Julia Scheib: „Zum Schluss habe ich fast die Nerven verloren“
Nach dem Übersee-Training schlüpft Julia Scheib in ihrer steirischen Heimat in eine neue Rolle. Die 28-Jährige sprach über die Vorbereitung, ihre Speed-Ambitionen und die FIS.
In der Sommervorbereitung wird bei den Skistars nicht nur geschwitzt, sondern oftmals auch auf ganz bestimmte Situationen in der nahenden Saison vorbereitet. Manchmal geschieht dies auch auf ganz spontane Art und Weise, wie etwa bei Julia Scheib auf der Heimreise nach dem Übersee-Camp in Südamerika. Denn die Frauentalerin musste sich dabei in Ruhe und Geduld üben – für das ein oder andere nervenaufreibende Rennen, das im Winter auf sie wartet, vermutlich gar nicht so verkehrt. „Es war wirklich eine lange Reise und zum Schluss habe ich dann fast die Nerven ein bisserl verloren“, lacht die amtierende Riesentorlauf-Weltcupsiegerin. „Wenn du eineinhalb Tage unterwegs bist und dann am Flughafen mit dem Parkplatz etwas nicht funktioniert und dann auch noch der Plabutschtunnel gesperrt ist, dann heißt es Ruhe bewahren.“
Glücklicherweise funktionierte die Heimreise dann doch und so konnte die 28-Jährige ihre neue Rolle als Botschafterin der Südsteiermark pünktlich antreten. Doch innerhalb weniger Tage setzte es einen wahren Tapetenwechsel. Von den schneebedeckten Bergen in Chile und Argentinien ging es in die sonnige Hügellandschaft der Südsteiermark. Und das, mit zahlreichen Kilometern Speed-Training in den Beinen. „Im Vorjahr hatte ich insgesamt zwei Super-G-Trainingstage in Ushuaia in den Beinen, heuer habe ich die Riesentorlauf-Ski gar nicht erst ausgepackt und nur Super-G und Abfahrt trainiert.“ Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Scheib in der kommenden Saison alle Super-G-Rennen in Angriff nehmen möchte. „Die Abfahrt ist aktuell kein Thema, aber ich will zumindest ein Abfahrtstraining schon immer mitnehmen, da es zum Reinspüren für den Speed und die Piste wichtig ist.“
Scheib in der Rolle der Gejagten
Für die Zukunft möchte die Steirerin aber „nichts ausschließen“, wenn es um mögliche Starts in der Abfahrt geht. In ihrer Paradedisziplin ist sie nach dem Gewinn der kleinen Kristallkugel jedenfalls die große Gejagte. Ein Umstand, der Scheib aber nicht zum Nachdenken bringt. „Ich war schon während der vergangenen Saison die Gejagte und hatte einen gewissen Druck.“ Körperlich sei sie topfit, mental habe die Rückkehr auf Rennski heuer sogar schneller funktioniert als in der Vergangenheit. „Ich habe früher immer eine Woche gebraucht, bis alles gepasst hat. Heuer war es vom Gefühl her gleich am ersten Tag so wie beim Finale in Norwegen.“
Dass Scheib nach diesem Weltcup-Finale nicht in ein Loch gefallen ist, wie es oft nach langen und anstrengenden Saisonen passiert, hat einen einfachen Grund. „Es ist gar nicht so schwer. Du steigst einfach in ein Flugzeug und fliegst ans andere Ende der Welt nach Japan. Dort bleibst du drei Wochen und dann geht alles wieder. Diesen Urlaub habe ich wirklich gebraucht und echt genossen.“ Vor dem Abflug nach Südamerika hätte sie dann auch die Badetasche „angelacht“, doch für ein paar Tage am Strand war die Zeit in einem intensiven Sommer dann zu knapp. „Das ist mir fast ein bisserl abgegangen. Ich kann das dann auch gut, dass ich wirklich für ein paar Tage nichts tue und auch nicht einmal an Sport oder Aktivitäten denke.“ Statt Badeurlaub gab es dann eben Schneetraining in Übersee, wo sich Scheib nicht nur auf die kommende Saison vorbereitet hat. Denn nach den Trainings wurde es auch bei der abendlichen Freizeitgestaltung äußerst kompetitiv. „Wir haben im Team das Spiel Carcassonne für uns entdeckt und da wird es dann ganz schnell auch einmal hitzig“, lacht die Steirerin. „Und ich will ja keine Namen nennen, aber ein paar spielen da unfair.“
Besonderer Platz für die Kugel
Das Strategiespiel wurde bereits für das eigene Zuhause in Frauental gekauft. Dort steht auch die kleine Kristallkugel – an einem besonderen Platz. „Mein Tischler hat mir eine Holzvitrine gemacht mit indirekter Beleuchtung und damit habe ich eine riesige Freude.“ Während für eine zweite Kristallkugel nur schwer Platz wäre, würde eine Medaille durchaus noch in die Vitrine passen, erklärt Scheib vor dem WM-Jahr 2027. In Zukunft könnte es für sie und ihre Kolleginnen mehr Chancen auf Edelmetall geben, plant die FIS doch eine höhere Anzahl an Ski-Weltmeisterschaften. „Man sollte sich alles anschauen und ich erwarte mir schon, dass wir als Athletinnen vor solchen Entscheidungen auch einbezogen werden. Ich wünsche mir, dass generell öfter mit uns gesprochen wird. Ich bin auch optimistisch, dass dies tatsächlich geschieht.“