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EZB-Chefin in Wien: Wehe, wenn Europa nicht aufholt

EZB-Präsidentin Christine Lagarde mahnt die schnelle Umsetzung der EU-Kapitalmarktunion ein. Ansonsten drohe Europa bei der Künstlichen Intelligenz die dauerhafte Abhängigkeit.

Nur ein Hauch von Optimismus: Christine Lagarde in der Wiener Hofburg
© APA / Hans Klaus Techt
Nur ein Hauch von Optimismus: Christine Lagarde in der Wiener Hofburg
Walter Hämmerle
Leiter Innenpolitik

Alexander Van der Bellen hat das seltene Talent, den pompösen Schein mit wenigen Worten zu entzaubern. Als er am Montagabend rund 200 geladene Gäste „in den bescheidenen Räumen der Hofburg“ willkommen hieß, erklärte er, dass es „zu den stillen Vorteilen gehöre, in der sogenannten alten Welt zu leben, dass man keine neuen Ballsäle bauen muss“. Damit war das Match mit den USA, der neuen Welt, auch schon eröffnet, wo Präsident Donald Trump bekanntlich im Weißen Haus buchstäblich keinen Stein auf dem anderen lässt.

Zu Gast im Rahmen von „Hofburg Dialog“ war Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Dabei wurde nicht weniger als die Zukunft Europas im neuen Wettbewerb der Regionen um Vorherrschaft verhandelt, ist die „alte Welt“ doch bei der Künstlichen Intelligenz hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Um aus dieser Sackgasse wieder herauszukommen, plädierten Lagarde und Van der Bellen unter dem Motto „Invested in Europe“ für eine ebenso schnelle wie konsequente Verwirklichung der Kapitalmarktunion in der EU, um die nötigen Riesensummen zu mobilisieren, die benötigt werden, um den Rückstand bei der KI zumindest halbwegs in Grenzen zu halten. Die aktuellen Sorgen, dass KI außer Kontrolle geraten könnte, teilt Lagarde übrigens nicht, aber das nur nebenbei.

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6 Billionen Euro für die nächsten 10 Jahre

Chips und Rechenzentren sind die beiden miteinander verbundenen Bereiche, in denen das Wettrennen um die Zukunft ausgetragen wird. Nur um den Rückstand Europas hier aufzuholen, brauche es in den nächsten 10 Jahren Investitionen von 600 Milliarden Euro jährlich, so Lagarde. Der Witz ist: Für einmal mangelt es nicht am Geld! Dieses ist in Form der Sparguthaben von Haushalten und Unternehmen durchaus vorhanden. Doch weil der europäische Finanzmarkt nicht über die nötige Tiefe und Diversifizierung verfügt, fließen jährlich 1,4 Billionen Euro europäischer Guthaben ins Ausland ab. Dieses Kapital müsse stattdessen zuhause investiert werden, nicht zuletzt in Form von Risikokapital, um jungen KI-Unternehmen Wachstumschancen zu ermöglichen.

Die möglichen Folgen schilderte Lagarde mit einem Blick zurück: Das Wien der Gründerzeit habe es geschafft, Altes – die alte Stadtmauer um die Innenstadt – niederzureißen und etwas wunderbar Neues zu erschaffen – die prächtige Ringstraße. Auch außerhalb Europas seien mit europäischem Kapital große Dinge erschaffen worden, vom Suezkanal bis zum US-Eisenbahnnetzwerk. Mit dem Börsenkrach von 1873 war diese wirtschaftliche Boomzeit jedoch abrupt vorbei. Das Ende dieser Entwicklung war, dass Europa wirtschaftlich hinter die USA zurückfiel.

Zwei Ökonomen: Bundespräsident Van der Belen und EZB-Präsidentin Lagarde
© APA / Hans Klaus Techt
Zwei Ökonomen: Bundespräsident Van der Belen und EZB-Präsidentin Lagarde

KI als Mittel gegen den Arbeitskräftemangel

Heute müsse Europa selbst innovative KI-Anwendungen hervorbringen, statt diese lediglich aus den USA und China zu importieren. Ohne strategische Souveränität in entscheidenden Schlüsselbereichen entlang der digitalen Wertschöpfungskette – Forschung, Anwendungen, Rechenzentren und Halbleiter-Chips –, drohe die Verfestigung der bereits bestehenden Abhängigkeit. 75 Prozent der weltweiten Rechenleistung befinden sich in den USA, nur 5 Prozent in Europa. Das wäre eine fatale Entwicklung, könnte der konsequente und schnelle Einsatz von KI das Produktivitätswachstum im Euroraum binnen eines Jahrzehnts doch um bis zu 4 Prozent steigern, sagte Lagarde. Anders lasse sich der absehbare Arbeitskräftemangel kaum auffangen. In den kommenden 25 Jahren schrumpfe das Arbeitskräftereservoir um eine Million pro Jahr.

In der anschließenden Podiumsdiskussion unterstrich Nationalbank-Gouverneur Martin Kocher die Dringlichkeit, privates Kapital gezielter in europäische Zukunftsprojekte zu lenken. Risikokapital allein reiche nicht aus, Europa benötige verlässliche Rahmenbedingungen, eine gesicherte Energieversorgung und eine Entlastung der Betriebe. Regulierung müsse künftig konsequenter darauf ausgerichtet werden, Innovationen zu fördern statt sie zu hemmen.

Infineon-Chefin Herlitschka: Europa hat Stärken

Die Vorstandsvorsitzende von Infineon Austria, Sabine Herlitschka, warnte vor ausufernden Bürokratiehürden im EU-Binnenmarkt. Europa verfüge bei Schlüsseltechnologien wie der Mikroelektronik über globale Stärken – obwohl nur drei der weltweit größten Chiphersteller in europäischer Hand seien, verfüge man im kritischen Energiebereich mit Infineon über den Marktführer –, müsse diese aber auch ausspielen. Es gelte, Regulierung künftig gezielt als „Hebel für Wettbewerbsfähigkeit“ einzusetzen, um im globalen Wettbewerb mit den USA und China zu bestehen. Zudem nannte Herlitschka den Zugang zu leistbarer, grüner Energie als Grundvoraussetzung für die industrielle Transformation.

Johannes Brandstetter, Mitgründer des KI-Start-ups Emmi AI, wies auf die gravierenden Hürden bei der Skalierung junger Technologieunternehmen hin. Während Frühphasenfinanzierung in Europa vorhanden sei, fehle Risikokapital für spätere Wachstumsphasen, was viele Gründer nach wie vor in die USA dränge. „Wir müssen viel größer denken“, forderte Brandstetter mit Blick auf europäische KI-Initiativen.