„Widerwärtig und verachtenswert“: St. Paulis Ultras arbeiten „Awareness-Fälle“ auf
Ultrà Sankt Pauli (USP) hat mehrere Fälle sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt sowie Machtmissbrauchs innerhalb der eigenen Reihen öffentlich gemacht.

Die Nachricht trifft einen Fußballverein, der sich seit Jahren ein besonders progressives Selbstbild gibt: Innerhalb der einflussreichen Ultra-Gruppe Ultrà Sankt Pauli (USP) sind Fälle sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt sowie Machtmissbrauch – sogenannte „Awareness-Fälle“ – bekannt geworden. Die Gruppe hat die Vorfälle selbst öffentlich gemacht, Mitglieder ausgeschlossen und eine umfassende Aufarbeitung ihrer eigenen Strukturen angekündigt. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ berichtete. Nun hat sich auch der FC St. Pauli zu den Vorgängen geäußert.
Die Dimension der Affäre lässt sich derzeit nur begrenzt beurteilen. USP nennt weder konkrete Tatvorwürfe noch Namen und macht auch keine Angaben dazu, wie viele Personen oder Betroffene betroffen sind. Fest steht jedoch: Die Gruppe sieht sich mit einem ernsthaften Problem in den eigenen Reihen konfrontiert – und stellt zugleich die Strukturen infrage, die solche Vorgänge begünstigt oder ihre Aufklärung erschwert haben könnten.
Ultras machen die Fälle selbst öffentlich
Am 28. August veröffentlichte Ultrà Sankt Pauli eine ausführliche Stellungnahme. Darin berichtet die Gruppe, während der Sommerpause von mehreren Fällen erfahren zu haben. Die Vorfälle werden als „unterschiedlich gelagerte Fälle sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt sowie um Machtmissbrauch“ beschrieben.
USP verurteilt die Taten nach eigenen Angaben ohne Einschränkung. Die Gruppe bezeichnet sie als „widerwärtig“ und „verachtenswert“ und erklärt, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Mitglieder aus den eigenen Reihen zu Tätern geworden seien.
USP erklärt, man habe nach Bekanntwerden der Fälle weder wegsehen noch vertuschen wollen, sondern einen internen Aufarbeitungsprozess begonnen.
Lebenslange Ausschlüsse – doch Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen
Eine der unmittelbarsten Konsequenzen waren Ausschlüsse. Laut USP wurden diejenigen Personen, deren Fälle abschließend bearbeitet worden seien, mit einem lebenslangen Ausschluss aus der Gruppe und weiteren Konsequenzen belegt.
Nicht alle Fälle scheinen bereits abschließend bearbeitet worden zu sein. Welche weiteren Konsequenzen daraus entstehen und ob beziehungsweise in welchem Umfang staatliche Ermittlungen eine Rolle spielen, ist öffentlich derzeit nicht bekannt.
USP spricht von strukturellen Problemen
Als mögliche begünstigende Faktoren für die Vorfälle nennt USP unter anderem Leistungs- und Loyalitätsdenken, Machtunterschiede und ein „kritikwürdiges Männlichkeitsverständnis“. Diese Faktoren seien auch in einer progressiven und linken Ultra-Gruppe vorhanden.
Die interne Analyse habe zudem „strukturelle Defizite und blinde Flecken“ sichtbar gemacht. Dadurch seien Schaden entstanden und Vertrauen verletzt worden.
Auch der FC St. Pauli reagiert
Nach der Veröffentlichung durch USP sah sich auch der Verein mit der Frage konfrontiert, welche Rolle er bei der Aufarbeitung spielt.
Gegenüber der Morgenpost erklärte der FC St. Pauli, man begrüße die Aufarbeitung solcher Vorfälle und unterstütze entsprechende Prozesse durch verschiedene Angebote, sofern dies gewünscht sei. Zugleich verweist der Verein auf sein bestehendes Awareness-Konzept und auf Verfahren zum Umgang mit Vorfällen im Verantwortungsbereich des Vereins. Konkrete Einzelfälle wolle der FC St. Pauli allerdings nicht kommentieren. Als Grund nennt der Verein den Schutz der Betroffenen.
Das ist auch deshalb relevant, weil USP zwar eine bedeutende Kraft in der aktiven Fanszene ist, aber nicht mit dem Verein gleichzusetzen ist. Die interne Aufarbeitung der Ultra-Gruppe und die vereinsseitigen Schutz- und Interventionsstrukturen sind daher zwei unterschiedliche Ebenen.
St. Pauli hat bereits ein umfangreiches Awareness-System
Der FC St. Pauli beschäftigt sich nicht erst seit den aktuellen Vorfällen mit sexualisierter Gewalt, Diskriminierung und Grenzüberschreitungen.
