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Georg Danzer: Das Lied seines wahren Lebens

Georg Danzer, Österreichs erster Singer-Songwriter, wäre am 7. Oktober 80 geworden. Der Poet und Provokateur wird immer noch grob missverstanden. Was steckt dahinter?

Georg Danzer live on stage: Der Singer-Songwriter zu Beginn der Neunziger-Jahre
© ORF/Andreas Friess
Georg Danzer live on stage: Der Singer-Songwriter zu Beginn der Neunziger-Jahre

Ein Wiener, der nicht raunzt, ist verdächtig. Ein Wiener, der sein Raunzen zur Kunst macht, ist ein Nationalheiligtum: Georg Danzer gelang es, aus Grant Zärtlichkeit, aus Antihelden Literatur und aus dem Wiener Dialekt einen Sound für all jene Dinge zu machen, über die man im Österreich seiner Jugend lieber nicht sprach.

„Er hat an Tabus gerüttelt, aber nicht um zu provozieren – sondern aus poetischer Melancholie heraus“, sagt Franz Christian „Blacky“ Schwarz, gut eineinhalb Jahrzehnte sein Manager und unverbrüchlicher Freund. Danzer hatte sogar ein Lied für ihn geschrieben, „Fragt‘s mein´ Mänätscha“ heißt es. Schwarz ist darin der Schutzschild gegen eine Welt, mit der sein Künstler fremdelte. „Er war der herzlichste Mensch, aber diese Vereinnahmung, dieses Schulterklopfen – leiwand, Schurli, gemma Schurli – war ihm zuwider.“

Als Danzer am 7. Oktober 1946 geboren wurde, war Weltschmerz. Als er in den frühen Siebzigern als Sänger hervortrat, diente Pop noch der reinen Ablenkung, nicht der Beobachtung. Freddy Quinn besang „brennend heißen Wüstensand“, Peter Alexander wenig später die kleine Kneipe, „wo das Leben noch lebenswert ist“. Danzer sprengte diese Vergessenswelt. Nicht alleine, aber als erster komplett ausgeformter Singer-Songwriter Österreichs.

Franz Christisan „Blacky“ Schwarz: Der Wiener Musik-Promoter war für eineinhalb Jahrzehnte Danzers Manager - und einer seiner engsten Freunde
© IMAGO/(c) Leopold Nekula/viennaerport
Franz Christisan „Blacky“ Schwarz: Der Wiener Musik-Promoter war für eineinhalb Jahrzehnte Danzers Manager - und einer seiner engsten Freunde

Kein Tabu war vor Danzer sicher

Schon auf dem offiziellen Debüt-Album „Der Tschik“ von 1972 steht der spätere Danzer praktisch fertig da. In „Russland“ etwa erzählt ein alter Mann mit brüchiger Stimme vom Krieg – nicht von Heldentum, sondern von Hunger, Angst und toten Kameraden. Daneben „Mitzi“: Ein Mann besucht das Grab einer Frau, die er zu Lebzeiten schlecht behandelt hat. Er kann nicht sagen, dass er sie vermisst. Also redet er, grantelt, schimpft über sich selbst. Bis man merkt, dass er weint.

Vielleicht ist „Mitzi“ deshalb Danzers lyrische Perle. „Ruaf mi ned au“ ist zwar der hymnische Popsong, „Jö schau“ der Gassenhauer. Doch „Mitzi“ enthält sein poetisches Verfahren: Selbst ein Wiener Mann hat Gefühl – aber tut alles, um es nicht aussprechen zu müssen. Gerade dadurch wird es sichtbar. Danzer poetisierte das Raunzen. Darin ähnelte die Kunst womöglich ihrem Schöpfer. Danzer sprach immer wieder von massiven Selbstzweifeln. Je stärker der Applaus, sagte er einmal sinngemäß, desto größer sein Verdacht, die Leute hätten bloß nicht bemerkt, wie schlecht er gewesen sei. Vorsicht konnte bei ihm wie Arroganz wirken, Distanz wie Überheblichkeit.

Danzer und die Angst vor der Verletzung

„Einer seiner Schulkollegen vom Gymnasium hat ihn mir als ruhig und verträumt beschrieben“, erzählt Blacky Schwarz. Als einen, der während der Pausen in der Klasse sitzengeblieben sei, um Gedichte zu schreiben. „Er scannte Menschen sehr lange, bis er sich sicher war, ob er den Kontakt vertiefen will oder nicht. Nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Vorsicht, vielleicht aus der Befürchtung heraus, verletzt zu werden.“

Die Zurückhaltung in Person konnte öffentlich ein bemerkenswert hemmungsloser Hund sein: Spätestens „Narrenhaus“ von 1978 liest sich schon in der Titelliste wie ein Anschlag auf das Österreich der Lodenmäntel: „Ganz Wien träumt vom Kokain“, „Die Moritat vom Frauenmörder Wurm“, „Geh in Oasch“, „Der legendäre Wixerblues“. Sex, Drogen, Psychiatrie und Gewalt: Würde Danzer heute noch leben oder würde ein zeitgenössischer Künstler mit dessen Songlist neu in die Öffentlichkeit treten – er hätte null Airplay, wäre ein reines Social-Media-Phänomen und Gegenstand exzessiver Empörung.

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Lederjacke, Zigarette: Der Künstler war Kettenraucher - und Lungenkrebs die Folge
Lederjacke, Zigarette: Der Künstler war Kettenraucher - und Lungenkrebs die Folge © Imago

Danzers Karriereknick

Und derselbe Mann schrieb „Weiße Pferde“. Ausgerechnet diese hochdeutsche, weich gezeichnete Ballade ist heute sein meistgehörter Song auf Spotify, noch vor „Jö schau“. Man kann darin Danzers inneren Widerspruch hören: hier „Russland“, „Mitzi“ und die kaputten Existenzen, dort weiße Pferde am Meer. Tabubrecher und Faserschmeichler, das ging nicht immer zusammen. In den Achtzigern kam der Karriereknick.

Ein Manager verschwand, finanzielle Schwierigkeiten folgten, der Plattenvertrag wurde nicht verlängert, Danzer ging nach Deutschland. „Weiße Pferde“ war nicht Ursache dieser Krise. Aber das Lied taugt als Symbol eines Künstlers, der gefühlvoll sein wollte, ohne dabei allzu gefällig zu wirken – und manchmal dennoch knapp daran vorbeischrammte.

Danzer zwischen Krankheit und Glück

2006 wurde bei Danzer Lungenkrebs diagnostiziert. Noch im April 2007 stand er auf der Bühne einer vollen Wiener Stadthalle. Am 21. Juni starb er mit 60 Jahren. Sein Tod sollte erst bekannt gegeben werden, nachdem er eingeäschert worden war. Selbst sein eigenes Farewell entzog er der allgemeinen Verschurlisierung.

„Erst am Abend vor seinem Tod haben wir unseren ersten gemeinsamen Vertrag aufgesetzt“, sagt Blacky Schwarz. „Mit sich selbst war er im Reinen, wollte nur, dass ich alle Details seiner Verlassenschaft im Blick behalte.“ In diesen Tagen sei er dankbar gewesen für jede Kleinigkeit, die das Leben für ihn bereithielt, und freute sich daran. Georg Danzer hatte sich durchs Leben geraunzt. Und meinte damit nur, dass er es liebt.

Jubiläum

Zu Danzers 80. Geburtstag zeigt der ORF am 5. Oktober um 22.30 Uhr in ORF 2 die Doku „Schurli Danzer“. Zudem erschien kürzlich die Doppel-LP „DanzerMania“, auf der Austro-Stars live seine Lieder singen.