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Stück der Stunde: Landestheater NÖ startet mit "Arturo Ui"

Am Samstag startet Patricia Nickel-Dönicke ihre Intendanz am Landestheater Niederösterreich. Nach einem Theaterfest ab 14 Uhr wartet am Abend eine außergewöhnliche Eröffnungspremiere. Mit elf Spielern präsentiert sich das gesamte Ensemble, und auch elf Regieführende haben bei der Inszenierung von Bert Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" mitgewirkt. Dass das Stück zuletzt an Brisanz gewonnen hat, darüber zeigt sich die neue Theaterchefin keineswegs erfreut.

ST. PÖLTEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Isabel Machado Rios/Isabel Machado Rios
© APA/Isabel Machado Rios
ST. PÖLTEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Isabel Machado Rios/Isabel Machado Rios

APA: Frau Nickel-Dönicke, speziell nach den jüngsten Wahlen in Sachsen-Anhalt muss man ja sagen: Brechts "Arturo Ui", mit dem Sie Ihre Intendanz starten, ist wohl das Stück der Stunde. Freuen Sie sich als Intendantin über den gelungenen Weitblick Ihrer Spielplan-Gestaltung oder sind Sie als ehemalige DDR-Bürgerin schockiert, was sich im früheren Ostdeutschland abspielt?

Patricia Nickel-Dönicke: Leider hat die Programmierung dieses Stücks, zu der wir uns vor anderthalb Jahren entschlossen haben, auch viel mit der österreichischen politischen Situation zu tun. Als Ex-DDR-Bürgerin empfinde ich aber natürlich Scham und frage mich: Was passiert eigentlich in Mecklenburg? Was passiert in Thüringen? Ich bin Brandenburgerin, und die Glatzen der 90er-Jahre in meinem Heimatbundesland sind mir noch sehr präsent. Plötzlich sehe ich sie auch hier durch Sankt Pölten laufen. Mir macht das Angst.

APA: Kann man einem Außenstehenden, erklären, was da so eklatant schiefgelaufen ist, dass eine als rechtsextrem eingestufte Partei bei einer demokratischen Wahl mehr Stimmenanteile erhält als die NSDAP vor der Machtübernahme?

Nickel-Dönicke: Vieles ist - hoffentlich - ein Phänomen des Ostens, wo die Wendeverlierermentalität stark ist. Der wahnsinnig schnelle Systemumtausch hat bis heute Auswirkungen. Und dann gibt es wie leider überall Menschen, die einfache Antworten wollen auf die wahnsinnig komplexen Fragen unserer Zeit. Donald Trump sagt halt: Wer ist gut? Wer ist böse? Wie lässt sich das lösen? Man sucht Sündenböcke - und schon sind wir mitten in den Themen des "aufhaltsamen Aufstiegs des Arturo Ui" und fragt sich natürlich: War die AfD in Sachsen-Anhalt aufhaltsam? Wie hätte das gelingen können?

APA: Die FPÖ ist in Niederösterreich in der Landesregierung. Hat sich das für Sie bisher irgendwie bemerkbar gemacht?

Nickel-Dönicke: Ich bin in meiner anderthalbjährigen Vorbereitung total frei gewesen in der Stückauswahl und in der Ensemble-Zusammenstellung. Natürlich gibt es Menschen, die auch mal zählen, wie viele Österreicher:innen im Ensemble sind, wie viele österreichische Stücke gespielt werden - aber das habe ich ehrlich gesagt immer darauf geschoben, dass ich Deutsche bin. Ich bin bisher sehr offen und freundlich aufgenommen worden und habe vielleicht auch ein bisschen den Vorteil einer rosaroten Brille, weil ich auf Österreich noch immer ein bisschen wie auf ein Urlaubsland gucke. Aber ich bekomme natürlich mit, was etwa in der Steiermark in der Kulturpolitik abgeht.

APA: Ihr Eröffnungsstück ist nicht nur eine politische, sondern auch eine theaterästhetische oder strukturelle Ansage. Es inszenieren elf Regisseurinnen und Regisseure gemeinsam. Hat dieses Konzept seine Bewährungsprobe in der Realität bestanden?

Nickel-Dönicke: Bertolt Brecht, zu dem ich natürlich als Studentin von Hans-Thies Lehmann ("Postdramatisches Theater", Anm.) und auch als Ossi einen besonderen Bezug habe, hat selbst die Richtung vorgegeben. Wir haben also geschaut, wie man mit ganz unterschiedlichen Theatermitteln diesen Stoff so aufbereiten kann, dass er uns heute mehr erzählt außer einer guten Geschichte in einer Gangsterwelt? Wir haben unser komplettes Ensemble aus elf Leuten im Einsatz, und alle elf Regisseure und Regisseurinnen, die im Lauf der Saison mit ihnen auch noch einmal an einer eigenen Produktion arbeiten werden, haben sich gewisse Szenen herausgesucht, die wir nun gemeinsam mit Übergängen zu einem circa zweieinhalbstündigen Theaterabend zusammensetzen. Derzeit verändert sich natürlich jeden Tag noch extrem viel. Aber es ist schon toll zu sehen, dass es funktioniert. Und gleichzeitig ist es gut, dass damit die Schwere des Anfangs nicht auf einer einzigen Regieschulter liegt.

