Steirischer Musiker in der Ukraine: Mit Musik dem Krieg trotzen
Der Dirigent und Cellist Jörg Zwicker verfolgt seit fünf Jahren unbeirrbar seine Mission, Barockmusik in der Ukraine zu fördern

In diesem August war Jörg Zwicker bereits zum neunten Mal seit dem russischen Großangriff in der Ukraine, um dort unter den Bedingungen eines allgegenwärtigen Krieges mit einheimischen Musikerinnen und Musikern zu arbeiten. Innerhalb eines Monats zog der unter anderem an der Kunstuniversität Graz unterrichtende Dirigent, Cellist und Barock-Spezialist in Kiew gleich zwei bemerkenswerte Projekte durch: Zum einen eine Einstudierung der Oper „Creonte“ von Dmitri Bortnjanski (1751-1825) samt ausverkaufter Aufführung in der Nationalphilharmonie Kiew und einer CD-Aufnahme. Und mit dem Orchester Camerata Kyiv brachte Zwicker Musik des französischen Hofes unter Ludwig XIV. ebenfalls in die Nationalphilharmonie.
Angefangen hat Zwickers musikalisches Engagement in der Ukraine durch die Begegnung mit ukrainischen Studierenden in den Meisterkursen der Austria Barock Akademie in Gmunden. Dabei entstand die Idee, Alte Musik in der Ukraine zu forcieren. 2021 reiste Zwicker mit diesem Vorhaben erstmals in das Land. Gerade, als sich das Projekt zu verdichten begann, kam der russische Angriff dazwischen: „Als ich das zweite Mal Ende Jänner, Anfang Februar 2022 drüben war, sind schon 100.000 Soldaten an der Grenze gestanden. Man hat damals mit Cyberangriffen gerechnet, aber dass ein Einmarsch kommt, hat zu diesem Zeitpunkt noch keiner geglaubt. Den nächsten Flug in die Ukraine hatte ich für den 24. Februar gebucht. Auf dem Weg zum Flughafen ist dann die Nachricht gekommen: Die Russen sind einmarschiert, der Luftraum ist gesperrt.“
Weitermachen trotz Krieges
Damit war Zwickers vielversprechendes Vorhaben in der Ukraine vorerst auf Eis gelegt, denn lange war unklar, wie sich der Krieg entwickeln würde. „2024 habe ich mir dann gesagt, Musik hat so eine Kraft und eine so schöne Wirkung, machen wir das weiter!“ Und so setzte Zwicker die Arbeit in der Ukraine trotz des von ständiger Bedrohung geprägten Umfelds fort. Besonders beeindruckt hat ihn die Einstellung der Menschen in der Ukraine: „Niemand jammert, keiner beklagt sich. Diese Resilienz, diese Selbstverständlichkeit, dass der Tod jederzeit da sein kann. Wenn ich sage, ich komme im November wieder und dann machen wir das und das, dann sagen sie: Ja, wenn ich noch lebe, gern. Ganz ohne Drama.“
Im Frühjahr dieses Jahres rief Zwicker einen Verein ins Leben, um ukrainischen Musikerinnen und Musikern trotz eingeschränkter Ausreisebedingungen Studienaufenthalte in Europa zu ermöglichen und Musikprojekte zu finanzieren. Nähere Informationen gibt es unter www.ukrainemusicproject.eu. Für das kommende Jahr stehen für Zwicker in der Ukraine jedenfalls bereits weitere Musikprojekte an: Im Februar ist ein Orchesterkonzert mit dem Kyiv Chamber Orchestra geplant – eines der drei ukrainischen Orchester, mit denen er nun arbeitet. Im April folgt die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach mit der Liatoshynsky Capella. Und sogar für Herbst 2027 gibt es schon Pläne mit einem Monteverdi-Programm.
Daneben hat Zwicker vor, immer wieder auch privat in die Ukraine zu reisen: „Einfach zum Musizieren, ohne Konzert, sondern zur Ablenkung und um Kraft zu sammeln mit der Musik.“
