Philipp Blom: „Die Apokalpyse hat keinen Sinn“
Ab 18. September diskutieren die Dachstein Dialoge die Frage „Worauf kann ich vertrauen?“ Ein Gespräch mit dem künstlerischen Leiter der Dialoge Philipp Blom über die Notwendigkeit des Vertrauens.

Herr Blom, die Dachstein Dialoge gibt es seit 2023, Sie sind der künstlerische Leiter. Wie darf man sich das Festival vorstellen?
Philipp Blom: Ursprünglich haben wir die Dialoge als ein Toleranz-Festival gegründet. Aber die Frage hat sich schnell erschöpft. Jetzt nehmen wir Leitthemen. Aber das Festival hat eine offene Form, wir widmen uns verschiedensten Aspekten des Themas, und auch die Formate gehen vom Vortrag und Diskussionen bis zu Filmen und Konzerten. Wichtig ist der persönliche Kontakt im kleinen Rahmen. Es ist immer Zeit, Dinge nachzubesprechen. Wir wollen die Leute auch weg vom Schirm haben und reale Begegnungen schaffen.
2026 stellen die Dialoge die Frage: „Worauf kann ich vertrauen?“ Der österreichische Essayist Jean Améry hat mehrere Konzentrationslager überlebt. Als er die Torturen dieser Zeit danach darstellte, hat er nicht die Schmerzen oder die Brutalität als schlimmste Erfahrung beschrieben, sondern den Verlust des „Weltvertrauens“. Können Sie mit dieser Feststellung etwas anfangen?
Ja, sicher. Wir gehen alle über die Straße in dem Vertrauen, dass uns niemand ein Messer in den Rücken stecken wird. In dem Vertrauen, dass niemand aus dem Auto springen wird, wie das jetzt in den Vereinigten Staaten passiert, um einen festzunehmen und verschwinden zu lassen. Man braucht ein gewisses Vertrauen, um überhaupt leben zu können. Und wenn einem das genommen worden ist, weil man am eigenen Körper erfahren hat, dass einem buchstäblich jederzeit alles passieren kann, dass man anderen Menschen nicht mehr vertrauen kann, dass sie im Grunde gutwillig und nicht aggressiv und sadistisch sind. Wenn man dieses Grundvertrauen verliert, dann ist alles verloren.
Alles, unsere Beziehungen, unsere Freundschaften, sogar so große soziale Konstruktionen wie der Generationenvertrag basiert auf Vertrauen. Ist das Prinzip Vertrauen wichtiger als „Glaube, Liebe, Hoffnung“?
Die haben sehr viel miteinander zu tun. Was ist Glaube anderes als das Vertrauen, dass das, woran man glaubt, besteht? Dass man sich darauf verlassen kann? Und was ist Liebe anderes als das Vertrauen in andere? Was ist Hoffnung anderes als das Vertrauen in die Möglichkeit einer guten Zukunft?
Was wir von der Welt wissen, wissen wir zu einem großen Teil deshalb, weil es von Leuten, denen wir vertrauen, gesagt wird.
Wir haben für die Dialoge kleine Postkarten produziert, da stehen Fragen drauf wie „Woher weiß ich, dass es die Antarktis gibt?“ Natürlich ist das auch eine Vertrauensfrage. Ich weiß, dass es die Antarktis gibt, weil ich auf Landkarten geschaut habe, von denen ich meine, sie sind von vertrauenswürdigen Institutionen hergestellt worden. Ich habe Wissenschaftlern zugehört, die dort waren, und ich glaube, dass sie mich nicht belügen. Andersherum, wenn ich jetzt sagen würde, ich will selbst in die Antarktis aufbrechen, selbst dann müsste ich darauf vertrauen, dass sich nicht Leute gegen mich verschwören und an einen Ort führen, und behaupten: Das ist die Antarktis. Ich muss auf etwas vertrauen, das außerhalb meiner direkten sinnlichen Wahrnehmung liegt. Und in dem, was in meiner direkten sinnlichen Wahrnehmung liegt, muss ich darauf vertrauen können, dass meine Sinne mich nicht betrügen.
Die Politik durchlebt eine Vertrauenskrise. Aber eigentlich nur ein Teil der Politik. Egal, welchen Unsinn Donald Trump oder Nigel Farage verzapfen oder welche Versprechen sie nicht einhalten: Ihre Stammwähler scheinen ihnen blind zu vertrauen.
Das ist mit allen Populisten so und schon immer so gewesen, aber es liegt auch daran, dass die Zerstörung des Vertrauens schon vorher stattgefunden hat. Sie vertrauen der normalen Politik nicht mehr, sie vertrauen dem demokratischen System nicht mehr, sie vertrauen der Gesellschaft nicht mehr, sie vertrauen nicht mehr darauf, in dieser Gesellschaft einen fairen Deal zu kriegen. Und deswegen suchen sie letztendlich eine Abrissbirne. Und dass so jemand lügt, dass so jemand sich selbst bereichert, dass so jemand seine Versprechen nicht hält, ist im Prinzip nicht so wichtig. Wichtig ist, dass er als Abrissbirne fungiert.
