Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

"Die Schöne und das Biest" in Wien: The Kitsch is back

Es gibt Tage, an denen hat man das seltene Bedürfnis nach einem Schluck klebriger Limonade oder ausnahmsweise das Verlangen nach dem Bissen in eine Zuckerwatte, die so süß ist, dass einem die Zähne schmerzen. Wenn man solch einen Tag hat, dann kann man auch in "Die Schöne und das Biest" im Raimund Theater gehen. 30 Jahre nach der ersten Premiere haben die Vereinigten Bühnen Wien das Disney-Musical dorthin zurückgeholt. Und das Motto lautet weiterhin: Kitsch as Kitsch can.

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/VBW/Deen van Meer/Deen van Meer
© APA/VBW/Deen van Meer
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/VBW/Deen van Meer/Deen van Meer

In der Broadwayshow, die Matt West für Wien neu inszeniert hat, strotzt es nur so vor ungebrochenem Glitter und Flitter. Wenn es romantisch werden soll, hängen die Rosen von der Decke. Es gibt historische Wasserballettanspielungen à la Esther Williams, und wann hat man schon zuletzt bei einer Musicalinszenierung Stepptanz auf der Bühne gesehen? Das alles ist ebenso nostalgisch wie infantil, zielt mithin auf ein sehr junges oder ein sehr reifes Publikum ab. Musicalgeher im Alter zwischen diesen beiden Randbereichen müssen hingegen in der bereits erwähnten Zuckerwattenstimmung sein.

Und das sind bekanntlich viele Menschen, zählt das Broadwaymusical nach dem oscargekrönten Disney-Zeichentrickfilm (1991) doch zu den am längsten gespielten Produktionen überhaupt. Uraufgeführt 1994 und bereits 1995 bis 1997 im Raimund Theater programmiert, sahen bisher über 38 Millionen Menschen in mehr als 17 Ländern das Stück mit Musik des achtfachen Oscarpreisträgers Alan Menken.

Einen Anteil daran haben zweifelsohne die immer noch beeindruckenden Effekte im Stile einer Zaubershow, bei der die Verwandlungen des Biests scheinbar vor aller Augen vonstattengehen. Hohen Schauwert bieten auch überdimensionale Ornamente, die im Eiltempo durch die Luft fliegen und wie im filmischen Schnitt im Stakkato neue Räume gestalten.

Die darin stattfindende Geschichte ist indes hinlänglich bekannt: Der Prinz, von einer Hexe in ein Ungeheuer verwandelt, ist auf der verzweifelten Suche nach der echten Liebe, um den Zauber zu brechen. In Wien ist Dominik Hees das unbeherrscht-tollpatschige Biest, das hier weniger mit stimmlicher Gewalt als Charme glänzt. Die kluge Belle, gespielt von der makellosen Marlene Jubelius ohne Ecken und Kanten, wird zu seiner Gefangenen und ist anfangs so gar nicht begeistert von den unbeholfenen Avancen der Kreatur.

Immerhin ist die in Haushaltsgegenstände verwandelte Dienerschaft des Schlosses auf ihrer Seite. Und trotz allen auf den Effekt und die Äußerlichkeit setzenden Bühnenzaubers lautet nach gut zweieinhalb Stunden die Moral bekanntermaßen: Was zählt, sind nur die inneren Werte. Und das Premierenpublikum jedweden Alters freute sich.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - "Die Schöne und das Biest" von Alan Menken und Linda Woolverton/Howard Ashman/Tim Rice im Raimund Theater, Wallgasse 18-20, 1060 Wien. Regie: Matt West, Bühne: Stanley A. Meyer, Kostüm: Ann Hould-Ward. Mit Marlene Jubelius - Belle, Dominik Hees - Das Biest, Roy Goldman - Gaston, Simon Stockinger - Lumière, Wietske von Tongeren - Madame Pottine, Mathias Schlung - Herr von Unruh, Linus Al Baroffio - Lefou, Oliver Huether - Maurice, Jana Stelley - Madame de L'Amour, Birgit Arquin - Babette, u.a. . www.musicalvienna.at/de/spielplan/100050/DIE-SCHOeNE-UND-DAS-BIEST )