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Vom Flüchtling zur Sprechstundenhilfe: „Hier darf ich frei sein“

Kärnten ist massiv vom demografischen Wandel betroffen. Bis 2050 wird es 36.000 Arbeitskräfte weniger geben. Projekte, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren, sind Teil der Lösung.

Ferishta Hakimi
© Diakonie/Daniela Krawath-Weiss
Ferishta Hakimi ist 2023 aus Afghanistan nach Österreich geflohen
Bettina Auer
Wirtschaftsressort

„In Österreich darf ich frei sein und mich entwickeln, was ich in meiner Heimat nicht kann“, sagt Ferishta Hakimi. Die junge Frau ist 2023 aus Afghanistan, wo sie Soziologie studiert hat und als Lehrerin gearbeitet hat, nach Österreich geflohen. Mittlerweile hat sie Deutsch gelernt und arbeitet dank integrativer Arbeitsprojekte wie A.Live und femme plus als Sprechstundenhilfe bei einem Zahnarzt. An den Abenden besucht sie die HAK, um die Matura zu machen und appelliert an andere geflüchtete Frauen: „Seid mutig und aktiv.“

Hakimi ist eine der Erfolgsgeschichten der Diakonie de La Tour, die in den vergangenen zehn Jahren in Zusammenarbeit mit dem AMS Kärnten rund 400 Personen in den Arbeitsmarkt vermitteln konnte. Astrid Körner, Rektorin der Diakonie de La Tour, beziffert die Erfolgsquote insgesamt mit rund 60 Prozent, im Pflegebereich sind es sogar 87 Prozent – was sehr hohe Quoten sind. Um noch mehr zu erreichen, brauche man Partner aus der Wirtschaft und eine zuverlässige Fördersituation, betont sie.

36.000 Arbeitskräfte fehlen

Integrative Arbeitsmarktprojekte werden in den nächsten Jahren wegen des demografischen Wandels noch wichtiger werden. Dieser betrifft alle Bundesländer, aber Kärnten ganz besonders. „Bis 2050 wird Kärnten laut Prognose den stärksten Rückgang der Erwerbspersonen mit einem Minus von rund 13 Prozent verzeichnen“, sagt Johannes Kopf, Vorstandsvorsitzender des AMS Österreich. In absoluten Zahlen sind das 36.000 Arbeitskräfte. Eine durchaus „bedrohliche Situation“, so Kopf. Denn langfristig führe ein Fachkräftemangel zum Abwandern von Betrieben. Deshalb sei es notwendig, alle Potenziale für den Arbeitsmarkt auszuschöpfen und es brauche das Bewusstsein, dass qualifizierter Zuzug von Fachkräften über die Rot-Weiß-Rot-Karte allein nicht ausreichen wird.

AMS-Vorstand Kopf, IV-Geschäftsführerin Mischensky, AMS-Kärnten-Chef Wedenig, Diakonie-Rektorin Körner und Hakimi
© Diakonie/Krawath-Weiss
AMS-Vorstand Kopf, IV-Geschäftsführerin Mischensky, AMS-Kärnten-Chef Wedenig, Diakonie-Rektorin Körner und Hakimi

Wie AMS-Kärnten-Chef Peter Wedenig betont, gibt es bereits entsprechende Weichenstellungen. Man erschließe verstärkt Potenziale, die in der Vergangenheit weniger im Fokus standen, wie die Qualifizierung von Menschen mit Fluchthintergrund. Dass Veränderungen am Kärntner Arbeitsmarkt möglich sind, habe man in den vergangenen zehn Jahren bereits bewiesen. Die Beschäftigung konnte um 6,5 Prozent gesteigert werden.

„Wir wissen, was zu tun ist“, sagt Claudia Mischensky, Geschäftsführerin der Industriellenvereinigung Kärnten. Essenziell sei die Ausrichtung der Ausbildung der Menschen auf die Anforderungen der Unternehmen. In der Industrie sei vor allem die Lehre ein wesentlicher Baustein der Fachkräftesicherung. Gleichzeitig müsse aber auch über eine Reduktion der Teilzeitquote und längeres Arbeiten im Alter nachgedacht werden.