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Zu viel Freizeit im Camp: Rangnick gab Fehler während der WM zu

ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick äußerte sich erstmals nach der WM zum Turnier.

Teamchef Ralf Rangnick
© GEPA pictures
Teamchef Ralf Rangnick

Zweieinhalb Monate nach dem Sechzehntelfinal-Out hat Österreichs Fußball-Teamchef Ralf Rangnick ein durchaus kritisches WM-Fazit gezogen. Der Deutsche betonte zwar, man habe bei der Endrunde gegen die späteren Finalisten Argentinien und Spanien verloren, gestand aber auch, dass man den Spielern möglicherweise zu viele Freiheiten für Golfrunden oder Ausflüge ließ. „Bei der EM und schon in den nächsten Lehrgängen werden wir das auf ein anderes Maß reduzieren“, sagte Rangnick.

In Santa Barbara genossen die ÖFB-Internationalen nicht nur optimale Trainings- und Hotel-Bedingungen, sondern möglicherweise auch den einen oder anderen freien Tag zu viel. „Ich würde das nicht wieder machen“, erklärte Rangnick in diesem Zusammenhang. „Wir haben gedacht, dass es für die Jungs energetisch und mental nicht verkehrt ist, wenn sie rauskommen und ihre Familien treffen.“ Mittlerweile habe man das kritisch hinterfragt, so Rangnick.

Ebenfalls hinterfragt wurde, ob nicht mehr Einheiten sinnvoll gewesen wären, in denen es „scheppert“, wie es Rangnick formulierte. „Wenn wir unseren Fußball wieder auf den Platz bringen wollen, muss es im Training scheppern, da müssen wir all-in gehen.“

ÖFB-Kicker in US-Hotel „ein bisschen verstreut“

Auch das Team-Hotel direkt am Pazifik sei eventuell nicht ideal gewesen, vermutete Rangnick. „In Berlin (Anm.: bei der EURO 2024) war unser Quartier wie eine Jugendherberge auf höherem Niveau. Dort waren wir Tag und Nacht zusammen und haben Dinge gemacht, die automatisch Teambuilding-Funktion hatten. In Santa Barbara waren wir auf kleine Häuschen verteilt, da waren wir ein bisschen verstreut“, erzählte Rangnick. „Im Rückblick haben wir uns gefragt, ob wir noch den einen oder anderen Event hätten machen können. Aber ob das an unsere physischen Performance auf dem Platz etwas geändert hätte, weiß ich nicht.“

Es sei nämlich vor allem an der Physis gelegen, dass die ÖFB-Auswahl in Nordamerika nicht an das bei der EM 2024 gezeigte Niveau herankam. „Wir waren bei der EURO in allen für unsere Spielweise relevanten Parametern unter den Top drei, bei der WM zwischen 25 und 35. Wenn man sich diese Zahlen anschaut, ist es naheliegend, dass wir uns schwergetan haben, physisch unsere Leistung abzurufen, um so zu spielen, wie wir es uns vorstellen.“

Zu viele Spieler seien nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte gewesen, erklärte Rangnick. Patrick Wimmer und Florian Grillitsch wurden erst knapp vor dem ersten WM-Match gegen Jordanien richtig fit, außerdem habe es sechs Kicker gegeben, die „zwar gesund, aber nicht matchfit“ waren, berichtete der Teamchef, ohne Namen zu nennen.

Gegen Deutschland hätte es vielleicht „Spiel auf Augenhöhe“ gegeben

Rangnick war aber auch bemüht, die positiven Seiten hervorzuheben. Man sei erstmals seit 28 Jahren bei einer WM dabei gewesen, habe erstmals seit 36 Jahren ein WM-Match gewonnen und damit das große Ziel - den Aufstieg in die K.o.-Phase - erreicht. Dass man es dort gleich mit Spanien zu tun bekam, sei Pech gewesen. „Mit unserem Kader, auch in dieser Verfassung, in der er war, hätten wir gegen die Schweiz und selbst gegen Deutschland ordentliche Chancen gehabt, ein Spiel auf Augenhöhe zu bestreiten“, meinte Rangnick.

Allerdings musste sich das ÖFB-Team schon beim 3:1 gegen Jordanien gehörig plagen. „Jordanien ist eben nicht Curacao“, sagte Rangnick und resümierte: „Ich kann sagen, dass die WM so gelaufen ist, wie es zu erwarten war. Doch ich bin ein Trainer, der nicht nur auf Ergebnisse schaut, sondern auch auf das, was auf dem Platz passiert. Und da muss ich sagen, ich war nicht zufrieden. Wir haben die Leistungen, die ich erhofft habe, zu selten und nur in einzelnen Spielphasen gebracht. Aber wenn du gegen Spanien oder Argentinien etwas holen willst, brauchst du von jedem Spieler 90, 95 Minuten auf Top-Niveau.“

Auf diesem Top-Niveau befand sich bei der WM laut Rangnick nur Marcel Sabitzer. Vom Teamchef hervorgehoben wurde auch Goalie Alexander Schlager. „Aber es gab viele, die von ihrem Leistungsvermögen weit weg waren.“

Xaver Schlager hatte „Delle“ bei WM

Dazu zählte etwa Xaver Schlager. „Er hatte bei der WM eine richtige Delle“, sagte Rangnick und erzählte, der Nottingham-Legionär habe ihn in der Pause des Algerien-Spiels um seine Auswechslung gebeten - ein für Schlager extrem ungewöhnliches Verhalten, so Rangnick. Außerdem klagte der 68-Jährige noch einmal über den Ausfall von Christoph Baumgartner, der „unsere Schaltzentrale ist, was das Pressing-Auslösen und Umschaltsituationen betrifft“.

Dennoch sei die WM eine einzigartige Erfahrung auch für ihn selbst gewesen, sagte Rangnick und wies auf die zahlreichen Videos von Kindern hin, die um 6.00 Uhr in der Früh in ihren Klassen mit dem ÖFB-Team gegen Jordanien mitfieberten. „Das war Gänsehaut pur.“ Auch die letzten 120 Sekunden gegen Algerien mit dem späten Gegentor und dem darauffolgenden 3:3 durch Sasa Kalajdzic haben sich tief in Rangnicks Gedächtnis eingebrannt. „Allein für diese beiden Dinge war es absolut wert, bei der WM gewesen zu sein.“

Ausgezahlt hat sich der WM-Trip auch für den ÖFB. Selbst wenn noch einige Abrechnungen ausstehen, ist schon klar, dass es einen Brutto-Erlös von 11,5 Millionen Euro gab. Knapp zwei Millionen Euro werden laut Verbands-Aufsichtsratschef Josef Pröll an die Bundesliga und die Landesverbände ausgeschüttet, beim ÖFB bleibe ein „niedriger siebenstelliger Betrag“. Im Vergleich dazu kassierte der Verband für die EURO 2024 von der UEFA 12,75 Mio. Euro. „Und das bei unvergleichlich weniger Kostenaufwand“, betonte Pröll.