Neuer Bericht: China studiert Kriege in Nahost und Ukraine, um Taiwan anzugreifen
China zieht offenbar Lehren aus den Kriegen im Nahen Osten und in der Ukraine, um sich im Pazifik auszubreiten und sich Taiwan womöglich einzuverleiben – auch ohne Invasion. Aber die Volksarmee hat auch mehrere Schwachstellen.

China studiert derzeit akribisch die Kriege in der Ukraine und Nahost, um seine eigenen Ziele zu verwirklichen: die „Wiedereingliederung“ der demokratisch regierten Inselrepublik Taiwan und die Verdrängung der USA aus dem Pazifik. Das geht aus dem Jahresbericht des taiwanischen Verteidigungsministeriums zu chinesischer Militärmacht hervor, der der „Presse“ vorliegt. „Die Bedrohungslage spitzt sich zu“, heißt es darin. Und nicht nur für Taiwan, sondern für den gesamten Indopazifik: „Der Wirkungsbereich chinesischer Militäraktivitäten erstreckt sich mittlerweile bis zur ersten Inselkette“, also jenem geostrategischen „Sicherheitsgürtel“ im Pazifik, der westlichen Staaten freien Zugang zum Indopazifik sichern und Chinas Einfluss eindämmen soll.
Hier die wichtigsten Punkte:
1) Drohnen: Lehren aus der Ukraine und Nahost
Der massive Einsatz von Drohnen im Ukraine- und Iran-Krieg fasziniert Chinas KP: Diese hätten sich als besonders tödliche und zugleich verhältnismäßig kostengünstige Waffen erwiesen. Die Volksbefreiungsarmee baue daher ihr Drohnen-Arsenal aus, mit Fokus auf Drohnenschwärme und First-Person-View-Drohnen (FPV), also mit spezieller Kamera und einem Übertragungssystem ausgestatteten Geräten, bei denen der Drohnenpilot den Eindruck hat, er säße selbst im Cockpit.
Drohnenkriege haben Peking aber auch gelehrt, wie vulnerabel Abwehrmechanismen sind. Minuziös studiere Peking ukrainische Angriffe auf russische Schiffe im Schwarzen Meer und passe dementsprechend Schutzmechanismen für Amphibienschiffe und Flugzeugträger an, die in einem Taiwan-Krieg bedeutend wären. Insgesamt integriere die Armee unbemannte Systeme in Übungen von Heer, Luftwaffe und Marine. Soldaten übten neben Drohnenabwehr nun intensiver schnelle Truppenverlegung und Tarnung. Die Luftwaffe trainiere, niedrig fliegende Drohnen abzufangen.
Der Iran-Krieg und die Angriffe auf Golfstaaten machten deutlich, dass selbst hochtechnologische Flugabwehrsysteme verwundbar sind und wie schnell sich sogar das US-Abwehrraketen-Arsenal leerte. Und wie schwierig es ist, gleichzeitig Militärbasen, Infrastruktur und Städte zu schützen – was China auch im Falle eines Taiwan-Angriffs zu seinen Gunsten ausnützen will.
Eine weitere Lehre aus der Ukraine: Große, sichtbare Truppenkonzentrationen sind verwundbar, daher erhöht das Heer die Frequenz von Übungen kleinerer Einheiten. Und: „Der lange Kriegsverlauf in der Ukraine zeigt, wie wichtig robuste Nachschubketten über Monate, Jahre hinweg sind.“ Blitzkriegs-Pläne habe die KP daher über Bord geworfen.
Iran und Ukraine bestätigen: Informationshoheit bringt enorme taktische Vorteile. Peking baue seine Kapazitäten bei Aufklärung, Echtzeit-Datenlagebildern, Satellitenbildern aus. Wobei ebenso die Kontrolle der „Erzählung“ wichtig sei, nicht zuletzt um den „Feind“ zu delegitimieren. Deshalb entwickle Peking gezielt KI-gestützte Deepfakes.
Diese Taktik, traditionelle Operationen mit hypermodernen Technologien zu kombinieren, schlage sich auch im Militärhaushalt wieder, dem zweitgrößten der Welt: Ein besonders großer Teil des Budgets werde in KI, Quantentechnologie, unbemannte/automatisierte Waffensysteme, Hyperschallwaffen, Weltraum- und Cyberfähigkeiten investiert. Viel Geld fließe zudem in Tarnkappenjets, Atom-U-Boote und Flugzeugträger.
2) Die Schwachstellen der Volksrepublik
Trotzdem rechnen die Strategen in Taipeh nicht mit einer baldigen Invasion Taiwans. Der Bericht weist auf die zahlreichen neuralgische Punkte der Volksrepublik hin: Intern plage die Partei das verhältnismäßig geringe Wirtschaftswachstum und Korruption, die weiterhin auch höchste Machtzirkel betreffe.
Skandale und eine beispiellose Säuberungswelle schwächen indes die mächtige Volksbefreiungsarmee: Allein seit 2022 seien hochrangige Generäle und Militärfunktionäre gestürzt worden, darunter gleich drei Politbüromitglieder. In der Zentralen Militärkommission gebe es neben Staatschef Xi Jinping nur noch einen Vize. „Das erschüttert die Befehlskette und begünstigt Duckmäusertum“, so der Bericht.
Dass sich die Macht zunehmend auf Xi konzentriere, mache China gefährlich, weil zunehmend unvorhersehbar. Allein Xis persönlicher Wille habe nun Gewicht. Doch selbst Xi weiß: Ein amphibischer Angriff auf die bergige Insel bei gleichzeitiger Sicherung der Luft-/Seehoheit und Sicherstellung des Nachschubs sei riskant und überfordere derzeit die Volksarmee.
3) Das Schicksal Taiwans, ein Szenario
Für Taiwan bedeute das: China testet die Resilienz der Insel, setzt weiter auf Zermürbung, politische Einflussnahme, Cyberangriffe, Desinformation. Und bereite derzeit nicht eine Invasion, sondern eine Blockade der Insel vor. Das trainiere auch die Volksarmee bei den ständigen Manövern rund um die Insel. Ein Szenario: Der massive Einsatz von Chinas Drohnen und Raketen überlastet Taiwans Radare und Abwehrsysteme. Inzwischen blockieren Jets und Schiffe Taiwans Häfen, stoppen den Schiffverkehr, errichten maritime Sperrzonen.
Davor hatten bereits Cyberangriffe und Desinformationskampagnen die Mobilisierung der taiwanischen Armee gebremst. Dabei teste Peking auch, ob Taiwan, das massiv abhängig ist von Energieimporten, überhaupt bereit wäre, im Falle einer Blockade Widerstand zu leisten. Und ab welchem Zeitpunkt Verbündete und Schutzmächte wie USA und Japan eingreifen würden. Oder ob sie überhaupt eingreifen würden.