Kult-Regisseur Harald Sicheritz: „So, wie die Welt ist, ist sie nicht gut“
Kult-Regisseur Harald Sicheritz („Hinterholz 8“) befasst sich in „Bruno - Der junge Kreisky“ mit den Anfängen des legendären österreichischen Bundeskanzlers der 70er und 80er. Hier erzählt er, wieso ihn Kreiskys Jugend interessierte.

Harald Sicheritz hat mit seinen Komödien – von „Muttertag“ über „Hinterholz 8“ bis hin zu „Poppitz“ – österreichische Filmgeschichte geschrieben. Nun widmet sich der 68-jährige Regisseur in „Bruno – Der junge Kreisky“ den prägenden Jugendjahren des späteren Bundeskanzlers. Entstanden ist weniger eine klassische Politikerbiografie als ein historisches Coming-of-Age-Drama. Ein Gespräch über jugendlichen Idealismus, schwierige Finanzierung, inszenierte Geschichte und die Entdeckung des Hauptdarstellers Nils Arztmann.
Herr Sicheritz, wie kamen Sie auf die Idee, gerade den jungen Bruno Kreisky zu porträtieren?
Harald Sicheritz: Die Idee stammt von Fritz Schindlecker. Er kam zu mir und fragte, ob ich daraus nicht ein Kinodrehbuch machen und, falls der Film zustande kommt, auch Regie führen wolle. Ich fand die Idee ebenso genial wie einfach. So hat alles begonnen.
Erstaunlich ist, dass sich zuvor noch niemand an einen Spielfilm über Kreisky gewagt hatte.
Es gab tatsächlich weder über den alten noch über den jungen Kreisky einen Spielfilm. Ich fand es besonders reizvoll, seine frühen Jahre zu erzählen. Dadurch löst man sich ein Stück weit von den späteren zeitgeschichtlichen Verflechtungen. In dem Moment, in dem Kreisky nach dem Krieg aus Schweden zurückkehrt, wird seine Geschichte zwangsläufig sehr stark von Politik bestimmt. Politik spielt natürlich auch in unserem Film eine wesentliche Rolle, aber im Kern erzählen wir ein Coming-of-Age: die Geschichte eines jungen Mannes, der später zur Legende werden sollte.
Muss man wissen, wer Bruno Kreisky war, um den Film verstehen zu können?
Nein. Der Film setzt kein besonderes historisches Wissen voraus. Viele junge Menschen wissen heute kaum noch, wer Bruno Kreisky war. Auch Nils Arztmann, der ihn spielt, ist natürlich kein Zeitgenosse Kreiskys. Er kannte vor allem dessen spätere politische Erfolge. Aber wie dieser Mann zu dem wurde, was er später war – genau das ist unsere Geschichte.
Was macht diese Jugendgeschichte heute relevant?
Früher hätte ich sie als zeitlos aktuell bezeichnet. Mittlerweile würde ich sagen: Sie ist dringend aktuell. Es geht um einen Menschen, der schon in sehr jungen Jahren erkennt: So, wie die Welt ist, ist sie nicht gut. Sie muss besser werden. Und ich möchte daran mitwirken, sie besser zu machen. Kreisky war sehr früh davon überzeugt, dass er dafür auch das notwendige Talent besitzt.
Wo wurde der Film gedreht?
Fast ausschließlich in Wien, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Wir haben von den staatlichen und regionalen Förderstellen zwar alles bekommen, was möglich war, aber selbst das hat nicht wirklich ausgereicht. Deshalb mussten wir das Drehbuch noch einmal verdichten und das Projekt entsprechend anpassen.
Bei einem historischen Film lässt sich allerdings nicht an jeder Stelle sparen.
Das ist vollkommen richtig. Bei einem historischen Setting muss man jeden Millimeter des Bildes kontrollieren. Kulissen, Kostüme, Ausstattung – alles muss stimmen. Das macht einen solchen Film natürlich aufwendiger.
Sie zählen zu den erfolgreichsten österreichischen Regisseuren und haben mit Filmen wie „Hinterholz 8“ oder „Poppitz“ ein großes Publikum erreicht. Trotzdem war die Finanzierung schwierig?
Ja. Heute gibt es klare Förderobergrenzen, und die gelten für mich genauso wie für alle anderen. Selbst wenn man die jeweiligen Maximalsummen erhält, bedeutet das noch lange nicht, dass ein Film ausfinanziert ist. Wir haben jahrelang versucht, zusätzliche Mittel aufzutreiben. Die ersten Aufnahmen über die Entstehung des Projekts stammen bereits aus dem Jahr 2019. Es hat also wirklich lange gedauert. Gemeinsam mit den Produzenten Danny Krausz und Milan Dor ist es schließlich gelungen, das Projekt so weit einzudampfen, dass es immer noch sehenswert ist und mit Ach und Krach finanziert werden konnte.
Wie haben Sie Nils Arztmann für die Rolle des jungen Kreisky entdeckt?
Als ich ihn kennenlernte, war Nils Arztmann ein auffälliger, geradezu verhaltensauffälliger Student am Max Reinhardt Seminar. Ich habe ihn gemeinsam mit sechs anderen jungen Schauspielern gecastet. Über mehrere Runden und Phasen hinweg ist schließlich er übrig geblieben. Später habe ich ihn auch mit Schauspielerinnen und Schauspielern zusammenspielen lassen, die bereits für andere Rollen vorgesehen waren. An deren Reaktionen konnte ich erkennen, dass er mit Sicherheit der Richtige für diese Rolle ist. Mittlerweile ist er ein junger Star der Josefstadt. Das war noch nicht der Fall, als ich zum ersten Mal daran dachte, mit ihm zu drehen.
Sie sind vor allem mit Komödien berühmt geworden. „Bruno – Der junge Kreisky“ ist hingegen ein ernstes historisches Drama. Vermissen Sie bei einem solchen Projekt das heitere Fach?
Ich glaube, das ist wurscht. Als Regisseur besitzt man im besten Fall eine bestimmte Handschrift, mit der man Geschichten erzählt. Diese Handschrift kann man selbst allerdings nur schwer beurteilen. Das können meistens die anderen besser.
Historische Stoffe sind für Sie dennoch kein völliges Neuland.
Nein, ich habe bereits mehrere historische Filme fürs Fernsehen gedreht, etwa „Zwölfeläuten“. „Bruno – Der junge Kreisky“ ist allerdings mein erster Kinofilm, der durchgehend historisch angelegt ist. Ich liebe historische Filme. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich Politikwissenschaft studiert habe. Schon als junger Mensch ist mir aufgefallen, dass ein großer Teil dessen, was wir über vergangene Zeiten zu wissen glauben, aus Filmen stammt – besonders aus Epochen, von denen nur wenige dokumentarische Bilder existieren. Unser Bild von Geschichte ist daher immer auch ein inszeniertes.
