MotoGP-Analyse von Alex Hofmann: „Die Karten werden neu gemischt“
Vor dem Rennen in Spielberg analysiert Ex-Rennfahrer und ServusTV-Experte Alex Hofmann die heißesten Themen der MotoGP.

In gewisser Weise unterscheidet sich die WM in diesem Jahr durchaus von anderen. Meist gab es um diese Zeit nur noch ein, zwei Favoriten auf den Titel, meist ein sehr dominantes Werk – das ist heuer anders. Zunächst war es überraschend, wie dominant Aprilia war, wie nahe Jorge Martin dem WM-Titel schien. Und auf einmal fuhren selbst private Aprilias Siege ein, so durch Ai Ogura, durch Raul Fernandez, das waren echte Überraschungen. Nebeneffekt: Es gibt eine spannende Ausgangslage für die zweite Hälfte. Und just in der Steiermark werden die Karten neu gemischt, mit zwei punktgleichen Fahrern an der Spitze der WM-Wertung.
Wie das passieren konnte? Ich denke, es war ein besonderer Fall, weil es das letzte Jahr für die Tausender-Motoren ist. Nächstes Jahr ändern sich die technischen Voraussetzungen. Ich denke, dass ein führendes Werk wie Ducati rausgenommen und sich ganz auf die Entwicklung der neuen 850er konzentriert hat. Wahrscheinlich meinten sie zunächst, dass Marc Márquez relativ entspannt weiter dominieren würde. Dann kam aber dessen körperliche Schwäche, eine neuerliche Operation. Und Aprilia sah die Chance, hat alles reingeschmissen – mit Erfolg.
In Spielberg, so hört man, war der Vorverkauf nicht so gut wie gewohnt. Das liegt an vielen Dingen, an den Rennen, die im Umfeld dazukamen, an der Preisfindung, an den Problemen von KTM und dem damit etwas verloren gegangenen Hype. KTM hat sich nun wieder erholt, was dieses Team in den zwei Jahren der Ungewissheit abgeliefert hat, ist wirklich aller Ehren wert. Und ich würde es dem Team und Pedro Acosta so sehr wünschen, dass sich noch ein Sieg ausgeht. Bisher hatten sie meist Pech, dass im Fall der Fälle Márquez doch stärker war. Aber Pedro ist bereit. Ich schätze die Chancen, dass der Sieg noch gelingt, mit 60:40 ein.
Die MotoGP wird simpler
Woran es nicht liegen kann: An den Jungs auf den Bikes, die meines Erachtens weit charismatischer sind, als man denkt. Aber ein Vergleich zu einem Valentino Rossi ist halt schwierig. Eine zeitlang war Marc Márquez auf bestem Weg, Vales Fanbase zu übernehmen, dann kam die Fehde der beiden, die das unmöglich machte. Aber nach einem Michael Jordan hat sich Basketball ja auch schwer getan, genauso Golf nach Tiger Woods.
Ich denke, die Formel 1 besteht in der Breite auch nicht aus Charismatikern und funktioniert trotzdem. Da muss die Meisterschaft, die Serie an sich arbeiten. Die nächste Saison wird wohl schon anders, es wird simpler für alle Beteiligten, ich denke, wir steuern in eine bessere Zukunft. Man geht ökologisch und budgetär in die richtige Richtung, verbietet auch Devices wie das „Ride High“, das magisch wirkt, aber nicht sichtbar für den Fan ist und das essenzielle Dinge der Motorradbeherrschung wegnimmt. Aber das ist alles noch Zukunftsmusik. Dieses Rennwochenende gilt: Es ist spannend wie selten zuvor, Spielberg könnte den Ducatis ebenso liegen wie KTM und Aprilia. Und mit oder ohne Aerodynamik und 300 PS: Wir bieten sicher wieder und auch in Zukunft den besten Motorsport, den es geben kann.