Santander wird zum neuen Kunst-Hotspot von Spanien
Fast ein Jahrhundert lang war das imposante Pereda-Gebäude in der Bucht der nordspanischen Küstenstadt Santander ein Symbol für Macht und Geld. Doch nun soll aus dem ehemaligen Hauptsitz der Banco Santander ein Symbol für Kunst und Kultur werden. Am Dienstag eröffnet die Kulturstiftung der spanischen Großbank in dem Stadtpalais von 1795 ihr neues Kunst- und Kulturzentrum "Faro Santander". Am Montag wurde es von König Felipe VI. persönlich eingeweiht.

"Faro" bedeutet auf Spanisch "Leuchtturm", und das neue Kunstzentrum soll ein kultureller "Leuchtturm" für ganz Spanien werden - dem Guggenheim-Museum im nahen Bilbao ebenbürtig. Um den früheren Bankpalast in ein modernes Kunst- und Kulturzentrum zu verwandeln, engagierte man niemand Geringeren als den britischen Stararchitekten David Chipperfield.
Dabei folgte der Pritzker-Preisträger seinem architektonischen Leitfaden des "Weiterbauens anstatt des Neubauens". Es ging ihn darum, die Geschichte des Gebäudes zu erhalten, in dem er die seriös-klassizistische Fassade kaum veränderte. Doch das Innere entkernte Chipperfield komplett.
Die ehemaligen Büros, Sitzungssäle und Bankschalter verwandelte er in eine Reihe streng minimalistischer Galerien mit weißen Wänden, klaren Geometrien und hellen Holzböden. Auf den rund 10.000 Quadratmetern befinden sich zudem ein Auditorium, Räume für Digital-Kunst und Technologien, Kreativ-Ebenen für Kinder, VR-Erfahrungsräume und eine Dachterrasse mit Restaurant.
Von der Lobby aus führt eine spiralförmige Betontreppe in die erste Ebene, auf der regelmäßig wechselnde Projekte junger lokaler Künstler gezeigt werden. Von hier aus gelangen die Besucher ins Herzstück von Chipperfields architektonischem Projekt - den Torbogen, der die beiden spiegelgleichen Gebäudekomplexe früher nur oben verband. Chipperfield schloss diesen Freiraum, indem er auch die unteren Ebenen zusammenführte. Er verglaste diesen Teil jedoch nur, um die charakteristische Silhouette und das Tor zu erhalten, das historisch die Bucht mit der Innenstadt verbindet.
Vorbei an den hier positionierten Kugelfigur-Skulpturen von Juan Muñoz geht es über eine Treppe in die zweite Etage, in der bis 2028 die beeindruckende Ausstellung "Modernes Mexiko in der Sammlung Gelmann Santander". Seit Anfang des Jahres verwaltet die Santander-Stiftung 160 Werke dieser Sammlung, von denen 93 in der aktuellen Eröffnungsausstellung gezeigt werden. "Es handelt sich um die wichtigste Kollektion moderner mexikanischer Kunst mit Arbeiten von Künstlern wie Frida Kahlo, Diego Rivera, María Izquierdo oder José Clemente Orozco", erklärt María Beguiristain, Direktorin der Kunstsammlung der Santander-Stiftung, im Gespräch mit der APA.
Star der Ausstellung ist natürlich die globale Künstlerikone Frida Kahlo. Mit 18 ihrer Werke verfügt die Santander-Stiftung über die weltweit größte Sammlung der mexikanischen Künstlerin. 15 werden in der Ausstellung gezeigt - darunter auch einige ihrer bekanntesten Selbstporträts.
Auf der dritten Etage lockt im Eröffnungsprogramm eine kleine, aber hochinteressante Ausstellung über Leonora Carrington. In den Gemälden und Bleistiftzeichnungen verarbeitete die weltberühmte Surrealistin ihren traumatischen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik 1940 in Santander.
