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Das kann sich Graz von anderen Städten abschauen

Reisen bildet – und erzeugt manchmal auch ein wenig Neid: Was Redakteurinnen und Redakteure der Kleinen Zeitung bei ihren Sommerreisen erlebt haben. Und sich auch für Graz wünschen.

© Privat (3)

Stockholm: Alter Schwede! Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus in der knapp eine Million Einwohner umfassenden Hauptstadt. Auf den kollektiven Vorrang für die Radler und die unfassbar gemütlichen Cafés mit Blumendeko sowie Kuchenbuffet zum Selbstbedienen war man ja halbwegs gefasst. Dass aber jener Öffi-Lenker, der beim Schichtwechsel den Dienst antritt, direkt am Steuer zunächst einen Alkotest macht und ins Röhrchen bläst, überrascht dann doch. Ebenso wie die kostenlosen „Badestege“: Mitten in die teils rauen Fluten, aber gleich neben dem Ufer, setzen die Stockholmer lässige Stege und Wände aus Holz, die so ein sicheres Baden und auch Sonnenliegen auf den Holzbrettern ermöglichen. „Gratis“, wie man auch auf Schwedisch sagt. Michael Saria

Wer glaubt, in Stockholm sei Baden stets eine teure Angelegenheit, ist auf dem Holzweg
© Saria
Wer glaubt, in Stockholm sei Baden stets eine teure Angelegenheit, ist auf dem Holzweg

Livorno: Die toskanische Hafenstadt gilt als Wiege des Kommunismus in Italien, Graz ist die einzige kommunistisch regierte Stadt im deutschsprachigen Raum. Darum geht‘s hier aber eigentlich nicht, sondern vielmehr um den Umgang beider Städte mit Streetart, also junger, niederschwelliger Kunst im öffentlichen Raum. Auch in Graz entstehen immer mehr spektakuläre Wandbilder, wie zuletzt in der Eggenberger Straße oder kommende Woche beim „117Waende“-Festival am Hornig-Areal. Aber: Warum eigentlich so abgelegen und versteckt und nicht so prominent und mutig wie in Livorno? Dort werden bunte Bilder, wie ein mehrere Stockwerke hohes des bekannten Livorneser Komponisten Pietro Mascagni, zur echten Attraktion mitten in der Innenstadt – und sie werden ganz offiziell auf der Tourismusseite beworben. Nina Müller

Pietro Mascagni (1863–1945) war ein bekannter Komponist aus Livorno, der spanische Straßenkünstler El Rey schuf ihm ein lebendiges, buntes Denkmal – mitten im Stadtzentrum
© KLZ / Nina Müller
Pietro Mascagni (1863–1945) war ein bekannter Komponist aus Livorno, der spanische Straßenkünstler El Rey schuf ihm ein lebendiges, buntes Denkmal – mitten im Stadtzentrum

Nationalpark Hohe Tauern. Hoch hinaus kommt man hier – bequemerweise mit der Seilbahn, die uns direkt beim Berghotel Rudolfshütte ausspuckt. Aber keine Angst: Selbst wenn die Basis auf 2315 Metern liegt, kann man noch ordentlich Höhenmeter machen. Einige 3000er stehen hier im Nationalpark dekorativ in der Gegend; ein Paradies für alle, denen Höhenangst fremd ist. Aber unser Thema ist jetzt ein anderes: die Anreise. Da können sich Graz und die ganze Steiermark einiges abschauen. Jeder, der in Salzburg eine Unterkunft bucht, kann ein „Guest Mobility Ticket“ im Vorfeld anfordern – und damit alle Öffis im Salzburger Land nutzen, inklusive An- und Abreisetag. Finanziert wird das über die Nächtigungsabgabe, die das Land um eine Mobilitätsabgabe erweitert hat (50 Cent pro Nacht). Die Vorteile: Als Touristen hatten wir sagenhafte 4,40 Euro als Reisekosten (mit Klimaticket Steiermark, exklusive Seilbahn), die Salzburger haben wir nicht mit einem zusätzlichen Pkw belästigt. Gerald Winter-Pölsler

Nationalpark Hohe Tauern – günstig zu erreichen dank „Guest Mobility Ticket“
© Gerald Winter-Pölsler
Nationalpark Hohe Tauern – günstig zu erreichen dank „Guest Mobility Ticket“