Das vereinseigene „Paulin“-Awareness-Konzept ist seit der Saison 2023/24 aktiv. Es wurde gemeinsam mit dem Fanladen, Vertreterinnen und Vertretern des Arbeitskreises Awareness sowie Mitarbeitenden verschiedener Vereinsbereiche entwickelt. Bei Heimspielen sind geschulte Awareness-Teams im Stadion unterwegs. Betroffene können über das Codewort „Paulin“ Unterstützung anfordern.
Der Ansatz ist betroffenenorientiert. Die Teams sollen nicht nur bei sexualisierter Gewalt helfen, sondern auch bei anderen Formen von Diskriminierung, Belästigung oder unangenehmen Situationen. Für Betroffene stehen zudem Rückzugsräume zur Verfügung.
Wie sehr solche Strukturen gebraucht werden, zeigt eine Bilanz des Vereins: Im Nachhaltigkeitsbericht für die Saison 2023/24 wurden unter anderem Meldungen zu sexualisierter Gewalt und anderen Diskriminierungsformen dokumentiert. Auch in einem Interview aus dem Jahr 2025 berichtete die damalige Verantwortliche für die Awareness-Arbeit von zahlreichen Meldungen seit August 2024, darunter auch Fälle sexualisierter Gewalt.
Ein fanbasierter Arbeitskreis existiert bereits seit Jahren
Neben dem vereinsseitigen Paulin-Team gibt es den fanbasierten AK Awareness. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Sexismus, sexualisierter Gewalt, Diskriminierung und grenzüberschreitendem Verhalten im Umfeld des FC St. Pauli. Der Arbeitskreis beschreibt seine Aufgabe darin, Betroffene zu unterstützen, Strukturen kritisch zu hinterfragen und die Hemmschwelle zu senken, über Vorfälle zu sprechen. Dabei gilt ein Grundsatz, der für Awareness-Arbeit zentral ist: Die betroffene Person bestimmt ihre eigenen Grenzen; ein „Nein“ ist zu respektieren, Schweigen gilt nicht als Zustimmung.
Das progressive Selbstbild wird auf die Probe gestellt
Gerade beim FC St. Pauli hat die Debatte eine besondere Brisanz. Der Verein und große Teile seiner Fanszene stehen für Antifaschismus, Antirassismus, Gleichberechtigung und gesellschaftspolitisches Engagement.
ULTRÀ SANKT PAULI, 28. AUGUST 2026
Aufarbeitungsprozess Übergriffe durch USP-Mitglieder
Nachdem wir in den vergangenen Wochen bereits eine Vielzahl von Institutionen und Gruppen unserer Fanszene informiert haben, machen wir hiermit heute öffentlich, dass wir uns als Gruppe Ultrà Sankt Pauli aktuell in einem umfangreichen strukturellen Aufarbeitungsprozess befinden. Hintergrund ist die Tatsache, dass wir in der abgelaufenen Sommerpause erfahren haben, dass Mitglieder unserer Gruppe übergriffig geworden sind. Dabei geht es um unterschiedlich gelagerte Fälle sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt sowie um Machtmissbrauch.
Jede einzelne dieser Taten verurteilen wir auf das Schärfste. Sie sind widerwärtig, verachtenswert, machen uns fassungslos und unendlich wütend. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für ein solches Verhalten. Deshalb haben wir sämtliche Täter, deren Fälle abschließend bearbeitet wurden, mit einem lebenslangen Gruppenausschluss und weiteren Konsequenzen belegt.
Mit dem heutigen Statement übernehmen wir die Verantwortung dafür, dass Mitglieder unserer Gruppe diese Taten begangen haben. Denn obwohl wir diese Personen teils über viele Jahre hinweg gekannt und mit ihnen unzählige gemeinsame Stunden verbracht haben, konnten wir nicht verhindern, dass sie zu Tätern werden. Mit Verantwortungsübernahme meinen wir dabei nicht, dass wir alle Schuld tragen an den einzelnen Taten – diese Verantwortung liegt bei den Tätern. Wir haben weder weggeschaut noch vertuscht, sondern mit Bekanntwerden der Taten gehandelt. Verantwortung übernehmen wir aber für die lückenlose Aufarbeitung der Taten. Dazu stoßen wir eine Analyse der strukturellen Bedingungen an, um Möglichkeitsräume für die Zukunft möglichst zu schließen und eine bessere Prägung und Präventivarbeit zu gewährleisten. Unsere Aufgabe ist es, für ein hohes Sicherheitsgefühl in unserer Kurve und unserer Struktur zu sorgen und dieser Aufgabe widmen wir gerade unsere gesamte Aufmerksamkeit.
