Dorf stimmt aus Protest gegen Asylzentrum für Austritt aus Großbritannien
Hintergrund sind Pläne des Innenministeriums, auf einem nahegelegenen ehemaligen Militärgelände bis zu 1256 männliche Asylwerber unterzubringen - dreimal so viel wie Dorfbewohner.

Piddington in Oxfordshire hat in einem symbolischen Referendum für die Abspaltung vom Vereinigten Königreich gestimmt. Hintergrund sind Pläne des Innenministeriums, auf einem nahegelegenen ehemaligen Militärgelände bis zu 1256 männliche Asylwerber unterzubringen. Mit der Abstimmung wollen die Bewohner in erster Linie ihren Protest gegen die Pläne der britischen Regierung deutlich machen.
Piddington ist ein kleines Dorf in Oxfordshire, nicht weit von Bicester und rund 25 Kilometer nordwestlich von Oxford. Rund 350 Menschen leben dort. Am Dienstag (15. September) waren die Einwohner aufgerufen, über diese Frage abzustimmen: Soll Piddington das Vereinigte Königreich verlassen und unabhängig werden?
Das Ergebnis fiel deutlich aus. Von 312 abgegebenen Stimmen votierten 285 für die symbolische Abspaltung, nur 26 waren dagegen. Eine Stimme wurde für ungültig erklärt. Die Wahlbeteiligung lag damit bei knapp 92 Prozent.
Rechtliche Folgen hat die Abstimmung nicht. Piddington kann sich nicht eigenständig aus dem Vereinigten Königreich lösen. Das Referendum wurde vom Gemeinderat als politisches Signal ausgerufen – vor allem als Protest gegen die Pläne des Innenministeriums, auf dem alten Militärgelände MoD Bicester bis zu 1.256 männliche Asylwerber unterzubringen.
Mehr als dreimal so viele Menschen wie im Dorf
Die Dimension des geplanten Zentrums ist einer der zentralen Streitpunkte. Würden tatsächlich 1.256 Menschen dort untergebracht, wären das deutlich mehr als die dreifache Einwohnerzahl Piddingtons. Nach den britischen Volkszählungsdaten lebten 2021 insgesamt 358 Menschen im Dorf.
Viele Anwohner befürchten deshalb erhebliche Veränderungen für ihren Alltag. In Gesprächen mit britischen Medien verwiesen Bewohner unter anderem auf Sicherheitsfragen, die Infrastruktur und die ihrer Ansicht nach unzureichende Einbindung der Gemeinde in die Entscheidungsprozesse.
Eine Gruppe von 133 Frauen aus Piddington wandte sich mit einem offenen Brief an weibliche Abgeordnete im britischen Parlament. Darin äußerten die Unterzeichnerinnen unter anderem die Sorge, dass sich ihr Sicherheitsgefühl und ihr Alltag durch die geplante Unterkunft verändern könnten.
Die Befürworter des Referendums argumentieren zugleich, dass es ihnen nicht ausschließlich um Migration gehe. Sie kritisieren insbesondere die Größe des geplanten Zentrums und fühlen sich von der Zentralregierung bei der Entscheidung übergangen.
„Battle of Britain“ als bewusst gewähltes Datum
Auch der Zeitpunkt der Abstimmung war symbolisch gewählt. Am 15. September wird in Großbritannien des „Battle of Britain“ gedacht, der Luftschlacht um England im Zweiten Weltkrieg. Schon im Vorfeld bezeichnete der 76-jährige Piddington-Bewohner Herbert Owen das Referendum als eine neue „Battle of Britain“.
Für viele Bewohner geht es nach eigener Darstellung um die Frage, wie stark eine kleine Gemeinde bei Entscheidungen über große staatliche Einrichtungen in ihrer unmittelbaren Umgebung mitreden kann.
Regierung hält an den Plänen fest
Die britische Regierung verfolgt mit der Nutzung ehemaliger Militärstandorte ein größeres Ziel: Die Abhängigkeit vom Einsatz von Hotels zur Unterbringung von Asylwerbern soll reduziert werden. Nach Angaben der Regierung verursacht das Hotelsystem hohe Kosten. Stattdessen sollen geeignete staatliche, vorrangig ehemalige militärische Standorte genutzt werden.
Regierungsvertreter betonen, dass Gemeinden im ganzen Land ihren Beitrag zur Unterbringung von Asylsuchenden leisten müssten. Der für die Regierung auftretende Minister Jonathan Reynolds erklärte, ein stillgelegter Militärstandort sei unter Umständen geeigneter als die Unterbringung von Asylwerbern in Hotels. Das Innenministerium verweist darauf, dass bei solchen Einrichtungen mit Kommunen und der Polizei zusammengearbeitet werden solle.
Die Pläne stoßen nicht nur in Piddington auf Widerstand. Die Unterbringung von Asylwerbern ist in Großbritannien seit Jahren ein politisch stark umkämpftes Thema. Besonders die Frage, welche Regionen und Gemeinden die Verantwortung für die Unterbringung übernehmen sollen, sorgt regelmäßig für Konflikte.
Vom Protest zur landesweiten Debatte
Für Piddington hat das symbolische Referendum bereits einen wichtigen Effekt erzielt: Das kleine Dorf ist landesweit bekannt geworden. Reporter aus zahlreichen Medien kamen in den Ort, um über die ungewöhnliche Abstimmung zu berichten. Die Organisatoren hoffen nun, dass andere Gemeinden dem Beispiel folgen könnten, wenn sie sich gegen vergleichbare Unterbringungsprojekte wehren wollen. Ob die Abstimmung politisch etwas an den Plänen für MoD Bicester verändert, bleibt offen.