Premierenkritik: Disneys Märchen verzaubert noch immer
Musical-Hit: Konnte man „der Schönen und dem Biest“ am Wiener Raimund Theater nach rund 30 Jahren ein Upgrade verpassen? Durchaus. Etwa durch die neuen technischen Möglichkeiten. Auch die Besetzung der Neu-Inszenierung vermag zu überzeugen.

Nach 29 Jahren ist „Die Schöne und das Biest“, das auf Disneys Zeichentrick-Kinohit basierende Musical, wieder bei den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) zu sehen – „neu durchdacht“, wie Regisseur und Choreograf Matt West seine Inszenierung bezeichnet. Inklusive des Hinzufügens von zwei neuen Szenen, verblüffenden technischen Verwandlungstricks in cineastischer Qualität und der Erarbeitung des Kernstücks „Sei hier Gast“ (neben dem Titelsong) zu einer Stepptanz-Revuenummer. „Wir haben das Werk mit frischen Augen betrachtet“, sagt der Amerikaner, dessen Kern und märchenhafte Struktur man natürlich nicht verändern kann.
Nun denn: Zu erwarten war eine Überzuckerung wie nach einer Verabreichung von zu viel Süßkram, doch diese Produktion unterhält Groß und Klein durch eine schwungvolle Leichtigkeit mit einem formidablen Cast und beinhaltet zumindest jene traurige Aktualität, dass bei einer Stimmungsmache gegen und bei der Jagd auf „Außenseiter“ der Mob nur allzu schnell dabei ist.
Riskant ist „Die Schöne und das Biest“ ohnehin nicht, da ging man bei den VBW in der Programmierung nach dem „Phantom der Oper“ wieder auf Nummer sicher: Die Originalproduktion lief ununterbrochen mehr als 13 Jahre am Broadway. Mehr als 38 Millionen Menschen in 17 Ländern haben das Musical bisher gesehen; fürs Raimund Theater wurden schon 120.000 Tickets vor der Wien-Premiere am Freitag verkauft, die in der Ausstattung mitunter an „Alice im Wunderland“ erinnert.
Wien-Debüt der „Belle“-Darstellerin
Die Saarländerin Marlene Jubelius, die bisher vor allem auf deutschen Bühnen stand (von Berlin über Paderborn bis Stuttgart) kann in ihrem Wien-Debüt als „Belle“ voll und ganz überzeugen, sowohl stimmlich mit bezauberndem Timbre als auch darstellerisch als patente junge Frau. Beim Kölner Dominik Hees, der dem hiesigen Publikum bestens bekannt ist (u. a. Cats“, „Maria Theresia“), wünscht man sich mehr Ungeheuer und Tiefe vor allem in den Sprechzenen. Grandios: die Besetzung der Schloss-Diener, die durch den Fluch zu Gegenständen verwandelt wurden – von Simon Stockinger als Kerzenleuchter über Wietske van Tongeren als Teekanne (ihr gehört die einschmeichelnde Titelnummer) bis Mathias Schlung als Standuhr – sowie der Schweizer Linus Al Baroffio als Lefou, Gastons Untergebenen. Roy Goldman als Gaston wirkt fast „mächtiger“ als „Das Biest“ selbst. Ein Hörgenuss sind auch die fein erarbeiteten Chorpassagen – eine tolle Leistung des verzückenden Tanz- und Gesangensembles.

Spannend wird es, wenn ab Herbst 2027 mit Disneys „König der Löwen“ ein neues Musical-Haus an der Donau (Theater im Prater) dazukommt. Wie viel Musical verträgt denn die Hauptstadt?
Bewertung: ●●●●○
„Die Schöne und das Biest. Das Musical.“ Raimund Theater Wien, täglich außer montags bis Juni 2027. Karten: musicalvienna.at, Tel. (01) 588 85 111.