APA: Sie bauen auch Mitglieder des früheren Bürger*innentheaters mit ein.

Nickel-Dönicke: Ja, die sind jetzt Teil unseres Stadtensembles. In dem Stück nennen wir sie "die stille Mitte". Also die Leute, die nur hinter der Gardine aus dem Fenster schauen und sagen: "Ich kann ja eh nichts tun." Es gibt noch zwei Inszenierungen, bei denen sie dabei sein werden, etwa bei der "Geierwally".

APA: Bei unserem Interview zu Ihrer Präsentation haben Sie gesagt, Sie freuen sich so darauf, ein Ensemble zusammenzustellen. Wie sind Sie dabei vorgegangen? Es sind nur drei Spieler geblieben - dafür ist Ihnen eine Aufstockung des Ensembles gelungen.

Nickel-Dönicke: Ja, von neun auf elf, was in der nächsten Spielzeit eventuell noch auf 12 aufgestockt wird. Ich habe natürlich ein paar Leuten aus dem früheren Ensemble ein Angebot gemacht, aber manche wollten künftig freischaffend sein, andere mit Marie Rötzer mitgehen. Und so haben sich Caroline Baas, Bettina Kerl und Michael Scherff herausgeschält. Wirklich mitgenommen habe ich nur zwei, Emma Bahlmann und Felix Thewanger, die bei mir in Kassel angefangen haben. Einige kenne ich persönlich aus verschiedenen Zusammenhängen, und dann haben wir zwei große Vorsprechen gemacht und uns dabei an die 40 Leute angesehen. Verstärkung bekommen wir aber auch durch eine Kooperation mit dem Mozarteum in Salzburg. Dem junges Landestheater wollen wir künftig ebenfalls mehr Bedeutung geben, und mit der Kooperation mit dem Kinderkunstlabor erreichen wir bereits Zweijährige.

APA: Was haben Sie in der Zeit der konkreten Vorbereitung auf Ihre Intendanz über Sankt Pölten gelernt? Was hat Sie am meisten überrascht?

`Nickel-Dönicke: Dass ich manchmal auf Menschen in Sankt Pölten treffe, die ihre eigene Stadt schlechter machen, als sie ist. Ich finde, es ist eine total bezaubernde Stadt, die alles hat, was man braucht - von einer Eissporthalle, einem super Frauenfussball-Team bis zu tollen Parks. Ich kann quasi von dort, wo ich wohne, direkt in die Traisen zum Schwimmen springen. Gerade war mit dem Frequency eines der größten Musikfestivals das Landes hier, worüber sich auch meine 14-jährige Tochter sehr gefreut hat. Es ist alles hier - und man ist mit dem Zug auch wirklich schnell in Wien, wenn man abends was unternehmen will. Da bin in dann Abends wieder in meinem schönen, ruhigen, kuscheligen Bett. Warum soll ich mir da eine Großstadt antun? Wenn wir nach Wien gezogen wären und ich wäre immer gependelt, hätte ich wohl noch nicht so einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, wie jetzt schon nach der kurzen Zeit habe.

APA: Und Ihre Tochter hat auch noch nicht rebelliert?

Nickel-Dönicke: Sie hat gerade ihren ersten Schultag ja gehabt am BORG und ist absolut hellauf begeistert. Sie ist in einer Klasse mit 19 Kindern und hat gesagt: "Mama, ich habe eine Clique, da ist eine Thailänderin, einer aus Mazedonien, einer aus Syrien, einer aus Amerika und ich bin die Deutsche." Sie findet es großartig. Und irgendwie habe ich mich total gefreut, als sie das so beschrieben hat, so kosmopolitisch. Recht so!

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" von Bertolt Brecht, Regie: Simon Hastreiter, Julia Hölscher, Leo Kees, Wolfgang Menardi, Michael Pietsch, Ilario Beniamino Rascher, Leonie Rohlfing, Christina Tscharyiski, Lars-Ole Walburg, Anja Michaela Wohlfahrt, Bert Zander Bühne: Wolfgang Menardi Kostüme: Michael Sieberock Musik: Tobias Schwencke Video: Bert Zander. Mit: Emma Bahlmann, Caroline Baas, Lisa Freiberger, Bettina Kerl, Max Kurth, Mika Pavle Kuruc, Michael Scherff, Ines Schiller, Philippe Thelen, Felix Thewanger, Susi Wirth und Mitwirkenden des Stadtensembles. Premiere am Landestheater Niederösterreich am Samstag, 19. September, 19.30 Uhr. Nächste Aufführungen: 25.9., 10.10., www.landestheater.net)