Fast die Hälfte aller Orte im Grazer Umland hat Einwohner verloren
Wenn es auch oft nur zehn oder 20 Einwohner sind: Viele Gemeinden in Graz-Umgebung „schrumpfen“ seit Jahren. Welche Orte die jüngsten sind, wo die meisten Senioren leben – und wie man um Einwohner kämpft.

Auf den ersten Blick ist es eine geballte Kraft, die im Großraum Graz lebt und arbeitet und Fußball spielt und im Kindergarten herumsaust. Immerhin verfügen Graz und die 36 Umlandgemeinden mit Stichtag 1. Jänner 2026 gemeinsam über mehr als 472.000 Einwohner. Doch hinter dem Gesamtzuwachs ist in jüngster Zeit ein Ungleichgewicht entstanden, wie frische Unterlagen des Statistikteams des Landes Steiermark zeigen: Während sich manche Gemeinden über einen konstanten Zuzug freuen können, grübeln andere über ein Minus – oft büßt man zwar nur eine Handvoll Bürgerinnen und Bürger ein, das aber seit Jahren. Besonders markant: Von 2025 auf 2026 haben 15 der insgesamt 36 Orte im Bezirk Graz-Umgebung Einwohner verloren.
Einwohner: Exakt 165.656 Menschen leben aktuell zwischen Frohnleiten im Norden und Dobl-Zwaring im Süden sowie zwischen Eggersdorf bei Graz im Osten und Stiwoll im Westen (Graz ausgenommen). Das ist im Bezirk insgesamt ein Plus von knapp 1000 Personen und ein weiterer Zuwachs: So hatte Graz-Umgebung noch vor vier Jahren um 5000 Einwohner weniger.
Plus: 21 Ortschaften rund um Graz konnten von 2025 auf 2026 zulegen (siehe auch Grafik) – das größte Plus erreichte Kalsdorf bei Graz: Nach einem weiteren Sprung nach oben, der seit Jahren jeweils dreistellig ausfällt, reden wir aktuell von 9265 Kalsdorferinnen und Kalsdorfern. Auf Platz zwei unter den zulegenden Gemeinden landete Feldkirchen bei Graz (+248 Einwohner) und mit einem Respektabstand Gössendorf auf Rang drei (+93).
Minus: 15 Gemeinden indes haben von 2025 auf heuer Einwohner eingebüßt. Es sind eben keine dramatischen Einbrüche, so bedeuten minus 40 in Gratwein-Straßengel den höchsten Verlust. Doch in Übelbach beispielsweise zeigt die Kurve zum dritten Mal hintereinander nach unten, in Stiwoll gar sukzessive seit dem Jahr 2022.

Alter: Geht es um die Senioren (65 Jahre und älter), so weisen fast alle 36 GU-Gemeinden in dieser Kategorie einen Anteil von 20 Prozent oder mehr auf. Die „älteste“ Ortschaft ist in dieser Hinsicht auch heuer Übelbach mit 26,3 Prozent, während sich der höchste Anteil an Jungen (unter 20) in St. Bartholomä mit 22,5 Prozent findet.
Reaktionen: Am meisten Senioren und sinkende Einwohnerzahlen – auf diese Mischkulanz angesprochen, versucht es Übelbachs Bürgermeister zunächst mit Augenzwinkern: „Wahrscheinlich werden uns bald Forscher im Ort besuchen, um zu sehen, was hier los ist“, so Markus Windisch (ÖVP) – um dann in vollem Ernst nachzulegen: „Unsere Infrastruktur ist für rund 2200 Einwohner ausgelegt. Das heißt, der Zuwachs muss jetzt gar nicht durch die Decke gehen, aber er muss insofern da sein, damit die Kosten für diese Infrastruktur auf möglichst viele Köpfe verteilt werden können.“ Man versuche auch seit Langem, ein Leben in Übelbach schmackhaft zu machen – mit Kinderbetreuungsplätzen und einer optimalen Öffi-Anbindung nach Graz. In Sachen Wohnversorgung gesteht Bürgermeister Windisch: „Uns geht das Bauland aus, da sind wir gleich mehrfach belastet durch die Pyhrnautobahn, Stromleitungen und Wildbäche.“ Er sei aber trotz allem optimistisch: „Es ist vielleicht eine steile Behauptung, aber wenn die Immobilienpreise weiter so steigen, kann es gut sein, dass ein Leben in den Regionen für viele doch wieder interessant wird.“
„Wir achten auf qualitatives und dennoch leistbares Wohnen. Wobei bei uns jetzt ein kritischer Zeitpunkt erreicht ist: Es geht nur mehr ein kontrolliertes Schaffen von Wohnraum.“
— Manfred Komericky, Bürgermeister von Kalsdorf bei Graz
In St. Bartholomä indes steigt die Zahl der Einwohner seit 2022, zudem hat man eben den höchsten Anteil an Jungen. Nach dem „Geheimnis“ dahinter gefragt, meint Bürgermeister Josef Birnstingl (ÖVP): „Wir betreiben seit vielen Jahren eine aktive Wohnbaupolitik.“ Dazu gehörte einerseits, dass die Gemeinde selbst Grund erwarb, um diesen anschließend als voll aufgeschlossenen Baugrund zum Kauf anzubieten. „Um damals noch 65 bis 80 Euro pro Quadratmeter, gerade für Jungfamilien ein heutzutage erschwinglicher Preis.“ Zum anderen habe man gemeinsam mit der Genossenschaft „Frohnleitner“ zuletzt 58 Wohnungen realisiert. Die Folge lässt sich auch in der örtlichen Volksschule ablesen: „Im Jahr 2007 hatten wir noch 46 Schulkinder, im Vorjahr waren es schon 88“, freut sich Birnstingl.
Kontrolliertes Bauen
Bleibt der „Klassenprimus“ unter den GU-Gemeinden. Warum legt Kalsdorf einen derartigen Zuwachs bei den Einwohnern hin? „Weil bei uns nicht nur das Kinderbetreuungsangebot stimmt, allein mit fünf Kindergärten oder auch der größten Volksschule in der Steiermark, sondern weil wir auch Sportstätten, ein Hallenbad und einen Eislaufplatz zu bieten haben. Ja, das ist kostenintensiv, aber wir investieren in die Zukunft“, so Bürgermeister Manfred Komericky (SPÖ), der ausdrücklich auch die ansässigen Firmen erwähnen möchte, „die zu unserem Wohlstand beitragen“. Weil aber auch Freischwimmer und Eislaufflitzer ein Dach über dem Kopf brauchen, achte man auf „qualitatives und dennoch leistbares Wohnen. Wobei bei uns jetzt ein kritischer Zeitpunkt erreicht ist: Es geht nur mehr um ein kontrolliertes Schaffen von Wohnraum“, so Komericky.
