Paartherapeutin: „Wenn Männer bei uns anrufen, wissen wir: Der Hut brennt“
Barbara Fluch arbeitet als Paar- und Sexualtherapeutin in Gleisdorf. In ihrer Praxis erlebt sie, wie vermeintlich banale Streitereien über Haushalt oder Sex zu tiefen Beziehungskrisen werden – und warum erstaunlich oft die Männer den ersten Termin vereinbaren.
Frau Fluch, wer ruft bei Ihnen an, wenn eine Beziehung in der Krise steckt?
Barbara Fluch: Oft sind es tatsächlich die Männer. Wenn ein Mann anruft und sehr schnell einen Termin möchte, wissen wir meistens schon: Da ist das Wort Trennung gefallen. Und das macht Angst. Plötzlich entsteht beim Mann die Angst vor dem Verlust – und damit die Bereitschaft, sich Hilfe zu holen.
Was sind das für Paare, die bei Ihnen in Gleisdorf sitzen?
Sehr viele kommen aus der unmittelbaren Region. Oft sind es Paare ab 30, bei denen Kinder dazukommen. Später kommen Paare, die schon länger zusammen sind, ein Haus gebaut und sich etwas geschaffen haben. Gerade diese Umbrüche bringen Rollenbilder stark zum Vorschein.
Worüber wird gestritten?
Ein Klassiker ist der Haushalt. Männer sagen etwa: „Ich hab draußen gearbeitet und du hast deine Arbeit daheim nicht erledigt.“ Unbezahlte Arbeit wird häufig gar nicht als Arbeit wahrgenommen. Oder ein Mann sagt: „Ich helfe ja eh im Haushalt.“ Allein dieses „Helfen“ zeigt aber schon: Eigentlich sieht er die Verantwortung bei der Frau.
Sie sagt: „Dann schlafe ich mit ihm, dann habe ich ein paar Tage Ruhe.“
— Barbara Fluch, Paar- und Sexualtherapeutin in Gleisdorf
Ist dieses traditionelle Rollenbild in der Steiermark tatsächlich noch so präsent?
Bei den Menschen, mit denen ich arbeite: ja. Viele können mit Begriffen wie Care-Arbeit oder Rollenbilder wenig anfangen. Wenn ich frage: An welches Geschlecht denkt ihr bei „stark“, bei „emotional“ oder bei „Hausarbeit“?, wird plötzlich sichtbar, was unbewusst wirkt.
Auch Sex ist häufig Thema. Was erleben Sie da?
Manchmal kommen Paare zu uns und wollen die Lustlosigkeit der Frau „behandelt“ haben. Es gibt die Vorstellung: Sex gehört zu einer gesunden Beziehung, also muss das funktionieren. Wenn Frauen Nein sagen, erleben manche Männer das als Ablehnung oder sogar als Bedrohung ihrer Männlichkeit.
Wann wird aus einem Beziehungskonflikt psychische Gewalt?
Wir schauen sehr genau hin. Wenn mein Verhalten dazu dient, den anderen zur Anpassung zu bringen, wenn Kontrolle entsteht, wenn jemand Angst bekommt und der eigene Handlungsspielraum immer kleiner wird, wird es problematisch. Ein Beispiel wäre eine Frau, die sagt: „Dann schlafe ich halt mit ihm, dann habe ich wieder ein paar Tage Ruhe.“ Da müssen wir genauer hinschauen.
Sie sagen, viele Frauen erkennen diese Dynamiken selbst lange nicht. Warum?
Weil vieles als normal erlebt wird. Ich höre in der Praxis Sätze wie: „Bei meinen Freundinnen ist das auch so.“ Frauen haben gelernt, sich sehr stark anzupassen. Irgendwann spüren sie aber: Da stimmt etwas nicht. Trennung kann dann ein Hilfeschrei sein – und manchmal das Einzige, von dem eine Frau weiß, dass es Wirkung hat.
Was hat Sie selbst in Ihrer Arbeit überrascht?
Dass diese strukturelle Ebene in meiner Ausbildung kaum Thema war. Ich saß irgendwann vor Paaren und dachte mir: Was habe ich mit klassischer Paartherapie möglicherweise sogar stabilisiert? Ich habe auf Kommunikation und Verbindung geschaut, aber bestimmte Rollenbilder nicht gesehen.
Deshalb haben Sie selbst eine Fortbildung entwickelt?
Ja. Gemeinsam mit meiner Kollegin Silke Grabenberger haben wir eine Fortbildung für Fachpersonen gestartet, die Machtsensible Paartherapie. Es geht darum, frühe Gewaltdynamiken zu erkennen und patriarchale Strukturen in Beziehungen überhaupt benennen zu können. Denn wenn wir diese Ebene als Therapeutinnen ausklammern, können wir problematische Muster weiter normalisieren.
Was wäre für Sie also echte Prävention?
Früher hinzuschauen. Femizide sind nur die Spitze. Davor gibt es einen Nährboden. Wenn wir erkennen, wie Kontrolle, Abwertung und Angst entstehen, können wir viel früher ansetzen. Beziehung auf Augenhöhe beginnt damit, dass wir überhaupt erkennen, welche Rollenbilder in uns wirken.