Die Krankheit hat bei Céline Dion nicht das letzte Wort
In Paris gab Céline Dion am Samstagabend das erste Konzert nach langer Krankheitspause. Ein Triumph für die kanadische Sängerin.
Um 20.49 Uhr steht Céline Dion, in einer schwarzen Abendrobe, endlich auf der Bühne. Ihre Stimme zittert ein wenig, scheint noch etwas zu wackeln, doch sie singt sich schließlich souverän durch „On Ne Change Pas“ (“Man verändert sich nicht“). Um 20.54 Uhr kullern ihr die ersten Tränen übers Gesicht. „Ich hatte mir versprochen, nicht zu weinen“, sagt sie nach Ende des ruhigen Liedes, zu dem sie lediglich von ihrem Pianisten begleitet wird. „Doch ich habe mein Versprechen nicht halten können“. Das Publikum wirklich jeden Alters ist außer sich, heult mit, tobt, schreit entzückt immer wieder ihren Namen: „Céliiiine“.
Zuvor hatte sich bereits eine leichte Unruhe im Publikum (darunter Michelle Obama und Oprah Winfrey) breitgemacht. Auch ihre Söhne René-Charles (25) sowie die fast sechzehnjährigen Zwillinge Nelson und Eddy sind da. Fast 35.000 Menschen sind in der „Plenitude Arena“ zusammengekommen. Es ist der erste von 16 geplanten Auftritten im September und Oktober, zehn weitere sollen im Mai 2027 folgen. Was die Menschen nun knapp zweieinhalb Stunden lang zelebrieren, ist zwar keine leibhaftige Auferstehung, aber definitiv eine Art Wiedergeburt in jenem Habitat, das Céline Dion die Welt bedeutet, seit sie als Kind in der Piano-Bar ihrer Eltern sang.
Céline Dion will das Leben besingen
Kann man sich ausmalen, was es für Céline Dion bedeuten muss, jetzt wieder hier oben zu stehen? Sie sagt es uns, quasi als Einleitung zu „Because You Loved Me“. „Der Weg war steinig, die Reise länger als geplant, mit ungeplanten Zwischenstopps – doch ich habe durchgehalten. Ein schwacher Lichtstrahl tief in den Bergen. Ich habe daran geglaubt, und nun ist es so weit: Die Sonne strahlt direkt vor mir.“ Die nächsten Tränchen, natürlich: „Ich möchte für euch singen, für mich singen. Das Leben besingen. Denn ich bin alles, weil ihr mich liebt.“
Der Weg war steinig, die Reise länger als geplant, mit ungeplanten Zwischenstopps – doch ich habe durchgehalten.
— Céline Dion
Den Titanic-Titelsong „My Heart Will Go On“, ihren wohl größten internationalen Hit, hämmert Dion souverän nach Hause. Sie wird unterstützt von einer Band, einem kleinen Klassikensemble und später auch einem Gospelchor, speziell der Mittelteil ist bemerkenswert wenig balladesk, Dion haut nun gleich drei französische Rock’n’Roll-Nummern hintereinander raus. Sie weint auch nicht mehr, sondern sie lacht, sie strahlt, sie hält ihre Hand aufs Herz, sie hüpft gar ein bisschen und macht immer wieder mit beiden Armen diese Geste, bei der sie ihre Bizepse anspannt. Seht her, soll das heißen, hier bin ich. Und sie sagt: „Mir geht es gut. Ich habe gelernt, mit dieser Zerbrechlichkeit zu leben. Ich habe beschlossen, sie zu meiner Lebenskraft zu machen. Heute Abend singen, tanzen und feiern wir“.
Céline Dion hat es geschafft
Sie wechselt wieder das Outfit, ein schlichtes schwarzes. Nun kommt ein wunderbar intimer Teil. „Dansons“, ein neuer Song, dann „Ziggy“, „Courage“ und das monumentale „It’s All Coming Back To Me Now“. Längst hat niemand mehr Angst, Céline könnte die Stimme versagen, dann: Oper. Eine Arie aus „La Wally“, auf Italienisch. Dann Zugaben, als erste „All By Myself“. Als Dion diese eine Stelle gegen Ende meistert, an der sie mit ihrer Stimme die Erdachse ein wenig zu verschieben scheint, bläst sie kurz die Backen auf. Sieht aus wie bei einer Sportlerin, die im letzten Versuch noch die Siegesweite meistert.
Sie hat es geschafft. Und wieder, wie so oft an diesem Abend, der Dank ans Publikum. Vor dem Finale noch „S’il Suffisait d’Aimer“ (“Wenn es nur genügen würde, sich zu lieben“), ein bewegendes, stilles Plädoyer für mehr Miteinander. Danach Tränen des puren Glücks. Das hier ist ihr Leben. Sie hat es zurück.