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Kammerspiele: Turrinis "Der tollste Tag" mit Trampolin

Kurz vor dem Ende kommt große Kunst ins Spiel. Nach eineinhalb Stunden voll grotesker Übertreibungen, platter Scherze und unmotiviertem Geschrei erklingt auf der Bühne Mozart, und sieht man Ausschnitte der apokalyptischen Visionen von Hieronymus Bosch. Was auch immer Regisseurin Anna Stiepani mit "Der tollste Tag" von Peter Turrini vorhatte: Was am Samstag bei der ersten Kammerspiele-Premiere der neuen Josefstadt-Intendanz zu sehen war, konnte nicht überzeugen.

"Der tollste Tag": Bargen, Stolzmann, Krismer, Martini (v.l.)
© APA/HARALD SCHNEIDER
"Der tollste Tag": Bargen, Stolzmann, Krismer, Martini (v.l.)

Turrini bearbeitete 1972 die Beaumarchais-Komödie rund um einen Grafen, der auf seiner absoluten, bis ins Bett reichenden Verfügungsgewalt gegenüber seinen Bediensteten beharrt. Er strich das verlogene Happy End und betonte das strukturelle Machtgefälle. Schon 1991 war er damit nicht mehr ganz zufrieden: "Ich finde, man müsste es umschreiben, eine Neufassung machen. Das Stück ist eine Parabel auf die politische Gewalt, und die verändert sich ständig." So gelesen macht eine Aufführung heute und an diesem Ort durchaus Sinn. Doch was bekommt man zu sehen?

Bühnenbildnerin Jenny Schleif hat einen malachitfarbenen Aufbau auf die Kammerspiele-Bühne gestellt, in dem sich wie Kästen und Schubladen winzige Kämmerchen öffnen lassen. In einem davon sollen nach ihrer Hochzeit Susanne und Figaro wohnen. Beengte Wohnverhältnisse, auf die Spitze getrieben. Oben wird nicht getanzt, sondern gesprungen: Auf die obere Spielfläche gelangt man von vorne über eine Leiter, von hinten über ein Trampolin. Zu den erratischen Effekten, mit denen gearbeitet wird, zählt auch ein in den Aufbau eingelassenes, selbstspielendes Cembalo. Die Kostüme sind historisierend, die Spielweise hoch expressiv.

Mit zunehmender Verwunderung sieht man bekannte und geschätzte Josefstadt-Schauspieler wie Claudius von Stolzmann (Figaro), Raphael von Bargen (Graf Almaviva), Alexandra Krismer (Gräfin Almaviva) oder Dominic Oley (Bazillus), ergänzt um den unauffälligen Neuzugang Johanna Martini als Susanne, mit einer Überdrehtheit agieren, die weder mit guter Komödie noch mit dem Theater als Reflexionsmedium unserer Zeit etwas zu tun hat.

Und während sich 100 Minuten lang der Leerlauf immer schneller dreht, hat man viel Zeit, nachzudenken. Man erinnert sich an Aufführungen des Gemeindehoftheaters (teilweise unter Mitwirkung von Peter Turrini selbst), in denen die Prallheit der Machart und die Direktheit der politischen Aussage eine Einheit bildeten. Man denkt aber auch an die von Max Reinhardt begründete Tradition des Theaters in der Josefstadt als Ort der feinnervigen Schauspielkunst und an die von Herbert Föttinger (nicht immer erfolgreich) verfolgte Absicht, die Kammerspiele als Ort eines zeitgemäßen, kritischen, urbanen Boulevardtheaters zu etablieren.

Zwei Momente der Ruhe gönnt Stiepani dem Publikum und den Schauspielern, in denen kurz eine andere mögliche Lesart sichtbar wird: Wenn Claudius von Stolzmann und Marcello De Nardo (als Cherobin) Nähe zueinander verspüren und die Möglichkeit, alles anders zu machen, entdecken, und dasselbe etwas später die einsame Gräfin mit dem in Frauenkleidern gesteckten Cherobin erlebt, dann kommt eine Geschlechter- und Standesgrenzen sprengende Wahrhaftigkeit ins Spiel, die Kraft und Poesie erkennen lässt. Der finale Grafenmord hat dann keinen Einzeltäter, sondern wird vom messerschwingenden Trio Susanne, Gräfin und Figaro begangen. Angesichts der vorangegangenen Turbulenzen fast schon ein Revolutionsaufruf!

Wie die neue Josefstadt-Direktorin Marie Rötzer die Kammerspiele künftig positionieren wird, weiß man nach dieser Produktion hoffentlich noch nicht. Aber man weiß, dass das Haus über ein Premierenpublikum verfügt, das auch am Ende eines missglückten Abends so zu jubeln versteht, als habe man soeben tatsächlich das erlebt, was der Titel versprach: den "tollsten Tag".

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Der tollste Tag" von Peter Turrini, frei nach Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, Regie: Anna Stiepani, Bühnenbild: Jenny Schleif, Kostüme: Thurid Peine, Musik: Karsten Riedel. Mit: Johanna Martini (Susanne), Claudius von Stolzmann (Figaro), Raphael von Bargen (Graf Almaviva), Alexandra Krismer (Gräfin Almaviva), Dominic Oley (Bazillus), Maria Köstlinger (Marceline), Oliver Rosskopf (Diener, Richter), Paul Matić (Bartholo, Gärtner), Marcello De Nardo (Cherobin, Zettelkopf), Kammerspiele der Josefstadt. Wien 1, Rotenturmstraße 20, Nächste Vorstellungen: 6., 7., 10., 16., 17.9., Karten: 01/42700-300, www.josefstadt.org )