Wobei die Menschen davon nicht profitieren.
Das hört man oft in liberalen Kreisen, dass Menschen Populisten gegen ihre eigenen Interessen wählen. Ich finde, das ist ein sehr arrogantes Argument. Weil da muss ich mir nicht die Mühe machen zu fragen, was die Interessen dieser Leute sind. Wo liegt ihr Interesse, für das sie bereit sind, mehr Steuern zu zahlen und selbst wirtschaftlich weniger gutgestellt zu sein? Ich finde, Demokratie ist ein Spiel. Und ein Spiel funktioniert nur so lange, solange sich ausreichend viele Teilnehmer ausreichend oft an die Regeln halten. Und da muss man einander auch vertrauen. Wenn Menschen glauben, sie können diesem System nicht mehr vertrauen, weil das Spiel nicht mehr fair ist, weil das, was sie reinstecken, nicht mehr symmetrisch ist zu dem, was sie rausbekommen, weil sie sich kaputt strampeln können und trotzdem nicht weiterkommen. Und wenn dieses System das schöne, liberale, demokratische System ist, finde ich es verständlich, dass man es ablehnt.
Aber wie finden Menschen, die sich abgehängt und ausgegrenzt fühlen, wieder Anschluss?
Sie fragen: Wie? Man müsste sich vielleicht ehrlicher fragen: Ob? Es gibt Entwicklungen, die sozusagen jenseits der Politik sind und nicht reversibel sind, zumindest nicht innerhalb von einer Generation. Da wäre die demografische Katastrophe, wir bekommen einfach zu wenige Kinder. In Osteuropa ist die Situation noch schlimmer, weil so viele junge Leute auswandern. Die Deindustrialisierung Europas im Zuge der Globalisierung führt dazu, dass Menschen, die früher als Arbeiterklasse eine Identität hatten und deren Interessen auch repräsentiert wurden das verloren haben. Und die Parteien sind auch weitergezogen und haben sich eine andere Klientel gesucht. Das heißt, dass die sich alleingelassen fühlen, ist ja auch gar nicht falsch. Ich glaube, Steuergerechtigkeit wäre eine gute Stellschraube. Wenn die Reichsten immer reicher werden, und zwar sprunghaft, dann ist das schwer, mit der Idee einer Demokratie zu verbinden. Wenn Sie an der Spitze Leute haben, die unvergleichlich viel mehr Macht- und Einflussmittel haben als die meisten in dieser Demokratie, dann ist das Prinzip „ein Mensch, eine Stimme“ einfach zerstört. Das heißt, ich glaube, da ist Umverteilung auch wichtig.
Wie bewahrt man sich das Vertrauen, und wird nicht zum Apokalyptiker?
Die Apokalypse hat keinen Sinn. Wir müssen versuchen, Vertrauen zu haben, dass alles gut geht. Wir können das nicht wissen, aber das heißt nicht, dass wir nicht so handeln müssten: Uns bleibt ja nichts anderes übrig. Der Soziologe Edgar Morin hat gesagt: „Ich bin weder Optimist noch Pessimist, sondern entschlossen.“
Ich arbeite im Medienbereich, auch hier gibt es ja den Vertrauensverlust in die „Lügenpresse“. Erstaunlich ist, dass Menschen KI-Bilder vertrauen oder völlig erfundenen Dingen, während Fakten oder auf Recherche basierenden Geschichten nicht geglaubt werden. Genau das Gegenteil dessen, was man sich von Vernunftwesen erwarten würde.
Es ist, glaube ich, ein Missverständnis, dass wir Vernunftwesen sind. Wir sind Wesen, die nach einem höheren Sinn suchen, auch wenn es diesen vielleicht nicht gibt. Vertrauen zu haben ist natürlich auch irrational. Der Rationalismus verlangt von uns, Dinge zu akzeptieren, die uns widerstreben. Etwa in Sachen Moral, für die jeder von uns als Individuum verantwortlich ist. Ich glaube, es ist einfach, rational zu denken, wenn die Dinge gut laufen. Wenn die Dinge schlecht laufen, bekommen etwa auch Verschwörungserzählungen Zulauf: Endlich hat man einen Schuldigen gefunden.
Zur Person
Philipp Blom wurde 1970 in Hamburg geboren und lebt in Wien.
Der Historiker und Autor hat zahlreiche Bücher verfasst, u. a. „Böse Philosophen“ (2011), „Die Welt aus den Angeln“ (2017), „Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung“ (2023).
Zum Festival
Dachstein Dialoge „Worauf kann ich vertrauen?“. Vom 18. bis 24. September in Filzmoos und Ramsau.
Zu Gast: Lisz Hirn, Christoph Ransmayr, Simply Quartet, Marlene Engelhorn, Gerald Knaus, Florian Scheuba. Christophe Coin, Reinhard Steurer, Wolfram Berger, Wolfgang Petritsch, Maria Hofstätter, Runge & Ammon, Leonie Haiden u. v. a.