Uns ist bewusst, dass wir als Ultràgruppe in einem Umfeld agieren, das strukturell auf der einen Seite übergriffiges Verhalten begünstigt und auf der anderen Seite dessen Aufarbeitung sowie Aufklärung erschwert. Leistungsgedanke und Loyalität, aber auch Machtunterschiede und ein kritikwürdiges Männlichkeitsverständnis spielen in dieser Subkultur eine zentrale Rolle – auch in einer progressiven und linken Ultràgruppe wie unserer. Gerade deshalb muss es effektive und zielgerichtete Strukturen geben, um im Rahmen der Möglichkeiten einer subkulturellen Gruppe präventiv Fehlverhalten zu verhindern, aufzuklären und gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten für Täter zu minimieren.
Die intensive Analyse der Fälle hat gezeigt, dass wir hier strukturelle Defizite und blinde Flecken haben, wodurch Schaden verursacht und Vertrauen verletzt wurde.
Aus diesem Grund haben wir uns in der Sommerpause entschieden, die Geschehnisse in einem umfangreichen Prozess aufzuarbeiten. Dieser verfolgt folgende Ziele: all jene Strukturen zu identifizieren, die Taten begünstigt haben könnten sowie ihre Aufarbeitung erschwert haben, Maßnahmen abzuleiten, die die Räume für solche Taten so eng wie möglich machen sowie durch Prägung, Sensibilisierung und Präventivarbeit das Themenfeld Awareness in all seinen Facetten breiter in unseren Strukturen zu verankern.
Dabei haben wir immer die teils ernüchternde Gewissheit, dass große soziale Zusammenhänge, ganz gleich wie progressiv sie sein mögen, immer auch Ort von Fehlverhalten werden können. Zusätzlich richten wir im Zuge des Prozesses unsere Awareness-Arbeit neu aus, um Hemmschwellen für Betroffene zu minimieren, eine effektivere Ansprechbarkeit zu gewährleisten und weiter für unsere Strukturen zu sensibilisieren.
Diesem Prozess gilt seit vielen Wochen und bis auf weiteres unsere volle Aufmerksamkeit. Als führende Gruppe der Südkurve St. Pauli spüren wir die große Verantwortung, diesen Aufarbeitungsprozess intensiv und gewissenhaft anzugehen sowie aus Fehlern und Schwachstellen der Vergangenheit zu lernen.
Wir haben uns entschieden, viele Alltagsaktivitäten merklich herunterzufahren, um diesen Themen gerecht zu werden; aber auch, bei Pflichtspielen des FC St. Pauli weiterhin organisiert aufzutreten und unsere Mannschaft optisch und akustisch zu unterstützen. Diese Entscheidungen waren das Ergebnis ausführlicher und teils kontroverser Diskussionen. Wir haben sie getroffen, um der Verantwortung gerecht zu werden, die einflussreichste und größte Gruppe der aktiven Fanszene des FC St. Pauli zu sein. Ein Auftritt im Stadion bedeutet für uns auch eine Verantwortungsübernahme: Wir möchten uns nicht verstecken, sondern präsent, ansprechbar und weiterhin sichtbar für unsere Überzeugungen eintreten. Gleichzeitig wollen wir aber auch nach außen zugänglich für Nachfragen, Anregungen und Kritik sein.
Der Prozess, in dem wir uns befinden, ist äußerst kräftezehrend. Seit Bekanntwerden der Fälle sitzen wir nahezu jeden Tag der Woche in unterschiedlichen Zusammensetzungen beisammen, um den hohen Ansprüchen von uns selbst sowie unserem Umfeld und der Fanszene gerecht werden zu können. Der aktive Support im Stadion ist für die Leute in unserer Fanszene auch die Möglichkeit, verloren gegangene Energie aufzutanken und neue Kraft für den anhaltenden Prozess zu finden.
Wir sind uns im Klaren darüber, dass die heutige Veröffentlichung sowohl von gegnerischen Fanszenen als auch medial aufgegriffen werden wird. Sicherlich bringt das neue Herausforderungen mit sich und wird weitere Ressourcen binden – und sicherlich werden weitere würdelose Tapeten kommen, die nichts weniger sind als ein Schlag ins Gesicht aller Betroffenen von Übergriffen.
Wir veröffentlichen diesen Text nicht, weil wir der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig sind, sondern weil wir uns vor der Übernahme von Verantwortung nicht verstecken wollen.
Auch hoffen wir, mit diesem Statement nicht nur Verantwortung zu übernehmen und Transparenz zu schaffen, sondern zusätzlich Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, das viel zu oft tabuisiert und verschwiegen wird: Sexualisierte Gewalt und grenzüberschreitendes Verhalten machen keinen Halt vor den Stadiontoren und den aktiven Fanszenen dieses Landes. Sie finden auch und gerade hier flächendeckend statt.
Für uns ist dieser Umstand jedoch keine Ausrede dafür, nicht zu handeln. Im Gegenteil nimmt er uns in die Pflicht, uns der Arbeit an diesen Themen weiterhin zu stellen.