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Venedig-Preisträgerin: „Frauen sind komplexe Menschen“

Die Regisseurin May el-Toukhy gewann den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig.

May el-Toukhy
© Imago / Alberto Terenghi/pool Photo Even
May el-Toukhy
Matthias Greuling

Am Ende brachte die männerdominierte Filmauswahl in Venedig doch noch den Goldenen Löwen für einen der beiden von Frauen inszenierten Filmen: „Woman Unknown“ der dänischen Regisseurin May el-Toukhy (49) überzeugte die Jury um Maggie Gyllenhaal vollends. May el-Toukhy erzählt von einem so genannten dänischen „German Girl“; einer Frau, die während der deutschen Besatzung 1940–1945 eine Beziehung mit einem deutschen Soldaten unterhielt. Nach Kriegsende wurden diese Frauen öffentlich gedemütigt, ausgegrenzt und oft für den Rest ihres Lebens stigmatisiert. „Ich habe viel dazu recherchiert, weil das Thema zwar in der Schule in Dänemark behandelt wird, aber eher am Rande“, so el-Toukhy im Gespräch. „Viele dieser Frauen haben die Scham nach dem Krieg verinnerlicht. Oft heißt es, man sei jung gewesen, habe es nicht besser gewusst. Die Überzeugung, etwas Falsches getan zu haben, hat sich tief in diese Frauen eingeschrieben.“

Die Mechanismen von Scham

Die aus Kopenhagen stammende Regisseurin und Drehbuchautorin hat bereits einige internationale Erfolge vorzuweisen: Ihr Spielfilm „Dronningen“ („Königin“, 2019), ein psychologisches Drama über eine Anwältin, deren Beziehung zu ihrem minderjährigen Stiefsohn Karriere und Familie zerstört, wurde 2020 als Dänemarks Beitrag für den Oscar in der Kategorie bester internationaler Spielfilm eingereicht. Für die Netflix-Serie „The Crown“ inszenierte sie einige Episoden. 

Mit „Woman Unknown“ untersucht sie nun Mechanismen von Scham und moralisch widersprüchlichen Frauenfiguren. „Widersprüchlichkeit steckt doch in uns allen“, sagt sie. Wir besitzen die Fähigkeit, anderen zu schaden, wenn wir etwas schützen wollen, das wir erreicht haben. Gleichzeitig besitzen wir die Fähigkeit, Gutes zu tun. Ich finde es authentischer, Menschen auf diese Weise darzustellen. Gerade bei weiblichen Figuren scheint das noch immer nicht selbstverständlich zu sein.“ Frauen ebenso komplex darzustellen wie Männer, würde helfen, die Ungleichheit der Geschlechter auf der Leinwand zu reduzieren, findet el-Toukhy. „Wenn man daran glaubt, dass Kino Perspektiven verändern kann, dann sollte man Frauen als komplexe Menschen zeigen. Niemand ist vollkommen. Auch Frauen nicht.“

Für die Regisseurin sind Filme wie „Woman Unknown“ wichtig, um menschliche Schicksale zu konservieren. „Es gibt so viele Geschichten über Frauen in historischen Zusammenhängen, die noch nicht erzählt wurden“, sagt sie. „Geschichten verschwinden, wenn wir sie nicht erzählen. Das Wissen darüber, was in Kriegen, nach Kriegen und selbst in Friedenszeiten mit Menschen geschehen kann, verblasst, wenn wir uns nicht immer wieder daran erinnern.“