Kein Sieg gegen Zverev, doch Shelton kennt keine Angst
Alexander Zverev und Ben Shelton bestreiten heute (20 Uhr, Sky live) das Endspiel bei den US Open. Die Statistiken sprechen für den Deutschen, doch was heißt das schon.

Geduld wird heute gefragt sein – bei Ben Shelton und den Fans. Denn Alexander Zverev hat sich eine neue Marotte angewöhnt: Er päppelt den Ball vor dem Aufschlag plötzlich bis zu 20 Mal auf. Das kennt man eigentlich nur von Novak Djokovic und es kann nerven. Vor allem den Gegner, der eigentlich längst für den Return bereit ist, sich aber stets aufs Neue fokussieren muss, ehe endlich das Service des Deutschen über die Netzkante donnert. Aber so lange sich der heurige French-Open-Sieger und Wimbledon-Finalist an die Shot Clock hält (die gewährt dem Aufschläger nach Beendigung des vorangegangenen Ballwechsels 25 Sekunden Zeit bis zum nächsten Service), darf er in dieser Zeit den Ball so oft aufpäppeln, wie ihm beliebt.
Schlimmer wird es allerdings beim zweiten Aufschlag, denn dafür findet sich im Regelwerk keinerlei zeitliches Limit. „Ich habe keine Ahnung, warum“, antwortete Zverev auf Nachfrage eines Journalisten nach den Gründen und versicherte: „Ich mache das nicht mit Absicht.“ Ob er dabei mitzähle?„Nein. Ich peile auch keine bestimmte Zahl oder so etwas an. Ich weiß nicht, warum es so stark zugenommen hat.“ Laut einer Statistik ist Zverev, der auch nicht den Auslöser für den Moment, wenn er endlich den Ball zum Aufschlag aufwerfe, bennen kann, mit durchschnittlich 19 Mal auftippen führend auf der Tour. Aber Herausforderer Shelton ist vorgewarnt – und ist es doch auch so, dass quasi jeder Spieler einen speziellen Tick hat. Unvergessen bleibt diesbezüglich Rafael Nadal mit seinem Gezupfe an T-Shirt, Hose, Haaren und Nase.
Doch das heutige Endspiel der US Open (20 Uhr, Sky live) hat freilich weit mehr zu bieten, als Zverevs neue Päppel-Verliebtheit. Etwa die Tatsache, dass Shelton der erste dunkelhäutige Profi im Männerfinale von Flushing Meadows seit Arthur Ashe 1972 ist. Und dass der 23-Jährige aus Atlanta im Arthurs-Ashe-Stadion um seinen ersten sowie den ersten Grand-Slam-Titel für die USA seit 23 Jahren kämpft. Der in New York topgesetzte Zverev konnte diese Bürde heuer bei den French Open ablegen. Hatte man geglaubt, der Hamburger würde seine Karriere lang vergeblich einer Major-Trophäe nachlaufen, so bietet sich ihm heute die Chance auf den zweiten Titel innerhalb von nur dreieinhalb Monaten. „Manchmal laufen die Dinge in deine Richtung. Ich war so oft so nah dran. Vielleicht hat Gott gesagt, dieses Jahr wird dein Jahr, hab einfach Spaß auf dem Platz“, sinniert der 25-fache Turniersieger.
Momentaufnahmen, aber nichts für die Ewigkeit
Ja, es kann sehr schnell im Tennis gehen. Wie bereits bei den French Open (Jannik Sinner und Novak Djokovic scheiterten früh, Carlos Alcaraz fehlte verletzt) profitierte der Olympiasieger auch bei den US Open von Problemen bei seinen schärfsten Konkurrenten: Djokovic scheiterte früh, Alcaraz ging im Viertelfinale die Luft aus und Sinner fehlte verletzt. Zverev kann es nur recht sein – zum dritten Mal steht er in einem Grand-Slam-Endspiel, ohne auf dem Weg dorthin einen Spieler aus den Top 20 bezwungen zu haben. Glück für ihn – und Hand aufs Herz: Kann er den Titel sowie den 5,5-Millionen-Dollar-Siegerscheck holen, kräht spätestens in fünf Jahren kein Hahn mehr nach dieser Statistik. Ebenso wie nach der Tatsache, dass das heutige Finale zu einer Art Familienduell wird: Auf der einen Seite Zverev mit seinem Vater und Trainer Alexander, auf der anderen Seite Shelton mit seinem Dad und Coach Bryan. Eine nette Randnotiz, mehr aber auch nicht.

Viel gewichtiger ist da schon die Tatsache, dass Zverev, der sich im Halbfinale gegen den Russen Karen Chatschanow mit 6:3, 7:6, 7:6 durchgesetzt hat, heuer die meisten Erfolge aller Spieler verbuchen konnte. In 63 Matches verließ der Weltranglistenzweite 51 Mal als Sieger den Platz. Shelton, der im zweiten Semifinale gegen Landsmann Frances Tiafoe mit 4:6, 6:3, 6:3, 7:5 die Oberhand behielt, nimmt in dieser Statistik mit 38 Siegen in 51 Matches Rang fünf ein. Auch das „Head to head“ spricht klar für Zverev, der als erster Deutscher seit Boris Becker 1989 in Flushing Meadows triumphieren könnte. 5:0 hat der 29-Jährige die Nase vorne, das letzte Kräftemessen gewann er 2025 bei den ATP Finals in Turin. Eine Statistik, auf die der US-Amerikaner nichts gibt: „Ich weiß, dass ich gegen Sascha noch keinen Sieg verbuchen konnte. Aber das war gegen Carlos Alcaraz auch so. Ich habe vor niemandem Angst.“ Eine klare Kampfansage, der Zverev entgegnet: „Ich hoffe, ich kann am Sonntag die Erfüllung des amerikanischen Traums verhindern.“