Turbulenzen um geplanten "Hamlet" in Bratislava
In der Slowakei gibt es erneut kulturpolitische Turbulenzen, in deren Mittelpunkt die Generaldirektorin des Slowakischen Nationaltheaters (SND) Zuzana Ťapáková steht. Diese soll die Vorbereitungen für eine für 14. November geplante "Hamlet"-Premiere des bekannten Regisseurs Dušan D. Pařízek unter fadenscheinigen Gründen gestoppt und die Unterschrift unter die Verträge verweigert haben. Vermutet wird ein Zusammenhang zwischen dem brisanten Konzept und den kommenden Wahlen.

Er habe vorgehabt, in einer das Studio und die große Bühne gleichermaßen einbeziehenden Inszenierung den Shakespeare-Klassiker mit der berühmten Filmkomödie "To Be or Not to Be" von Ernst Lubitsch zu kombinieren, erläuterte Nestroy-Preisträger Pařízek der APA sein Konzept, das von der Generaldirektorin zunächst sehr positiv aufgenommen worden sei. Im Lubitsch-Film gerät eine polnische Theatergruppe kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit der Zensur in Konflikt, da jede Kritik an NS-Deutschland unterdrückt werden soll. Vor diesem historischen Hintergrund dürften in der geplanten Produktion Parallelen zur slowakischen Gegenwart wenn schon nicht inszenatorisch herausgearbeitet, so zumindest vom Publikum selbst gezogen werden.
Der seit langem schwelende Konflikt zwischen der Regierung und der Kulturszene, der mit der Einsetzung von Kulturministerin Martina Šimkovičová von der Slowakischen Nationalpartei SNS und der von ihr betriebenen Entlassung des damaligen Generaldirektors des Slowakischen Nationaltheaters, Matej Drlička, vor zwei Jahren angefacht wurde, scheint damit prolongiert. Offiziell ist seitens der aktuellen Generaldirektorin von technischen Problemen, die eine Verschiebung um ein Jahr notwendig machten, die Rede. "Der frühestmögliche Termin hierfür wäre der November 2027. Also nach den nächsten Parlamentswahlen. Es ist was faul - und nicht nur im Staate Dänemark", so Pařízek zur APA.
2024 hatte der Regisseur den Roman "Der Straßenköter" von Pavel Vilikovský im Schauspiel des Nationaltheaters Bratislava zur Uraufführung gebracht und sich damit in der Regierung keine Freunde gemacht. "Es ging um keine oberflächlich konfrontative Kritik an der vierten Regierung Fico. Anstelle polarisierender Angriffe bieten wir dem Publikum eine versöhnliche Geste - eine Therapie für die gebeutelte slowakische Kollektivseele", erläutert der Regisseur seine Inszenierung, die bei der ersten Wiederaufnahme im September 2024 mit breiter internationaler Resonanz zum eindeutigen politischen Statement wurde und seither demonstrativ zwei Mal am 17. November, dem Jahrestag der "Samtenen Revolution", angesetzt war. 2026 wäre zu dem Termin "Hamlet/To Be or Not To Be" vorgesehen gewesen.
Nun wird es wohl doch wieder "Der Straßenköter", denn die Proben für die neue Produktion, für die der Oberösterreicher Peter Fasching die Musik beisteuern hätte sollen, durften nicht wie geplant am 1. September starten. Man habe kurz zuvor von der Generaldirektorin erfahren, dass man das Stück verschieben müsse, ohne plausible Gründe dafür zu hören, berichtete die Schauspieldirektorin des Slowakischen Nationaltheaters, Miriam Kičiňová, der Zeitung "SME". "Wir haben alle notwendigen Besprechungen durchgeführt. Die Gründe, die die Generaldirektion des SND als problematisch anführte, sind nicht unüberwindbar." Anders sieht es die Generaldirektion, die keine "ausreichenden technischen, rechtlichen und betrieblichen Vorkehrungen" getroffen sieht und daher die Verschiebung auf nächste Saison angeordnet hat. Das bedeutet aber nicht nur, dass ein ganzes Team, das bereits Vorarbeiten geleistet, Zeit freigehalten und dafür andere Projekte abgesagt hat, nun düpiert wird, auch die Verschiebung ist - aufgrund bereits anderer eingegangener Engagements - keineswegs einfach möglich.
Das Schauspiel des SND sieht sich daher nun einer Vielzahl von Problemen gegenüber. "Vielleicht zielt die Entscheidung der Generaldirektorin Zuzana Ťapáková im Verborgenen genau darauf", fragt sich Pařízek. "Der seltsame Vorgang passt in einen größeren Zusammenhang: Es wurde bereits ein Gastspiel mit queerer Hauptfigur ausgeladen und die Premiere einer Stückentwicklung von der letzten auf die gegenwärtige Spielzeit verschoben. Die vorläufige Verhinderung der Inszenierung 'Hamlet/To Be or Not To Be' ist nicht bloß ein momentaner Ausrutscher. Es ist nur der jüngste in einer Reihe fragwürdiger Schritte. Man muss sich fragen: Wem oder welchen Zwecken und Interessen dient dies?"
Der Regisseur Roman Polák, langjähriger früherer Leiter des Schauspiels, erklärte gegenüber "SME", dass er sich an "ähnliche Fälle" nicht erinnern könne. Er jedenfalls betrachtet die Absage bzw. Verschiebung des Projekts als Zensur.