Update für einen Oldtimer: Kölns Oper eröffnet wieder
"Eine Milliarde hat es gekostet - dafür hätte man sich eine Elbphilharmonie leisten können. Aber stattdessen haben wir jetzt nur wieder diesen Betonklotz!" So oder ähnlich hat man es in den letzten Jahren in Köln immer und immer wieder gehört. Gemeint war die seit 2012 dauernde Sanierung von Oper und Schauspielhaus aus der Nachkriegszeit. Nun steht am 24. September die Wiedereröffnung an.

Aus einst geplanten 253 Millionen Euro wurden fast 1,5 Milliarden Euro geworden, wenn Baukosten und Finanzierung zusammengerechnet werden. Die Eröffnung verschob sich um elf Jahre. Die Verantwortlichen sind aber dennoch überzeugt, dass die Entscheidung, das Gebäudeensemble zu erhalten, richtig war. "Bewahrt und neu zum Strahlen gebracht wurde etwas Einzigartiges, dessen Bedeutung weit über Köln hinausweist", sagt Stadtkonservator Thomas Werner. Die Kölner Oper war 1957 einer der ersten Kulturneubauten der jungen Bundesrepublik. Frühe Schwarz-Weiß-Fotos zeigen ein Gebäude, das sich wie die Vision einer besseren Gesellschaft nüchtern, klar und hell aus dem Kölner Trümmerfeld erhebt.
Es war radikal neu gedacht, ein "Bau in menschlichen Maßen, ohne falsche Repräsentation und im Geiste unserer Zeit", wie es der Architekt Wilhelm Riphahn (1889-1963) bei der Eröffnung formulierte. Riphahn wollte eine Oper der Demokratie schaffen. Die Zeitgenossen betrachteten sie als Symbol des Neuanfangs, was auch dadurch zum Ausdruck kam, dass Bundeskanzler Konrad Adenauer der Eröffnung beiwohnte.
Schon von außen fällt auf: Dies ist kein Opernhaus, wie man es kennt. Es fehlen Treppen, die zum Tempel der Hochkultur hinaufführen, es fehlt ein repräsentativer Haupteingang. Stattdessen betritt man das Haus über einen großen Vorplatz durch einen von fünf gleichwertigen ebenerdigen Eingängen. Im Zuschauerraum gibt es keine besseren und schlechteren Plätze, keine Ehrenloge. Riphahn wollte, dass man von jedem Sitz aus gleich gut hört und sehen kann. Es ist ein Gebäude ohne Hierarchien.
Auf Schmuck und Verzierungen verzichtete Riphahn. Stattdessen besitzt seine Oper riesige Fenster - der Schauplatz der Hochkultur öffnet sich nach außen. Transparenz und intensiver Kontakt mit der Gesellschaft waren die angestrebten Ideale, Herrschaftsarchitektur und Elitendenken sollten der Vergangenheit angehören. 1962 wurden als Gesamtensemble direkt neben der Oper auch noch das ebenfalls von Riphahn entworfene Schauspielhaus und die Opernterrassen eröffnet.
Doch schon in jenem Jahr wurden an der Oper erste Veränderungen vorgenommen. So erhielten die hinter dem Zuschauerraum aufragenden Werkstatt-Türme aus Sichtbeton - als "Grabmal des unbekannten Intendanten" verspottet - einen weißen Anstrich, ebenso wie später der gesamte Innenbereich. Riphahns Farbkonzept mit 131 aufeinander abgestimmten Farbtönen ging dadurch komplett verloren - im Zuge der Sanierung ist nun aber alles wiederhergestellt worden. Man fühlt sich in die Zeit der Radiotruhen und Nierentische zurückversetzt. Allein die Garderobe mit ihren silbernen Haken vor dunkelgrauer Wand wirkt wie eine Kunstinstallation.
Warum ist die Sanierung nun so unglaublich teuer geworden - 800 Millionen Euro allein an reinen Baukosten? Einer der Hauptgründe dafür ist die Schwierigkeit, ein Gebäudeensemble aus den 50er Jahren den heutigen baurechtlichen Bestimmungen zu Brandschutz, Energieeffizienz und Barrierefreiheit anzupassen, ohne dabei die Architektur zu stark in Mitleidenschaft zu ziehen. Man musste gleichsam einer Oldtimerlimousine die neueste Technik unter der Motorhaube einbauen. Dem gerecht zu werden, erforderte zahllose Kunstgriffe.
Wer die durchkomponierten Räume heute besichtigt, wird kaum glauben können, dass der Abriss des Schauspielhauses noch vor weniger als 20 Jahren beschlossene Sache war. An seiner Stelle sollte ein glitzernder Kubus mit Stahl-Glas-Fassade entstehen. Aber dann forderten 50.000 Kölner Bürger die Erhaltung des Gebäudes - und der Stadtrat änderte die Pläne. Jetzt, nach der Sanierung, steht fest: Ein Neubau wäre eine Amputation gewesen - so als hätte man den Flügel eines Barockschlosses durch einen Betonbau ersetzt.
Zwei weitere Spielstätten sind im Rahmen der Sanierung dazugekommen: das sogenannte Kleine Haus, ein behutsamer Neubau aus Glas, und eine unter der Erde liegende Kinderoper - nach Angaben der Stadt die weltweit einzige. Mit einer schuppigen goldenen Außenhaut wie eine in ihrer Höhle schlafende Drachendame wartet sie auf die jungen Besucher, die durch ein lichtes Treppenhaus zu ihr hinabsteigen werden.