Käthe Kratz: "Es ist eine Frage der Würde"
Im kommenden Jänner feiert Käthe Kratz ihren 80. Geburtstag. Zuvor hat Österreichs Filmpionierin mit "Schwindelfrei" ein neues Buch veröffentlicht. Darin blickt sie auf ihre Kindheit, die Nachkriegszeit, die 1968er und die Frauenbewegung zurück. Ein APA-Gespräch über diese abenteuerliche Spurensuche, ihren Ausbruch aus dem Kleinfamiliensumpf und Geschichtsbewusstsein als eine Frage der Würde.

APA: In Ihrem Buch "Schwindelfrei" bezeichnen Sie das Schreiben wie folgt: "Es ist ein Nachhausekommen. Und gleichzeitig eine Abenteuerreise, eine Forschungsreise." Was war Ihre Motivation, Ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben?
Käthe Kratz: Es war eine Erinnerungsreise. Alle Menschen vergessen mit den Jahren vieles. Bei mir war das extrem, auch bedrohlich. Irgendwann habe ich gemerkt: Mir fehlt meine Geschichte, die persönliche, aber auch die gesellschaftliche. Also habe ich mich auf die Spurensuche begeben. Es war abenteuerlich, ich habe nicht gewusst, wohin es mich führt.
APA: Wohin hat es Sie geführt?
Kratz: Die Reise in die Vergangenheit brachte Aufwühlendes und Klärendes mit sich, auch viel Verstehen, Einordnen-Können. Nach dem Ende meines Filmschaffens hatte ich ein heftiges Burn-out und konnte weder den Computer einschalten noch schreiben. Der Anfang von dieser Geschichte war das Erste, das ich wieder konnte. Zu Beginn habe ich alles, was mir in den Kopf gekommen ist, niedergeschrieben. Das ist nun mehr als 20 Jahre her.
APA: Dieses Buch markierte also so etwas wie einen Neuanfang?
Kratz: Ja! Das Projekt ist auch aus der Wahrnehmung heraus geboren, dass sich in meinem intensiven Leben mit sehr viel Arbeit etwas in mir aufgestaut hat. So habe ich begonnen, dieses Durcheinander zu durchforsten und zu ordnen. Das führte zu weiteren Fragen, zur Recherche zu den gesellschaftspolitischen Bedingungen. Das Ergebnis ist sehr persönlich und sehr politisch geworden.
APA: Ist das Persönliche für Sie immer politisch gewesen?
Kratz: Ab dem Zeitpunkt der Frauenbewegung - ja! Es reicht aber nicht, das nur zu behaupten. Es war mir wichtig, meine Erfahrungen in Bezug zu setzen zur kollektiven Wahrnehmung, auch zum kollektiven Verdrängen und Vergessen. Das gibt dieser Geschichte ihre Relevanz.
APA: Als Filmemacherin waren Sie ganz oft die Erste: erste Regiestudentin an der Filmakademie, erste Regisseurin eines Fernsehspielfilms usw. Wie haben Sie das Pionierinsein erlebt?
Kratz: Als junge Frau wollte ich nur raus aus dem trostlosen Kleinfamiliensumpf, ein interessanteres, offeneres Leben haben. Zur Aufnahmeprüfung an die Filmakademie kam ich höchst unbedarft und wurde erstaunlicherweise aufgenommen. Die Sekretärin ging davon aus, dass ich - meinem Status als Frau entsprechend - Schnitt studieren möchte, und ich sagte: "Ja." Mich interessierte aber Kamera, später Regie und Drehbuch. Mit meinen zehn männlichen Kollegen habe ich mich sehr gut verstanden, mit den Professoren war es unterschiedlich. Im Ganzen ist das Studium gut gelaufen. Im Gegensatz zum Versuch, das Gelernte in einem Beruf umzusetzen und Spielfilme zu drehen. Da wurde es als Frau wirklich schwierig. In dieser Phase war die Frauenbewegung besonders wichtig für mich, ohne sie hätte ich niemals das Selbstbewusstsein gehabt zu sagen: Geschichten mit Frauen im Zentrum sind es wert, erzählt zu werden. Es war ein schwerer Kampf, das durchzusetzen.
APA: Die fünfteilige TV-Reihe "Lebenslinien" gilt als Ihr Opus magnum: Sie erzählen darin von vier Frauen aus vier Generationen von der Monarchie bis zur Nachkriegszeit - eingebettet in den historischen Kontext.
Kratz: Ja. Als Frau Filme zu machen, in denen Akteurinnen im Mittelpunkt stehen, wurde als ungeheure Provokation empfunden.
APA: Warum haben Sie sich für die historische Perspektive entschieden?
Kratz: Die zweite Frauenbewegung, die der 1970er- und 1980er-Jahre, hat auf vielen Ebenen Neuland betreten. Ein wichtiges Thema war, historische Ereignisse nach ihrer Relevanz für Frauen zu hinterfragen. Welche Möglichkeiten gab es für sie, sich aufzulehnen? Was war der Preis dafür? Bis zu diesem Zeitpunkt fehlte in den Kriegs- und Herrschaftsgeschichten, wie wir sie kennen, die Perspektive von Frauen. Ich erinnere mich an die Recherche zum Film "Marianne - Ein Recht für Alle". Es hat mich interessiert, ob es in der kurzen revolutionären Phase nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur Arbeiterräte, sondern auch Arbeiterrätinnen gab. Ich habe entdeckt, es gab sie! Anhand einer winzigen Zeitungsnotiz. Es waren nicht viele, aber es gab sie.
APA: Sie haben einmal gesagt: "Die eigene Geschichtlichkeit ist eine Frage der Würde." Gilt das auch für Ihr Buchprojekt?
Kratz: Absolut. Es ist eine Frage der Würde, aber auch eine Frage der Sicherheit, die aus dem Wissen entsteht: Wo komme ich her? Ich erlebe es immer wieder in Gesprächen mit jüngeren Frauen, dass sie vieles, das sehr hilfreich wäre, nicht wissen. Es fehlen Frauen noch immer große Teile ihrer Historie, ihrer historischen Bedeutung, von ihren Kämpfen, Siegen und Niederlagen. Kurz: was ihre Geschichte ausmacht. Das führt dazu, dass das Rad scheinbar immer wieder erfunden werden muss. Wir könnten schon viel weiter sein.
APA: Wofür kämpfen Sie heute noch?
Kratz: Es klingt banal, aber es ist existenziell: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Und all das, was unter den Begriff Care-Arbeit fällt, also Betreuung der Kinder, Haushalt, Organisation des Lebens und des Kümmerns. Und natürlich die Frage von Schwangerschaftsabbrüchen, die permanent weiterköchelt.
APA: Hypothetisch gefragt: Würden Sie heute eine "Lebenslinien"-Folge drehen, welche Frauenfigur würden Sie ins Zentrum Ihrer Geschichte rücken?
Kratz: Was mich sehr beschäftigt, ist die Flüchtlingsfrage. Ich habe einen Dokumentarfilm (Anm. "Vielleicht habe ich Glück gehabt") über junge, unbegleitete Flüchtlinge gemacht. Ihre Geschichten, speziell die der jungen Mädchen, erzählen von schrecklichen Erfahrungen - und von ungeheurem Lebenswillen und Mut. Das ist ein existenzielles Thema mit weiten Dimensionen.
(Das Gespräch führte Julia Schafferhofer/APA)