Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Vor 30 Jahren: Großes US-Waffenlager für Kalten Krieg am Hochschwab ausgehoben

Aus Angst vor einem Angriff der Sowjetunion versteckte der Geheimdienst CIA in den 1950ern zahlreiche Waffenlager in Österreich. Das größte war im Mariazellerland.

Unter diesem Gebäude in Weichselboden, heute im Gemeindegebiet von Mariazell, befand sich das größte CIA-Waffenlager aus der Zeit des Kalten Kriegs
© Thomas Riegler
Unter diesem Gebäude in Weichselboden, heute im Gemeindegebiet von Mariazell, befand sich das größte CIA-Waffenlager aus der Zeit des Kalten Kriegs
Moritz Prettenhofer
Redakteur Regionalredaktion Mürztal

30.000 Schuss Munition, hunderte Kilogramm an Sprengstoff und viele verschiedene Schusswaffen. Der Entminungsdienst dürfte 1996 nicht schlecht gestaunt haben, was alles unter dem Nebengebäude einer Jagdhütte in Weichselboden zum Vorschein kam. Vor 30 Jahren wurde am Fuße des Hochschwabs im Ortsteil Höll im Zuge der „Aktion Wühlmaus“ das größte Waffenlager ausgehoben, das der US-Geheimdienst CIA zu Beginn des Kalten Kriegs in Österreich angelegt hatte.

Das Lager im heutigen Mariazell war dabei Teil eines größeren Netzwerks an versteckten Vorräten in Westeuropa, die örtliche Guerillagruppen und US-Soldaten im Falle eines befürchteten sowjetischen Angriffs ausstatten sollten. Allein im Österreich der Nachkriegszeit legte der Geheimdienst 79 derartige Verstecke an – großteils in der amerikanischen Besatzungszone, aber auch im Grenzgebiet zur britischen in der nördlichen Steiermark.

1 / 2
Die CIA zeichnete die Lage der Waffenlager detailliert auf...
Die CIA zeichnete die Lage der Waffenlager detailliert auf... © Screenshot/CIA

Aus Angst, dass die Waffen in falsche Hände fallen könnten, hielten die USA die Österreicherinnen und Österreicher darüber weitestgehend im Dunklen: Die Depots wurden unter anderem während Übungen des US-Militärs vergraben – offiziellen CIA-Dokumenten zufolge von 1949 bis 1954. Jenes in Weichselboden entstand im Jahr 1952 und wurde bewusst wegen seiner strategischen Lage gewählt, erklärt der Wiener Historiker Thomas Riegler. Er hat sich in zahlreichen Werken intensiv mit den CIA-Waffenlagern und Geheimdienstnetzwerken in Nachkriegsösterreich beschäftigt, unter anderem in seinem 2026 erschienenen Buch „Spionagestadt Wien“.

Ideale Lage für Übungen und Sabotage

„Es ist ein neuralgischer Punkt, wo viele Faktoren zusammenkommen. Das Wichtigste war der Zugang zur nahegelegenen Wiener Hochquellwasserleitung“, erklärt Riegler. Diese wäre nämlich wohl im Falle einer Sowjet-Invasion mit den in Weichselboden gelagerten Waffen sabotiert worden. Auch die idyllische, abgeschiedene Lage fernab der Zivilisation war ein Faktor, denn „der Talschluss eignet sich gut dafür, Leute auszubilden, ohne dass es jemand mitbekommt.“

Ausgelegt war das größte Waffenlager mit rund 180 Kisten für österreichische Kämpfer, was sich unter anderem an den deutschen Leitfäden zeigt, die vor Ort gefunden wurden. „Die Gruppe unter Franz Olah [Anm. ehem. ÖGB-Präsident, SPÖ-Innenminister und CIA-Vertrauensmann] hat dort wahrscheinlich Lehrgänge erhalten", meint Riegler. Der US-Geheimdienst investierte laut ihm im Jahr etwa eine Million Euro in heutiger Währung in die geheimen Waffenlager in ganz Österreich. Deren Lage wurde mit genauen Koordinaten in geheimen CIA-Dokumenten vermerkt. Drei Jahrzehnte später hat auch die Kleine Zeitung diese durchgesehen.

Historiker Thomas Riegler weiß bestens über das Lager in Weichselboden Bescheid
© Ursula Roeck
Historiker Thomas Riegler weiß bestens über das Lager in Weichselboden Bescheid

In Weichselboden wurden Waffen, Munition, Sprengstoff aber auch Sanitätsmaterial für bis zu 100 Mann dabei direkt unter dem Fußboden eines Nebengebäudes einer Jagdhütte vergraben. Bei aller Geheimhalterei, Planung und Investition wurde dabei aber offenbar ein Faktor nicht beachtet: „Darüber wurde zwischenzeitlich Vieh gehalten, die Waffen sind durch die durchsickernde Gülle de facto unbrauchbar geworden. Die Munition wäre heute aber noch verschießbar", erzählt Riegler.

Aufdeckung und Aushebung

Mit der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 sank letztlich die Wahrscheinlichkeit einer kommunistischen Machtergreifung, was die CIA dazu veranlasste, ihr Netzwerk nicht weiter auszubauen. Einer breiten Öffentlichkeit wurde dieses schließlich im Jänner 1996 enthüllt: Die Aufdeckung geschah auf Druck von Recherchen des Boston Globe, der auf die CIA-Dokumente gestoßen war und vorhatte, diese zu veröffentlichen.

Am 20. Jänner wurden daher Bundespräsident Thomas Klestil, Kanzler Franz Vranitzky und weitere hochrangige Politiker von der US-Botschafterin über die Waffenlager in Kenntnis gesetzt. Daraufhin wurden von April bis September gesamt 65 Waffendepots vom Entminungsdienst in der „Aktion Wühlmaus“ geöffnet. 300 Pistolen, 50 Panzerabwehrrohre, 250 Karabiner, 270 Maschinenpistolen, 65 Maschinengewehre, 20 Sonderwaffen, 2.700 Handgranaten, 230.000 Schuss Munition, 1150 Panzerabwehrgranaten sowie 3400 kg Sprengstoff wurden dabei gefunden.

Das Lager in Höll-Weichselboden wurde als letztes von 10. bis 14. September ausgehoben. Das darin enthaltene Material wurde nach der Bergung dem Bundesheer zur Vernichtung übergeben, erklärt man von Seiten des Verteidigungsministeriums. Vereinzelte Stücke kann man aber noch heute in historischen Sammlungen, etwa im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien, begutachten.

Melden Sie sich!

Haben Sie Informationen oder Anekdoten zum US-Waffenlager am Fuße des Hochschwabs? Oder haben Sie die Aushebung sogar selbst miterlebt? Dann melden Sie sich gerne unter brured@kleinezeitung.at