Wiederkehr-Solo bei sechsjähriger Volksschule
Gegen den Widerstand der ÖVP initiiert der Neos-Bildungsminister einen Schulversuch und sucht in Österreich fünf Schulen für seine Idee.

Der tiefe, ideologische Graben zwischen SPÖ und ÖVP in Fragen der Schulpolitik hatte zwei Folgen. In den vergangenen Jahrzehnten gab es nur wenige große Reformen in Österreich, dafür wurden sehr viele Schulversuche gestartet. Es ist vor allem der Zeitpunkt der Selektion, der die politischen Lager entzweit. Die Volkspartei beharrt auf eine Trennung mit zehn Jahren, die Sozialdemokraten fordern seit Ewigkeiten die gemeinsame Schule bis 14. In Christoph Wiederkehr amtiert nun erstmals in der Zweiten Republik ein Bildungsminister, der nicht von SPÖ oder ÖVP nominiert wurde – und er wagt ein Solo.
Ab dem kommenden Schuljahr soll an fünf Standorten in drei Bundesländern die sechsjährige Volksschule getestet werden. Die Aufteilung auf Mittelschule und AHS-Unterstufe mit zehn Jahren „ist zu früh“, sagt Wiederkehr, der sich nun auf die Suche nach Freiwilligen begibt. Von der ÖVP gab es postwendend Kritik. „Das Türschild zu tauschen, ohne tatsächlich einen Mehrwert für die Schülerinnen und Schüler zu schaffen, ist noch lange keine sinnvolle Reform”, so Bildungssprecher Nico Marchetti, der mit Wiederkehr schon mehrfach öffentlich zusammengekracht war.
Ablehnung der ÖVP
Im Regierungsprogramm ist eine „Erleichterung von Modellregionen für die Gemeinsame Schule der 10- bis 12- bzw. 14-Jährigen“ verankert worden. Dennoch hatte die Ankündigung von Vorarbeiten des Ministeriums im Frühjahr in der Volkspartei für Irritation gesorgt. „Das Gymnasium steht für die ÖVP nicht zur Disposition“, wurde betont. Abgestimmt mit den Koalitionspartnern ist das Vorhaben Wiederkehrs nicht, doch für Schulversuche ist der Ressortchef allein zuständig. Bei positiven Ergebnissen der Begleitstudie wären in einem nächsten Schritt dann auch Modellregionen möglich, auf die im Koalitionsvertrag verwiesen wird.
Österreichs Schulwesen wird demnach im kommenden Jahr einen weiteren Schulversuch erhalten – zusätzlich zu bereits mehr als 500. Einer parlamentarischen Anfrage aus 2024 ist zu entnehmen, dass damals an 552 Standorten Schulversuche durchgeführt wurden, fast 300 davon hatten vor dem Jahr 2017 begonnen. Nur 21 betrafen aber die Volksschule, die allermeisten (333) wurden in einer AHS durchgeführt. In der Steiermark liefen zu jener Zeit 68 Schulversuche, in Kärnten 27.
Wiederkehr: „Frage der Gerechtigkeit“
Für Wiederkehr ist die Verlängerung der Volksschulzeit eine „Frage der Chancengerechtigkeit“. Derzeit würden die Kinder in Österreich früher getrennt als in fast allen anderen Ländern der EU. Ein späterer Wechsel und sanfterer Übergang sollen außerdem Druck herausnehmen und eine „informiertere“ Entscheidung über den weiteren Schulweg ermöglichen: „Ziel ist ein Schulsystem, das Kinder nicht schon mit zehn Jahren schubladisiert.“
Interessierte Volksschulen können sich bis 16. Oktober melden, es können auch nur einzelne Klassen am Pilotprojekt teilnehmen. Voraussetzung ist die Zustimmung der Lehrer- und Elternvertretung am Standort und der Eltern und Lehrer der betroffenen Klassen sowie eine gesicherte Kooperation mit einer benachbarten Schule der Sekundarstufe I (Mittelschule, AHS-Unterstufe). Schon vor dem Startschuss am Donnerstag hätten sich Schulen aus mehreren Bundesländern beim Ministerium gemeldet, zeigte sich Wiederkehr optimistisch.