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Ennstalerin wird 100: „Die letzten 10 Groschen vom Vater für ein Heft“

Heute, am 11. September, feiert sie ihren 100er: Ella Zeiler aus Tunzendorf. Die Bergbauerntochter über harte Zeiten, die große Liebe und einen Bock als Bodyguard.

Sie wohnt immer noch daheim: Ella Zeiler in der Küche ihres Hauses in Tunzendorf (Gem. Michaelerberg-Pruggern)
© KLZ / Dorit Burgsteiner
Sie wohnt immer noch daheim: Ella Zeiler in der Küche ihres Hauses in Tunzendorf (Gem. Michaelerberg-Pruggern)
Dorit Burgsteiner
Redakteurin Regionalredaktion Liezen

„Dass ich einmal so alt werde ... das hätte ich mir nicht gedacht“, sagt Ella Zeiler und schüttelt kaum merklich den Kopf. „Immerhin hab‘ ich ja immer viel arbeiten müssen“, ergänzt sie mit Nachdruck. Wenn man alt werden möchte, sei eines wichtig: „Zufriedenheit. Du musst immer zufrieden sein“, sagt die mit dem heutigen Tag 100-Jährige im Brustton der Überzeugung.

Am 11. September 1926 wurde sie in die Bergbauernfamilie Hutegger vulgo Galsterberger am Michaelerberg (heute Gemeinde Michaelerberg-Pruggern), geboren. „Fünf Kinder waren wir, vier Dirndln und ein Bub. Ich war die Zweitälteste“, sagt Zeiler. Das Leben auf dem Hof war kein einfaches, von viel Arbeit und wenig Geld geprägt. „Von Kind auf haben wir immer arbeiten müssen“, erzählt sie.

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Ella Zeiler in jungen Jahren
Ella Zeiler in jungen Jahren © Privat

Zehn Groschen, „mehr habe ich nicht“

Und was das Geld angeht: „Ich habe für die Schule einmal ein Heft gebraucht, zehn Groschen hat das gekostet. Ich bin zum Vater gegangen und habe ihn eine halbe Stunde lang angefleht.“ Der Vater habe in der Stube „in einer Lade dann zehn Groschen gefunden, sie mir gegeben und gesagt: ,Das sind meine Letzten, mehr habe ich nicht mehr‘. Das war schon schrecklich“.

Was die Tunzendorferin ebenfalls mitgenommen hat, war unter anderem der Tod zweier Geschwister. „Mein Bruder Hans ist im Krieg, in Leningrad, geblieben“, sagt sie leise. Früh hat sie auch ihre jüngste Schwester Josephine, genannt Pepi, verloren. „Sie ist mit 26 Jahren an Tuberkulose verstorben.“

Die Angst vor dem Bock

Aber auch einige Anekdoten, die ihr heute noch ein Schmunzeln abringen, hat sie auf Lager. „Wir haben unter anderem gut 35 Ziegen und einen Bock mit riesigen Hörnern gehabt. Vor dem haben sich die Leute gefürchtet.“ Das wusste die junge Ella zu nutzen. „Gendarmen haben früher die Almen kontrolliert wegen der durchreisenden Heimkehrer. Einer ist nachts bei der Hütte aufgetaucht und wollte da schlafen.“ Sie gewährte ihm Einlass, „da hab ich aber schon gewusst, dass der ein Weiberer ist und nichts auslässt“.

Als sie in der Nacht ein näherrückendes Geräusch vernahm, hat sie sich davongemacht und sich „im Trempel, wo auch der Bock war, zum Schlafen in den Trog gelegt. Als der Gendarm in der Früh die Tür aufgemacht hat, hab ich gerufen: ,Verschwind‘, sonst lass i dir den Bock aussi‘.“ Und weg war er, der Gendarm.

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Ella Anfang der 1940er in der Feuerwehr-Uniform. Weil die Männer im Krieg waren, übernahmen die Frauen daheim ihre Aufgaben
Ella Anfang der 1940er in der Feuerwehr-Uniform. Weil die Männer im Krieg waren, übernahmen die Frauen daheim ihre Aufgaben © Privat

Lebhaft ist auch die Erinnerung an einen schier endlosen Herbst. „Daheim haben sie nicht so viel Freude mit den Ziegen gehabt, weil die überall unterwegs waren. Darum bin ich mit ihnen immer bis zum ersten Schnee in der Alm geblieben. Einmal ist er erst vier Tage vor Weihnachten gekommen. Da sind dann auch die Ziegen freiwillig mit nach Hause marschiert.“

Oder daran, wie sie zum Tanz nach Aich gegangen ist, ihr dort ein junger Mann mit einem seiner genagelten Schuhe unabsichtlich gegen den Knöchel getreten hat und selbiger „dann wochenlang blau war. Da war für mich klar: einmal und nie wieder zum Tanzen nach Aich“.

Die Tennsbrücke und die Liebe

Unvergessen ist freilich auch, wie sie ihren Mann Sepp kennengelernt hat. „Wir haben eine Tennsbrücke (zur Tenne führende Rampe, Anm.) bekommen, beim Bau hat er geholfen.“ Die beiden verliebten sich, heirateten im Februar 1957. Das Paar zog ins nicht weit entfernte Tunzendorf, bekam zwei Kinder, Hans und Andrea. Sie sind es, die heute auf ihre Mutter schauen. „Meine Schwester wohnt im selben Haus, ich gehe mit der Mama zwei-, dreimal die Woche spazieren. Oft fahren wir herum, und ich zeige ihr, wie es heute in Öblarn, Gröbming oder Pruggern ausschaut“, sagt Sohn Hans.

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Ella Zeiler (links) und ihr Gatte Sepp mit dem befreundeten Ehepaar Walcher vlg. Schirf bei der Doppelhochzeit in Salzburg
Ella Zeiler (links) und ihr Gatte Sepp mit dem befreundeten Ehepaar Walcher vlg. Schirf bei der Doppelhochzeit in Salzburg © Privat

Zeiler sitzt die meiste Zeit im Rollstuhl, nachdem sie sich vor vier Jahren einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hat. „Jetzt traut sie sich das Gehen nicht mehr so wirklich“, erzählt Hans Zeiler. Ansonsten ist sie recht fit, liest viel, löst Rätsel oder häkelt Kleiderbügelüberzüge. „Früher habe ich auch gedichtet, aber das interessiert mich heute nicht mehr“, sagt die Tunzendorferin.

Die große Feier zu ihrem 100er findet heute im Kreise von Verwandten, Bekannten und den Nachkommen früherer Weggefährten im Michaelerberghaus statt. Nicht weit von jenem Hof, der einst ihr Zuhause war.

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Ausflug zum Stoderkircherl: das Ehepaar Zeiler mit einer Bekannten (Mitte)
Ausflug zum Stoderkircherl: das Ehepaar Zeiler mit einer Bekannten (Mitte) © Privat