Sexueller Missbrauch durch Bruder: Thailändische Bierdynastie erschüttert
Ein Nachkomme einer wohlhabenden Familie bricht sein Schweigen und erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen Bruder und ein Kindermädchen. Er wird zum großen Vorbild.
Siranudh Scott, auch einfach nur „Psi“ genannt, löst in Thailand gerade eine Welle der Solidarität mit Missbrauchsopfern aus und bestärkt viele andere, nach langem Schweigen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Der 30-Jährige entstammt der größten Bier-Dynastie des Landes, die hinter Singha steht – einer der beliebtesten Biermarken Thailands. Siranudh machte schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen seinen größeren Bruder und ein Kindermädchen öffentlich. Seine Mutter fürchtete um die Reputation der bekannten Familie und versuchte mit allen Mitteln, die Vorfälle zu vertuschen – und soll ihn auch bestochen haben.
Seine Familie sei immer schon distanziert gewesen, erzählt „Psi“ der „New York Times“. „Ich hatte schon früh das Gefühl, dass ich meine eigene Realität untergraben musste, damit andere Menschen leben konnten“, sagt er. Über Jahre habe er die traumatischen Erlebnisse aus seiner Kindheit für sich behalten: „Ich habe mich auch deshalb nicht zu Wort gemeldet, weil ich mich nicht für würdig hielt und nicht glaubte, dass ich geliebt wurde.“

„Ich habe mich wirklich angewidert gefühlt“
Siranudh schildert die Vorwürfe detailliert. Nachdem seine geschiedenen Eltern wenig Zeit für ihn hatten, sorgte sich ein Kindermädchen um ihn. Als er sechs Jahre alt war, habe diese ihre Hose ausgezogen und sich auf ihn gesetzt - der Bub wusste nicht, wie ihm geschieht. Weiters erzählt der Thailänder, sein älterer Bruder habe ihn über Jahre hinweg zum Oralsex gezwungen. Zu Beginn sei Siranudh neun Jahre alt gewesen, der Missbrauch dauerte bis zum Alter von 13 Jahren an. „Als er das erste Mal meinen Kopf gepackt hat, habe ich mich wirklich angewidert gefühlt“, sagt der heute 30-Jährige.
Um seine Familie zu schützen, behielt „Psi“ die Erlebnisse zunächst für sich. Die mutmaßlichen Täter waren jene Menschen, denen er am meisten vertraute. 2020 sprach Siranudh mit seiner Mutter über den Vorfall mit dem Kindermädchen, erklärt er. Dieses wiederum informierte die Mutter über den Missbrauch durch den Bruder. Siranudhs Mutter sagte ihm, er dürfe darüber mit niemandem sprechen, und entließ das Kindermädchen.
Heimliche Tonaufnahme
Siranudh wurde aus dem Strandhaus der Familie geworfen – laut seiner Mutter habe er dort „Ärger“ gemacht – und vom 1,3-Milliarden-Dollar-Vermögen ausgeschlossen. Er distanzierte sich von seiner Familie und wurde zu einem angesehenen Meeresnaturschützer, während seine Mutter weiterhin die Ferien mit seinem Bruder verbrachte. „Ich wurde von jemandem in meiner Familie vergewaltigt“, schrieb Siranudh schließlich im August 2023 in einem Facebook-Posting. Seine Mutter und er schlossen einen Vertrag, Siranudh bekomme jährlich fünf Millionen Baht (rund 130.000 Euro) und wahre dafür „den Ruf, die Ehre und die Würde“ der in elitären Kreisen angesehenen Familie.
Zur Beweissicherung bat Siranudh seinen Bruder um ein Gespräch und zeichnete dieses heimlich auf. Auf der Aufnahme, die der „New York Times“ vorliegt, bestreitet der Bruder die Vorwürfe nicht, betont aber, er wisse nicht, was er damals getan habe, und könne es nicht ungeschehen machen. In einem Video verteidigt sich der Bruder später, es habe sich lediglich um „Raufen“ gehandelt. Die Mutter bestreitet die Vorwürfe, das Kindermädchen antwortete nicht auf die Nachfrage der US-Zeitung.

Viele Opfer zögern
Siranudh ließ sich nicht unterkriegen und sprach im Fernsehen über die Vorwürfe. Seine Mutter verklagte ihn, zog die Klage aber im Juli zurück. Der Bierkonzern äußerte sich mittlerweile und gibt an, man wolle sich verantwortungsvoll mit dem Fall auseinandersetzen. Der verdächtige Bruder verließ das Unternehmen. Siranudh will seinen Bruder anzeigen und nicht mit seiner Mutter sprechen.
In Thailand galt sexueller Missbrauch in der Familie oder durch Mächtige lange als Tabuthema. Aufgrund der rechtlichen Situation zögern viele Opfer und behalten die Anschuldigungen für sich. Der öffentliche Auftritt Siranudhs hat eine Debatte angestoßen. „Durch die Aufdeckung ist eine gewisse Form der Gerechtigkeit zustandegekommen“, zeigt sich der 30-Jährige erleichtert. Vor einer Anwaltskanzlei haben sich Dutzende Anhänger versammelt, sie legen Blumengirlanden um Siranudhs Hals. Darunter eine Pensionistin, die erklärt: „Wir sind seine Familie.“
Rasche Hilfe in Krisensituationen
In Krisensituationen gibt es mehrere Anlaufstellen, an die man sich wenden kann:
PsyNot Steiermark: die kostenfreie Hotline ist 24 Stunden am Tag unter 0800 / 44 99 33 zu erreichen
Rat auf Draht: unter der Telefonnummer 147 ist ein Notruf für Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen eingerichtet - kostenlos und ebenfalls rund um die Uhr
Telefonseelsorge ist unter der Nummer 142 zu erreichen.