliche Sprache aber auch für interessierte Laien gemacht. Die Texte sind jeweils in Deutsch und Englisch zu lesen.