Mumienforscher sieht "Ötzi"-Krankheiten und Umwelt im Fokus
35 Jahre nach der Entdeckung der Gletschermumie "Ötzi" im Südtiroler Teil der Ötztaler Alpen ist dieser nach wie vor nicht "auserforscht". Für Frank Maixner, Vorstand des mit "Ötzi" betrauten Instituts für Mumienforschung an der "Eurac" in Bozen, treten künftig - obwohl auch die Genetik des Gletschermannes selbst noch nicht vollständig erforscht sei - zunehmend Fragen nach Ableitungen auf die damalige Flora und Fauna sowie Krankheiten in den Fokus, sagte er im APA-Interview.

So wisse man mittlerweile aufgrund des analysierten Mageninhaltes weitestgehend, was "Ötzi" an seinem Todestag gegessen habe. "Das lässt sich aber noch viel weiter führen als bisher, und es lassen sich noch einzelne Komponenten herausfiltern", erklärte Maixner. Zum Beispiel würden durch die Rekonstruktion des Genoms etwa einzelner Nahrungsmittel in den Blickpunkt rücken und sich beispielsweise etwa "die Geschichte des Getreides in der jeweiligen Region" erzählen lassen.
Anhand der Erkenntnis, dass die letzte Mahlzeit des "Ötzi" Steinbockfleisch gewesen sei, könne man außerdem Rückschlüsse auf die damalige Biodiversität herstellen, strich Maixner heraus. So würden nämlich die heutigen Steinbockpopulationen im Alpenraum wohl nicht von den damaligen Steinböcken abstammen. Möglich würden solche Rückschlüsse jedenfalls durch immer exaktere Methoden des "Mikro-Samplings". "Mit einem detaillierten Probennehmen kommen gezielt regionale und ökologische Differenzen zum Vorschein", skizzierte Maixner aus seiner Sicht künftig lohnende Forschungsschwerpunkte.
Auch die verstärkte Analyse des "Ötzi"-Antikörperprofils verspreche für die Zukunft noch einiges an wissenschaftlichen Erkenntnissen, führte der Mumienforscher aus. "Somit hätte man dadurch ein Bild seiner zu Lebzeiten angeeigneten Immunantworten", so der "Ötzi"-Experte. Damit rücke jedenfalls - anders etwa als beim Mageninhalt - nicht nur ein Tag im Leben der rund 5.300 Jahre alten Mumie, sondern sein ganzes Leben in den Mittelpunkt: "Somit wäre erkennbar, welchen Krankheiten er damals über die Jahre ausgesetzt war."
Dennoch müsse immer die Frage gestellt werden, ob die zu erwartenden Erkenntnisgewinne Probentnahmen rechtfertigen. "Der 'Ötzi' soll auch für die nachfolgenden Generationen erhalten werden", argumentierte Maixner, der zugleich betonte, dass Entnahmen stets "minimal-invasiv" erfolgten. Es müssten aber nicht immer neue Entnahmen erfolgen, denn: Stetig gebe es mehr "Vergleichsdaten", die ebenfalls Erkenntnisse bringen könnten. "Es lohnt sich, auch zu bereits vorhandenen 'Ötzi'-Daten zurückzugehen und diese mit neuen Referenzdaten zu vergleichen", erklärte der "Eurac"-Wissenschafter.
Das gelte im Übrigen sowohl für die Genetik des "Ötzi", bei dem die Genom-Untersuchung anatolische Vorfahren offenbart habe, als auch für Ableitungen aus sonstigen Analysen, um die damalige Zeit "aufzufächern", meinte Maixner. Der "Ötzi" werde in beiderlei Hinsicht die Wissenschaft jedenfalls noch über "mehrere Jahrzehnte beschäftigen", war sich Maixner sicher.
(Redaktionelle Hinweise: B I L D A V I S O - Archivfotos von "Ötzi" sind im AOM abrufbar)