Der Besuchermagnet wird aber zweifellos die Ausstellung "Meisterwerke der Santander-Sammlung" in der vierten Etage sein. Die Exposition mit 68 Werken zeigt die ganze finanzielle Macht, die hinter dieser Sammlung steht und die von Cranachs "Predigt des Heiligen Johannes des Täufers" (ca. 1537-1540) bis zu Juan Uslés "Soñé que revelabas" von 2018 reicht.
Sie ist thematisch geordnet und setzt Werke aus verschiedensten Epochen in einen interessanten Dialog. Im Bereich "Heilige Geschichten" werden in einem der drei Ausstellungsräume Werke von Tizian, Zurbarán, El Greco oder Diego Velázquez zeitgenössischen Arbeiten von Tàpies, Cristina Iglesias, Torner oder Chillida gegenübergestellt. Rubens tritt mit Picasso und Angela de la Cruz in einen Dialog, während die Porträt-Arbeiten von Van Dyck, Goya, Sorolla und Miró verglichen werden.
Richard Long, Miquel Barceló, Ribera, Carmen Laffón - die Liste liest sich wie das Who ́s Who der Kunstgeschichte. Doch kann der Faro Santander wirklich zu einem landesweit strahlenden "Leuchtturm" für Kunst und Kultur werden? Es waren nicht wenige Städte, die mit spektakulären Museumsbauten den Guggenheim-Effekt aus Bilbao kopieren wollten und daran kläglich scheiterten. Die besten Beispiele dafür sind das Oscar Niemeyer Centro in Aviles oder die Cidade da Cultura von Peter Eisenman in Santiago de Compostela.
Daniel Vega, Direktor des Faro Santander, ist sich jedoch sicher, dass Santander zu einer internationalen Kultur- und Kunstdestination werden wird. Das liege aber nicht nur daran, dass man das Gebäude eines sogenannten Stararchitekten in diesem Fall auch mit sensationeller Kunst fülle. "Vielmehr tragen dazu mehrere Museumsprojekte in der ganzen Stadt bei", erklärt Vega der APA und zeigt durch eines der Museumsfenster auf die Bucht.
Hier befindet sich direkt an der Uferpromenade das erst vor neun Jahren eröffnete Centro Botín. Das international ausgerichtete Kunst-und Kulturzentrum in den Pereda-Gärten ist ein spektakulärer, mit Keramikscheiben verkleideter Bau auf Stegen von Pritzker-Preisträger Renzo Piano. Von Oktober bis März ist hier die erste in Spanien stattfindende Ausstellung über die angesagte brasilianische Künstlerin Solange Pessoa zu sehen, die mit organischen und mineralischen Materialien wie Stein, Erde, Wolle, Haare, Knochen, Samen und Federn arbeitet.
Das auf zeitgenössische Kunst spezialisierte Zentrum ist aber auch ein Ort, junge Künstler zu fördern und vor allem die Bevölkerung aktiv mit Konferenzen und Workshops einzubringen. "Wir haben es geschafft, die Einwohner für Kunst zu begeistern und das hilft, zusammen mit anderen Projekten wie dem Faro Santander, die Stadt zu einem neuen Kunst-Hotspot in Spanien zu machen", meint Fátima Sánchez Santiago, Direktorin des Centro Botín.
Dabei gehören zu diesen besagten anderen Projekten keine Geringeren als die erste Außenstelle des weltberühmten Madrider Reina Sofía Museums, das 2027 mit dem neuen Museum für Vorgeschichte und Archäologie Kantabriens (MUPAC) eröffnen wird. Auf rund 12.000 Quadratmetern werden außergewöhnliche Funde paläolithischer Höhlenkunst aus der Region gezeigt, darunter Funde aus der nahen weltberühmten Altamira-Höhle mit ihren steinzeitlichen Höhlenmalereien.
(Von Manuel Meyer/APA)
(S E R V I C E - www.farosantander.com/en/inicio )