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Der neue Leiter der Lienzer Stadtkultur stellt sich vor

Mit Armin Berger hat die Lienzer Stadtkultur einen neuen Chef. Im Gespräch erklärt der 54-Jährige, welche Pläne er hat und welche Herausforderungen er sieht.

Armin Berger steht in seinem Büro im obersten Stock der Liebburg
© Andre Schmidt
Armin Berger (54) stammt aus Innsbruck und wirkte zuletzt im Schloss Ambras
André Schmidt
Redakteur Regionalredaktion Osttirol

Sieben Jahre leitete Claudia Funder die Stadtkultur Lienz, hauchte ihr frisches Leben ein, brachte viele aufstrebende Künstlerinnen und Künstler aus Nah und Fern in die Bezirkshauptstadt. Nun ist ihr beruflicher Vorhang gefallen, Funder geht in Pension. Ihr folgt Armin Berger, der nach einem bunten Werdegang ein ebensolches Programm entwickeln will. Zuletzt hat der 54-jährige Vater zweier Kinder im Schloss Ambras in Innsbruck für das Kunsthistorische Museum Wien gewirkt und dort 20.000 Menschen vor die Bühne geholt.

Haben Sie sich in Lienz eingelebt?

Armin Berger: Meine Frau ist Osttirolerin, von daher habe ich schon immer eine Verbindung gehabt. Und ich habe mich immer wahnsinnig wohl gefühlt hier. Jetzt lebe ich in Innsbruck und in Lienz – und genieße das sehr.

Wie kam es zur Anstellung in Lienz?

Meine Vorlieben reichen von der ganz, ganz alten Musik bis zur zeitgenössischen. Von der Weltmusik, zur Pop- und Rockmusik, von Klassik zum Jazz. Ich war also breit aufgestellt, als diese Stelle ausgeschrieben wurde. Ich hatte mir nicht viel erwartet, ich dachte, man sucht jemanden, der hier vor Ort ist, der gut vernetzt ist. Jetzt bin ich hier und freue mich auf diese tolle Position.

Wie war denn Ihr Werdegang?

Mein Vater kam aus dem chemischen Bereich, wir sind oft umgezogen. Ich habe meine Schule in Tirol abgeschlossen, dann in Leipzig Philosophie studiert und meinen Doktor gemacht. Danach wollte ich das Forschen und Lernen weitergeben. Heute bin ich froh, dass es nicht dazu kam. Stattdessen habe ich viele Dinge an mir kennengelernt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Ich habe zum Beispiel Rezensionen über klassische Musik für die Tageszeitung geschrieben. Irgendwann fragte mich die Direktorin von Schloss Ambras, ob ich im Bereich Marketing und Kommunikation tätig sein will. Ich sagte, dass ich das nicht studiert hätte. Aber sie fand diese Mischung aus Geisteswissenschaftler und meinem Faible für Kunst und Kultur spannend. So bin ich da reingerutscht.

Was zeichnet Lienz als Kulturstadt aus?

Lienz ist eine besondere Stadt, ganz anders als die anderen Bezirkshauptstädte. Die ganze Stadt steht hinter der Kultur, man konkurriert sogar eher mit kleineren Landeshauptstädten. Schon zu Schulzeiten haben wir neidisch von Innsbruck herübergeschaut, was „Ummi Gummi“ so machte. Abgesehen von Imst ist Kultur in Nordtirol sonst sehr Innsbruck-lastig. Umso toller, was hier schon immer los war und auch jetzt passiert. Etwa mit neuen Vereinen, die sich in den vergangenen Jahren gegründet haben. Es ist großartig, von wie vielen Leuten das getragen wird, die eine Leidenschaft dafür haben. Und nicht von irgendwelchen Veranstaltern, die Geld verdienen wollen. Oh, jetzt habe ich viel Werbung für die anderen gemacht (lacht).

Wie haben Sie die Stadtkultur selbst wahrgenommen?

Meine Vorgängerin ist einen Ansatz gefahren, der meinem ähnelt. Ich habe ein gemachtes Bett vorgefunden. Oft ist es so, dass es ein Kulturbudget gibt und einen Verwaltungsjuristen, der das umsetzt, sich aber nicht auskennt. Dann werden einige wenige Events gemacht. Hier ist das anders. Hier spielen Konzerte eine große Rolle, es gibt viele Veranstaltungen für die Kleinen bis hin zu den Ältesten. Das ist wunderschön, wenn man für die ganze Bandbreite arbeiten und Qualität anbieten kann – und nicht genötigt ist, nur kommerzielle Sachen zu machen.

Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Das hängt auch vom politischen Willen ab. Momentan ist gewollt, dass ich sehr hohe Qualität auch von außen reinbringe. Für gelebte Stadtkultur ist es aber ebenso wichtig, Projekte mit Leuten zu machen, die vor Ort sind. Ich komme aus einer Tradition, in der es heißt: „Mach lieber etwas mit Leuten statt für Leute.“ Unglaublich gerne möchte ich Kunst im öffentlichen Raum entwickeln. Aber da muss man schauen, was machbar ist. Die Finanzlage ist nicht sehr günstig. Das Fokusthema Singer-Songwriter meiner Vorgängerin will ich weiterführen, aber auch mehr klassische Musik reinbringen. Da habe ich sehr gute Kontakte zu Künstlern, die Rising Stars sind, die man jetzt vielleicht noch bekommt, bevor sie in ein paar Jahren unerreichbar sind. Und: Jazz. Ummi Gummi war früher maßgeblich für Jazz in ganz Tirol, hat sich dann aber sehr aufs Olala fokussiert.

