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Paul Pizzera: „Ein gesunder Binnenrassismus ist nichts Schlechtes“

Paul Pizzera gießt neben Pizzera & Jaus ein zweites Pflänzchen: Aut Of Orda, gemeinsam mit Daniel Fellner. Das neue Album „Leichtdichtheit des Seins“ fusioniert locker Politik und Spaß.

Paul Pizzera und Daniel Fellner sind „Aut of Orda“
© Caio Kauffmann
Paul Pizzera und Daniel Fellner sind „Aut of Orda“
Samir H. Köck

Ursprünglich war das Konzept von Aut Of Orda, Dialektpop für die Tanzfläche zu machen. Auf dem zweiten Werk sind aber einige Stücke drauf, die sich eher zum Liegen eignen. Wie kommt's?

Paul Pizzera: Zur Wahrheit mit heißen Schrittfolgen zu tanzen, ist zuweilen etwas sperriger, aber der Kopf darf sich umso mehr dazu bewegen. Ausschließlich Dancehall zu machen, war eh nicht der Plan. Daniel Fellner: Unsere Spielwiese bleibt bunt. Auch wenn wir jetzt mit mehr System rangegangen sind, wollen wir bei unserer breitgefächerten Palette bleiben.

Was will uns der zart alkoholisierte Albumtitel „Die Leichtdichtheit des Seins“ sagen?

Pizzera: Dass es nicht darum geht, ein Leben ohne Schwere zu führen, aber darum, dass man mit dem Packerl, das jeder von uns auf den Schultern trägt, halbwegs beweglich bleibt. Ein gepflegter Kontrollverlust kann dabei durchaus zuträglich sein.

Führen die vielen Wortspiele nicht zur Verniedlichung von Problemen?

Pizzera: Eher nicht. Die Ambivalenz des Dialekts wurde ja schon von Karl Ferdinand Kratzl perfekt ausgereizt. Etwa mit dem Satz „Hässlich ist ein schönes Wort, aber „schirch“ ist treffender.“ Wer unsere Sachen kennt, weiß, dass uns Wortspiele sehr nahe sind.

Die sind auch das Faible der deutschen Kombo Deichkind. Sind sie Vorbild?

Pizzera: Nein. Für mich ist es die EAV. Wir sind gut befreundet mit Thomas Spitzer, der alle wichtigen EAV-Songs getextet hat. „Im Himmel ist die Hölle los“ war die erste CD, die ich als Kind hatte. Die hat stark abgefärbt.

Auffällig in der heimischen Popszene ist, dass viele, die Erfolg haben, sich dann in weiteren Projekten unter neuen Namen verzetteln. Fehlt dem österreichischen Popkünstler der Wille zum Erfolg?

Pizzera: Das glaube ich nicht. Musik fängt im besten Fall damit an, dass es dir wurscht ist, ob es erfolgreich ist oder nicht. Wenn es zum Erfolg geworden ist, dann darf es auch wieder zum „Ich-will-einfach-Mucke-machen“ werden. Gerade, wenn es sich einmal ausgegangen ist, scheint es mir natürlich, die Herausforderung zu suchen. Sich nicht gänzlich neu zu erfinden, aber doch so eitel zu sein, sich einzubilden, das neue Projekt wäre etwas ganz anderes: Darum geht es vielleicht. Fellner: Man ist ja als Mensch unter Umständen mehr als nur ein Projekt. Pizzera: Wenn ich eine Nummer gegen Demokratiefeindlichkeit mache, dann ist das wichtig, aber vielleicht nicht unbedingt der Top-Banger in den Charts. Das ist dann mehr ein Song fürs Portfolio. Man will ja auch Haltung zeigen.

Das tun Aut Of Orda sehr pointiert in „Nazis gegen Rechts“. Gab es Auslöser dafür?

Pizzera: Wir waren in Kenia bei Thomas Spitzer. Dort habe ich eine schirche Geschichte gehört, die war der Anlass. Egal, welcher politischen Couleur man ist, Demokratiefeindlichkeit, Xenophobie und Homophobie sollten ein No-Go sein.

Was ist die politische Botschaft von „Für Olle“, das nach Wahlkampfslogan klingt?

Pizzera: Dass wir alle, egal welcher Herkunft, die gleichen „Häusln“ sind, die mit denselben Sorgen, Mühen und Problemen kämpfen. Das Miteinander sollte im Zentrum stehen. Zusammen schaffen wir mehr.

Wie steht ihr zum Paradox, dass am Land so gerne auf Wien geschimpft wird, obwohl die Hauptstadt voller Menschen aus den Bundesländern ist?

Pizzera: Ganz allgemein finde ich, dass ein gesunder Binnenrassismus nichts Schlechtes ist. Das befeuert. Das Sich-gegenseitig-Necken ist eine gute Stimulanz. Jeder Wiener ist gerne mal an einem Bergsee, jeder Salzkammergut-Bewohner geht zuweilen zu einem Fusions-Asiaten. Das Leben soll doch bunt sein.

„Papa“ ist ein Lied aus der Perspektive eines Kindes, das Gewalt erlebt. Nur Fiktion?

Pizzera: Nein. Ich bin sehr froh, dass der Daniel ein gutes Verhältnis zu seinem Vater hat. Ich habe nicht einmal Kontakt zu meinem. Bei mir war es so, dass die Hoffnung auch ein „Orschloch“ sein kann. Weil ich mir immer dachte: Was kann ich tun, dass die Liebe endlich auch in die andere Richtung kommt. Irgendwann musste ich einen Schlussstrich ziehen. Dann hat sich das Lied ergeben. Wie auch bei Liedern gegen den Rechtsruck ist die Conclusio: Schade, dass man es sagen muss. Gut, dass wir es gesagt haben.

Trost und Rat? Aufwiegelung zur Revolte? Was soll eure Musik leisten?

Pizzera: Nicht allein zu sein mit seinen Gedanken. Das ist etwas, was viele gute Popsongs vermitteln können. Auch die Message, dass man trotz seiner Unzulänglichkeiten existieren darf, halte ich für sehr wichtig. Das ist vielleicht unsere Kernbotschaft.