Klaus Kastberger: „Literatur ist ein glanzvolles Gebilde“
Interview. Klaus Kastberger über das Herbstprogramm im Literaturhaus Graz und über die Wichtigkeit von Kunst und Kultur in Zeiten der Krisen und Glanzlosigkeit.

Das Herbstprogramm im LH Graz ist wieder ein Abbild der Neuerscheinungen. Auf welche Neuerscheinung sind sie besonders gespannt bzw. begeistert, weil Sie sie schon gelesen haben?
Klaus Kastberger: Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, den gesamten Höhenkamm der österreichischen Literatur zu bringen. Erweitert um Internationales, manchmal bringen wir aber auch rein diskursive Programmpunkte. Unser Publikum kann sich darauf verlassen, dass wir so gut wie alle wichtigen Neuerscheinungen zeitnah und vor allem auch in lebendigen Veranstaltungsformen präsentieren. So wird bei uns eben nicht nur gelesen, sondern es werden die Autorinnen und die Autoren immer auch im Gespräch und damit gleichsam von ihrer Personality her präsentiert. Gute Moderationen sind dafür essentiell. In den nächsten Wochen können Sie bei uns mit Michael Köhlmeier, Peter Henisch, Eva Menasse, Paulus Hochgatterer und Clemens J. Setz ein ziemliches Best of der österreichischen Literatur erleben.
Das Literaturfestival Out of Joint findet in Zusammenarbeit mit dem steirischen herbst wieder statt. Die Welt ist wohl mehr denn je „aus den Angeln“. Was ist vom Festival heuer zu erwarten, welches Motto?
Als wir dieses Festival im Jahre 2020 so benannt haben, konnten wir nicht ahnen, wie sehr die Welt in den nächsten Jahren noch aus den Fugen geraten würde. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt, totalitäres und faschistisches Gedankengut breitet sich aus, autoritäre Parteien gewinnen Wahlen, Tech-Oligarchen greifen nach der Macht, der Klimawandel bringt uns zum Schwitzen, KI greift nach der Weltherrschaft. Es ist aber auch eine überaus starke Tendenz zur Dramatisierung all dieser Szenarien zu beobachten. Ja, fast scheint es, die Apokalypse hätte uns, ohne dass sie tatsächlich schon da ist, bereits ganz und gar und mit Haut und Haaren erfasst. Unter dem Titel „dissident“, womit hier ein Eigenschaftswort gemeint ist, setzen wir uns heuer mit abweichendem künstlerischem Verhalten auch gegenüber solchen Übertreibungen auseinander. Viel Prominenz ist dazu zu Gast und das fünftägige Festival endet mit unserer Literatur-Show Roboter mit Senf. Auch so etwas gibt es in keinem anderen Literaturhaus. Eine literarische Late-Night-Comedy am Würstelstand.
Bleiben wir bei den multiplen Krisen. Bemerken Sie generell, dass das latent Krisenhafte einen Einfluss auf die Literatur hat?
Wenn ich mir aktuelle Kommentare zum Kulturleben anschaue, häuft sich gerade die Verwendung des Wortes „glanzlos“. Als glanzlos wird die Neubesetzung der Salzburger Festspiele gesehen. Glanzlos wirkt die Entscheidung für die Leitung der Grazer Oper. Glanzlos ist die Idee zur Einhebung eines Wiener Kultureuros, die jetzt in ihrer ganzen stupenden Glanzlosigkeit gleich auch wieder abgesagt wurde. Und völlig glanzlos war ja auch die Verkündung zur Weiterführung der steirischen Landeskulturabgabe, die immerhin die Kultur dieses Bundeslandes in ihrer Substanz für ein weiteres Jahr gerettet hat. Aber von den Budget- und Ressortverantwortlichen hat dafür fast niemand auch nur ansatzweise ein euphorisches Wörtchen gefunden. Man hatte eher den Eindruck, es ging halt nicht anders und deshalb wurde es aus einer Verlegenheit heraus so gemacht. Im Gegensatz dazu ist die österreichische und steirische Kultur und vor allem auch die Literatur dieses Landes ein unfassbar glanzvolles, emotionales und emanzipatorisches und damit auch gesellschaftspolitisch wirksames Gebilde. Unsere Aufgabe im Literaturhaus sehe ich darin, die bedingungslosen Kräfte der Literatur ohne Kompromisse zulasten der künstlerischen Qualität zur Geltung zu bringen. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, wie sehr wir damit in dieser Stadt ein immer größer werdendes und mittlerweile wirklich gewaltiges Publikum erreichen. Wenn man aus einer unserer pulsierenden Veranstaltungen rausgeht, weiß man, wozu es auf dieser Welt Kunst und Kultur braucht. Und man hat gegen alle verordneten Glanzlosigkeiten einen euphorischen Begriff von Literatur gewonnen. Das ist der Kern, um den es geht.
