„Primetime“: Pädophilenjagd als Massenspektakel
In „To Catch A Predator“ ließ US-Reporter Chris Hansen in den 2000er-Jahren Pädokriminelle vor versteckten Kameras in die Falle tappen. Regisseur Lance Oppenheim seziert in seinem Spielfilm Hansens Methoden. Robert Pattinson agiert als Hansen oscarverdächtig.

Sein Gerechtigkeitssinn ist stark ausgeprägt, das Motiv auf dem Papier ehrenwert: Kinder und Jugendliche vor potentiellen Sexualstraftätern zu schützen. Nur tat dieser Getriebene das vor einem Millionenpublikum, das sich wöchentlich vor der Glotze versammelte, um den Lockversuchen des beharrlichen „Pedo-Hunters“ entgegenzufiebern. Der besagte Getriebene? Chris Hansen, ein früherer TV-Reporter, der in den Nuller-Jahren als Moderator der Sendung „To Catch A Predator“ Männer mit pädophiler Neigung vor versteckten Kameras enttarnte.
Über Chatrooms wurden die mutmaßlichen Täter geködert, von Lockvögeln im jungen Erwachsenenalter in einem Haus empfangen, danach übernahm der charismatische Host die Bühne: „Ich bin Chris Hansen, mit Dateline NBC. Wir machen eine Geschichte über Erwachsene, die versuchen, Teenager über das Internet zu treffen. Nimm doch bitte Platz.“ Kaum saßen die Beschuldigten im Verhörstuhl, kullerten Tränen. Das Raubtier ist geschnappt, ein Leben – selbstverschuldet, mit Verlaub – für immer ruiniert.
Alles für die Quote
Ob es diesem Hansen je um das Wohl der Opfer oder in erster Linie um Quotenmaximierung ging, hinterfragt Regisseur Lance Oppenheim nun als atemlose, clevere Mixtur aus Mediensatire und True-Crime-Thriller. Gespielt wird der Fernsehstar von Hollywood-Schauspieler Robert Pattinson, der erneut beweist, dass er sich vom viel belächelten Image des „Twilight“-Blutsaugers längst verabschiedet hat. Mit besessenem Blick legt er Hansen als machthungrigen Showman an, der sich im Öffentlichen als messianischer Retter stilisiert, während sein Privatleben wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Nutzen in anderen Menschen erkennt er nur dann, wenn sie sein Ego streicheln.

Ein aufstrebender Jungdarsteller (Skyler Gisondo: ebenso oscarverdächtig), der für die Sendung als Lockvogel besetzt wird, sieht das Casting als Chance, als Schauspieler Fuß zu fassen. Hansen nimmt ihn als Protegé unter seine Fittiche. Das Konzept geht so lange erfolgreich weiter, bis die Show einer Tragödie zum Opfer fällt, auf die der Film in einem farbintensiven Bilderreigen hinarbeitet.
Ästhetisch berauschende Medienkritik
Stilistisch wagemutig, aber durchaus berauschend, rekapituliert der 30-jährige Oppenheim, der zur gezeigten Zeit selbst noch Kind war, die reißerische Flimmerästhetik der Y2K-Jahre. „Primetime“ nimmt es sich aber nicht heraus, die Straftäter, die auf frischer Tat und oft ohne justizielle Folgen ertappt wurden, unter Schutz zu nehmen. Lance Oppenheim und sein Drehbuchautor Ajon Singh stellen einfach in Frage, ob sensationslüsternes Unterhaltungsfernsehen der richtige Ort ist, Pädokriminelle an den Pranger zu stellen. In seinem schockierenden Ende war Hansens Show nur einen schmalen Grat von öffentlichen Hinrichtungen entfernt.
Mit einer fein gesäten Portion schwarzem Humor und einem atmosphärischem Spannungsbogen erinnert Oppenheim an den Moment, als Realityfernsehen zu den Gladiatorenkämpfen der Neuzeit ausartete. Passend inszeniert als reißerisches Spektakel, von dessen nervenaufreibender Hetzjagd man sich einlullen lässt, ehe einen die Erkenntnis überrennt: Wir alle tragen Mitschuld. Ein „Funny Games“ für das Zeitalter der Reality- und Internet-Selbstjustiz.