Keine Angst, dass so viele Neuerungen abschrecken?

Das geht nur Step-by-Step. Neue Sachen muss man kennenlernen. Ich hoffe, dass die Leute offen sind und auch zu Dingen gehen, die sie noch nicht kennen. Unseren eigenen Geschmack kennen wir zur genüge – Bereicherung ist das eigentlich Schöne. Sonst würde ich selbst noch immer Hardrock hören und mich ärgern, dass keine guten Bands nachkommen.

Für Kurzentschlossene: „Komm schon! Du willst es doch auch“

Eine der ersten von Armin Berger organisierten Veranstaltungen lässt sich heute Abend ab 19 Uhr im Stadtsaal Lienz erleben. „Komm schon! Du willst es doch auch“ ist eine explosive Mischung aus Konzert, Film, Farben, Requisiten, audiovisuellen Elementen, Texten, Choreografie und Improvisation. Die Performance der Schauspielerin Carmen Sanders-Gratl verbindet sich mit Songs der 14 Musikerinnen und Musiker des „Angry Chicken Jazz Orchestra“ und visuellen Einspielungen.

Das Plakat zur „rebellischen Bühnenshow“
© Stadt Lienz
Das Plakat zur „rebellischen Bühnenshow“

Verhandelt werden (ewig) aktuelle gesellschaftliche Themen: Rollenbilder, der Druck auf Frauen und Männer, Gewalt, unerreichbare Schönheits- und Männlichkeitsideale, Misogynie und Sexismus. Berger: „Es braucht etwas Mut, sich das anzusehen und dann zu merken, was jetzt Cooles passiert in der Stadt. So eine Produktion hat es noch nicht in Lienz gegeben.“

Die Show ist ab 16 Jahren. Der Eintritt an der Abendkassa kostet 30 Euro, das Programm dauert rund zwei Stunden.

Sie haben Vereine wie MUKL 9900 angesprochen. Ist das für Sie Konkurrenz oder Bereicherung?

Für mich sind es Mitbewerber. Jeder hat seine Zielgruppen. Alle haben bestimmte Bereiche, in denen sie sich auskennen. Und wenn dem so ist, dann machen sie Qualität. Das ist dann wiederum der Grund, warum die Leute in die Stadt ziehen. Ich freue mich über jeden Erfolg von anderen Veranstaltern. Das macht unser Leben besser. Denn darum geht es: um ein gutes Leben. Als Stadtkultur sind wir nicht nur Konzertveranstalter, sondern auch das Kulturamt. Ich bin Anlaufstelle und froh, wenn die Leute zu mir kommen und sagen, was sie machen, damit wir in einem Monat nicht zweimal etwas ganz Ähnliches haben. Ich möchte mich immer absprechen und nicht reinpfuschen.

Wie zufrieden sind Sie mit den Locations?

Wir sind besser aufgestellt, als geschimpft wird. Der Stadtsaal ist ein akustisch sehr schöner Saal. Er ist in die Jahre gekommen, ein ganz toller Raum, der jedoch riesig ist. Den füllt man nicht so eben. Dann wird es bald die Tennishalle geben, die noch riesiger ist. Ich habe gar nicht das Budget, um so große Hallen zu füllen. Aber wir haben tolle Kirchen, vor allem jetzt die Spitalskirche. Die Aula im Gymnasium ist sehr charmant, der Kolpingsaal wurde erneuert. Und so etwas wie den Innenhof von Schloss Bruck gibt es in Österreich kaum ein zweites Mal.

Wie kann man wieder mehr Junge für Kultur begeistern?

Eben indem wir uns breit aufstellen. Damit die Jungen nicht glauben, dass das alles Seniorenveranstaltungen sind. Das möchte ich aufbrechen, vielleicht mit der Tanzszene zusammenarbeiten oder einem jungen Chor. Aber es muss sich aufbauen, da ich noch nicht alle Kontakte habe. Und viele Sachen gelten zu Unrecht als uncool. Viele finden Klassik uncool. Wenn die dann mal auf ein Konzert gehen, merken sie: „Das ist ja doch toll und bereichert mein Leben.“ So stelle ich mir gelebte Stadtkultur vor.

Hat die Stadtkultur genug Gehör – auch in den Medien?

Mehr Gehör bekommt man, wenn die Menschen mit einer Veranstaltung zufrieden sind und erzählen, wie toll es war. Und sich die anderen denken: „Hätte ich mich mal aufgerafft und wäre nicht auf dem Sofa geblieben.“ Das ist das Um und Auf, wenn die Leute darüber sprechen. Und wir haben das riesengroße Glück, dass wir eine sehr günstige Preisstruktur haben. Bei uns sind die Sachen viel billiger als in anderen Städten.

Wie haben Sie die Lienzer in den ersten Tagen wahrgenommen?

Die Leute waren alle sehr nett mit mir. Aber wie es in den Wald schallt, so kommt es zurück. Ich gehe sehr offen auf alle zu – und auf die Osttiroler muss man offen zugehen. Generell spürt man die hohe Lebensqualität hier. Die Menschen sind positiv eingestellt und sehr lebensfreudig. Auf der Straße haben sie ein Lächeln im Gesicht und keine zusammengekniffene Stirnfalte wie in anderen Städten. Es ist herrlich, hier zu leben.