Sie haben an das Grazer Literaturpublikum schon öfter eine Liebeserklärung gerichtet. Woran glauben sie liegt diese große Literaturaffinität in dieser Stadt?
Es ist ganz einfach: Graz ist seit den 1970er Jahren die Hauptstadt der Literatur. Pioniere der österreichischen Literatur, die in ihrem Schreiben volles Risiko gegangen sind, waren hier zu Hause und haben den Ruf der Stadt nach außen getragen. Immer wieder haben sich aus der kreativen Umgebung, die hier stets auch einen starken Widerstandsgeist hatte, neue Generationen von Schreibenden entwickelt. Wichtig ist, dass die Stadt Graz eine offene Stadt ist. Vertriebene und verfolgte Autorinnen und Autoren fanden und finden hier Zuflucht. Und künstlerische Zuwanderung wird nicht als eine Bedrohung empfunden, sondern als eine Bereicherung des Eigenen und eine absolute Notwendigkeit in der Ausprägung überzeugender und zeitgemäßer literarischer Formen. Manchmal habe ich den Eindruck, den Leuten hier vor Ort seien diese Dinge irgendwie genetisch eingeschrieben. Eine Offenheit im Umgang mit Kunst, die gleichzeitig deren bester Nährboden ist.
Wie sehen sie die ganz junge Literatur-Generation in Graz oder in der Steiermark oder, noch weiter gedacht, in Österreich. Welchen Sound haben die Jungen?
In der jüngeren und jüngsten Generation österreichischer Autorinnen und Autoren gibt es eine Breite, die man auch als Experte im Detail gar nicht mehr so leicht überblicken kann. Debüts genießen ja in der österreichischen Verlagsförderung eine besondere Bevorzugung, mit zweiten und dritten Büchern wird es dann oft bedeutend schwieriger. Während der Pandemie und kurz danach ließ sich unter den Jungen ein Themenschwerpunkt feststellen, den es vorher in dieser Form nicht gab. Fernab gelegene und isolierte Räume bis hin zu geschlossenen Anstalten, Ich-Dissoziationen und andere Auflösungserscheinungen spielten da plötzlich in vielen Büchern herausragende Rollen. In der gegenwärtigen Produktion kehrt man nun wieder eher zu traditionellen Themen zurück: Coming of Age. Herkunft und Familie, aber oft eingebettet in spezifisch andere Tonfälle. Es gibt aber auch thematisch höchst originelle Erscheinungen, von denen wir auch einige bis Ende des Jahres im Programm haben: Sasa Hanten, Mario Petuzzi, Sarah Wipauer, Johannes Wally oder etwa auch die ebenfalls herausragend grandiose Precious Chiebonam Nnebedum. Sie werden staunen, in welche Welten Sie diese Bücher entführen!


Die Termine
Das „Out of Joint“Literaturfestival findet von 29. September bis 3. Oktober statt. Gäste u. a. Seyda Kurt, Lisz Hirn, Florian Scheuba.
Am 6. Oktober liest Peter Henisch aus seinem neuen Roman „Muttersuchen“.
Am 14. Oktober gibt es ein „Come together“ mit dem neuen Grazer Stadtschreiber Zoltán Danyi, am 20. Oktober liest Eva Menasse aus „Alleinruhelage“.
Alle Termine unter: literaturhausgraz.at