Wien: Kein Transportmittel ist so geeignet, um eine Stadt zu erkunden, wie das Fahrrad. Der Weg wird zum Ziel. Unterwegs entdeckt man die Kleinigkeiten, die einem mit Bus, Bim oder Auto verborgen bleiben. Wer eine Stadt bereist, hat aber selten ein Radl dabei. Deshalb und weil‘s mit dem Rad einfach mehr Spaß macht, betreiben die Wiener Linien nicht nur Öffis, sondern auch 262 Bikesharing-Stationen, die sich über die Stadt verteilen. Sie befinden sich an Öffi-Stationen und anderen Hotspots. Dort borgt man Räder und E-Bikes zu günstigen Konditionen und gibt sie an jeder beliebigen Station wieder zurück. Das Angebot nutzen auch Wienerinnen und Wiener, die sich nicht um ein eigenes Rad kümmern wollen. Für sie gibt‘s ein Abo. Ein Angebot, das in Graz fehlt. Michael Suntinger

Eine der Stationen befindet sich an der Staatsoper im ersten Bezirk, einem Hotspot für Touristen
© Stefan Pajman
Eine der Stationen befindet sich an der Staatsoper im ersten Bezirk, einem Hotspot für Touristen

Bristol. Brüssel? Nein, Bristol! Dieses Missverständnis musste einige Male aufgeklärt werden, als wir im Sommer die Stadt im Südwesten Englands besuchten. Mit dem Nachsatz – „Das ist die Geburtsstadt von Banksy“ – konnten dann schon Pluspunkte und „Ah, cool!“-Bewertungen gesammelt werden. Nur um gleich wieder einschränken zu müssen: Nein, liegt nicht am Meer. Das merkt man in der 480.000-Einwohner-Stadt aber gar nicht, denn das ganze Stadtzentrum zentriert sich um die Waterfront am Hafen. Die ehemaligen Docks wurden zu Kulturzentren umgestaltet. Es gibt nicht nur Bars und Cafés, sondern auch imposante Museen mit direktem Zugang zum Wasser. Besonderes Highlight: Ein ehemaliges deutsches Frachtschiff wurde in den Club Thekla umgewandelt, hier gibt’s Konzerte auf dem Fluss Avon. Und während man beständig am Wasser flaniert, fragt man sich nur: Warum schafft es Graz nicht, mehr aus seinem Fluss zu machen? Sonja Krause

Paris. Wer sich die Stadt an der Seine in den vergangenen Jahren angesehen hat, merkt eine spürbare Veränderung: mehr Grünraum, weniger Autos. Und ja – das war dort wie auch in Graz ein Streitthema. Doch politisch ging man in der französischen Hauptstadt einen mutigen Weg: Das führte sogar dazu, dass die Durchfahrt durch das Zentrum verboten ist – Arztbesuche, Lieferantenfahrten, Anwohner gelangen selbstverständlich weiterhin an ihr Ziel. Und an ihre Parkplätze. Straßen wurden im selben Atemzug zu Fahrrad-Highways, Bäume wurden gepflanzt. Mitunter führt das zu seltsamen Anblicken – etwa wenn sechsspurige Boulevards komplett autofrei sind, und Fußgänger zu jeder Zeit queren können. Paris ist mit seinem Umbau aber noch lange nicht am Ende: In den kommenden Jahren sollen rund 10.000 Autostellplätze zugunsten von sogenannten „Gartenstraßen“ wegfallen. Und das nicht, weil die Politik das diktiert. Während die Debatte in Graz (leider) emotionale und irrationale Ausmaße angenommen hat, entschieden in Paris 2025 die Bürgerinnen und Bürger für mehr Grün: Die Bevölkerung hatte sich in einer Befragung zu 66 Prozent für das Vorhaben ausgesprochen. Michael Kloiber

Bild zeigt die Opéra Garnier in Paris, davor Radfahrer und Fußgänger auf einer breiten Straße.
© Michael Kloiber
Viel Platz für Fußgänger und Radfahrer – der Autoverkehr geht in Paris spürbar zurück, hier etwa bei der Opéra Garnier, die Teil der Opéra National de Paris ist