Gehörlose Patientin: „Früher musste ich Beschwerden auf Zetteln schreiben“
Am 23. September ist Tag der Gebärdensprache. Im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder werden Gehörlose medizinisch, psychologisch und sozial versorgt. Nun startet ein Informationskanal auf Instagram.

Die gehörlose Patientin Marta Gruber (Name von der Redaktion geändert) betritt den Behandlungsraum und kommuniziert der Ärztin Petra Goldeband ihre Beschwerden. Diese stellt Rückfragen und hört Gruber ab. Die beiden Frauen kommunizieren in der Gebärdensprache (ÖGS), die seit 2005 als eigenständige Sprache in Österreich anerkannt ist und von über 20.000 Menschen gesprochen wird. Für tausende Menschen ist es die Muttersprache, wie für Gruber: „Früher musste ich meine Beschwerden auf einen Zettel schreiben, die Ärzte haben mich so oft missverstanden. Es ist wirklich super, dass es diese Ambulanz gibt.“ Die Gesundheits- und Krankenpflegerin Karin Milchrahm übersetzt für die Kleine Zeitung.
Gehörlosenambulanz in Graz seit 2008
In der Steiermark leben rund 1.000 gehörlose Menschen. Österreichweit sind es 8.000 bis 10.000. Dazu kommen weitere tausende schwerhörige Personen. Die erste Ambulanz für Gehörlose entstand 1993 in Linz und ging Salzburg, Wien (beide 1999), Klagenfurt (2020) und Graz als Vorbild voraus. Die 2008 eröffnete Gehörlosenambulanz im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Graz ist die einzige in der Steiermark. Alle 15 Angestellten beherrschen die Gebärdensprache.
Bei uns sollen Menschen ihre Beschwerden in ihrer eigenen Sprache ausdrücken können. Gerade bei persönlichen und belastenden Themen ist das entscheidend für Vertrauen.
— Clemens Bleimschein, Leiter der Gehörlosenambulanz
Das Angebot der Gehörlosenambulanz ist vielfältig. Es gibt eine hausärztliche Praxis, die Betroffenen werden aber auch von Dolmetscherinnen und Dolmetschern in Fachabteilungen des Krankenhauses begleitet. Die Sozialberatung beantwortet alle möglichen Fragen, etwa zu finanzieller Grundsicherung, Kinderbetreuung und Behindertenleistungen. Eine Notfall-App mit vorgefertigten Textnachrichten hilft Gehörlosen in gefährlichen Situationen, etwa bei Gewalt oder einem Unfall, schnell und auf barrierefreiem Weg, Hilfe zu holen. Zum Tag der Gebärdensprache startet außerdem ein Informationskanal auf Instagram, bei dem auch der Austausch mit der Community im Vordergrund steht.

Psychologische Beratung mit visuellen Hilfsmitteln
Neben der medizinischen und sozialen Abteilung gibt es auch psychologische Beratung. Die Psychotherapeutin Iris Palz-Konrad arbeitet seit 2010 mit Gehörlosen und seit 2018 als Therapeutin. „Im psychologischen Bereich gibt es nicht so viele, die die Gebärdensprache beherrschen“, so Palz-Konrad. Sie arbeitet systemisch und mit bildlichen Darstellungen. Die Themen sind vielfältig: seien es berufliche oder private Belastungen, Ängste oder Depressionen.

Bevor es solche spezialisierten Angebote für gehörlose Menschen gab, wurde auf unterschiedliche Art und Weise kommuniziert. „Oft mussten die hörenden Kinder oder Verwandte für ihre Angehörigen übersetzen“, sagt Ärztin Petra Goldeband. In Arztpraxen wurde, wie auch Marta Gruber beschrieben hatte, „auf Zetteln geschrieben und mit Hand und Fuß kommuniziert“, wodurch auch viele Missverständnisse passierten. Gerade im medizinischen Bereich ist unmissverständliche Kommunikation auf Augenhöhe aber so wichtig.