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Bachelor, Master, ECTS: Was Kärntner Experten heute von Bologna halten

Vereinheitlichung der Unis in Europa: Aber was hat der Bologna-Prozess tatsächlich gebracht? Kärntner Experten ziehen unterschiedlich Bilanz.

Zweisprachige Ortstafel vor Uni Klagenfurt
© Weichselbraun Helmuth Kleine Zeitung
Die Uni Klagenfurt ist ein Ort der internationalen Lehre – einen wesentlichen Teil dazu beigetragen hat der sogenannte Bologna-Prozess
Lukas Moser
Kärnten Ressort

Bachelor, Master und ECTS: Seit Bologna spricht Europas Hochschulwelt zumindest formal eine gemeinsame Sprache. Studienabschlüsse und Studienleistungen sollen vergleichbarer, Wechsel zwischen Universitäten und Ländern einfacher werden. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Beginn der Reform fällt die Bilanz allerdings deutlich komplizierter aus.

Doris Hattenberger
© Aau/waschnig
Doris Hattenberger

„Studiengänge sind inhaltlich natürlich nicht vergleichbar“, sagt Doris Hattenberger, Vizerektorin für Lehre an der Universität Klagenfurt. Vergleichbar gemacht sei vielmehr der Arbeitsaufwand worden: Ein Bachelorstudium umfasst üblicherweise 180 ECTS-Punkte, für einen ECTS-Punkt werden 25 Echtstunden veranschlagt. Damit stehen hinter einem Bachelor rechnerisch 4500 Stunden studentischer Arbeitsaufwand.

Universitäre „Planwirtschaft“

Genau an dieser Logik setzt der gebürtige Villacher Philosoph Konrad Paul Liessmann, langjähriger Professor an der Universität Wien und einer der bekanntesten Kritiker der europäischen Hochschulreform, an. Er kritisiert vor allem die starke Formalisierung des Studiums und ECTS, die sich an „fiktiven Arbeitsaufwänden“ orientierten. Enge Studienordnungen führten aus seiner Sicht dazu, dass Studierende darauf achten müssten, wie viele Punkte ihnen noch fehlen, anstatt ihren wissenschaftlichen Interessen nachzugehen. Darunter leide auch die Neugier. Von der Humboldt’schen Freiheit von Forschung und Lehre sei nur noch wenig zu spüren. Zugespitzt spricht Liessmann sogar von „Planwirtschaft“.

Hans Pechar: „Das Grundkonzept von Bologna halte ich für vernünftig, aber bei der Umsetzung gab es zahlreiche Probleme.“
© Iff/honorarfrei
Hans Pechar: „Das Grundkonzept von Bologna halte ich für vernünftig, aber bei der Umsetzung gab es zahlreiche Probleme.“

Weniger grundsätzlich fällt das Urteil von Hochschulforscher Hans Pechar, der früher an der Universität Klagenfurt lehrte, aus. „Das Grundkonzept von Bologna halte ich für vernünftig, aber bei der Umsetzung gab es zahlreiche Probleme“, sagt er. Eine Ursache sieht Pechar darin, dass viele Hochschullehrer eine Reform umsetzen mussten, die sie selbst grundsätzlich ablehnten. „Das kann nicht gut gehen.“

Was ist der Bachelor eigentlich wert?

Und was ist aus dem Bachelor geworden? Pechar hält es für „absurd“, einen weltweit üblichen und anerkannten Abschluss zum bloßen Zwischenabschluss zu degradieren, nur weil dieser nicht aus der deutschsprachigen Universitätstradition stammt. Auch Unternehmen hätten dessen Akzeptanz teilweise erschwert – obwohl Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer das neue Studiensystem unterstützt hätten. Tatsächlich gibt es etliche Beispiele aus der Realität der Kärntner Wirtschaft, in denen ein Bachelor nur als nette Zwischenstufe, aber nicht als vollwertiger Studienabschluss gesehen wird.

Hattenberger sieht hingegen Anzeichen dafür, dass der Bachelor in der Arbeitswelt zunehmend als eigenständiger Abschluss akzeptiert wird. Darauf deuteten laut ihr etwa sinkende Übertrittsraten vom Bachelor- in ein Masterstudium hin. In bestimmten reglementierten Berufen könne allerdings weiterhin ein Master- oder Diplomabschluss erforderlich sein.

Ebenso wenig lasse sich aus Bologna automatisch eine allgemeine „Verdichtung, Verschulung oder ein allgemeiner Qualitätsverlust“ ableiten, argumentiert Hattenberger. Entscheidend sei auch, wie Curricula gestaltet werden. Durch die größere Auswahl anschließender Masterstudien könne Studierenden ermöglicht werden, sich ein interdisziplinäres Profil zu geben.

...hat wenig mit Bologna zu tun

Teilweise für Unverständnis sorgte zuletzt der Fall einer gut ausgebildeten Kanadierin, die aufgrund der formalen Zulassungsvoraussetzungen vier Ergänzungsprüfungen auferlegt wurden, bevor sie an der Uni Klagenfurt zu studieren beginnen könne. Schnell stand damit auch die Frage im Raum, was aus der viel beschworenen internationalen Vergleichbarkeit geworden ist.

Nur: Mit Bologna hat dieser konkrete Fall kaum etwas zu tun, wie Doris Hattenberger betont. Es gehe hier um einen ausländischen Sekundarschulabschluss und nicht um einen Hochschulabschluss. Pechar formuliert es noch deutlicher: Dass österreichische Universitäten die Qualifikation ausländischer Bewerberinnen und Bewerber auf Äquivalenz überprüfen, sei „absolut legitim“.

Liessmann weist auf KI hin

Der Bologna-Prozess schuf mit Bachelor, Master und ECTS gemeinsame Strukturen für Hochschulstudien und machte Studienleistungen leichter vergleichbar. Welche ausländische Schulqualifikation zum Zugang zu einer österreichischen Universität berechtigt und welche Ergänzungsprüfungen dafür verlangt werden, ist eine andere Frage. Der Fall zeigt aber vor allem, dass internationale Mobilität auch an Zulassungsregeln stoßen kann, die Bologna gar nicht vereinheitlicht hat.

Konrad Paul Liessmann meint, dass universitäres Studieren durch KI bald völlig anders zu bewerten sein könnte
© IMAGO/Rudi Gigler
Konrad Paul Liessmann meint, dass universitäres Studieren durch KI bald völlig anders zu bewerten sein könnte

Während also noch über die Folgen einer Reform gestritten wird, die Ende der 1990er-Jahre begonnen hat, sieht Liessmann aber bereits die nächste grundsätzliche Herausforderung für die Universitäten: Wenn wissenschaftliche Arbeiten künftig mit künstlicher Intelligenz erstellt und womöglich wiederum durch KI beurteilt würden, werde der Grundgedanke akademischer Qualifikation infrage gestellt. Dann geht es nicht mehr bloß um Bachelor, Master oder ECTS – sondern um die Frage, was ein akademischer Abschluss überhaupt noch bescheinigt.