Seltene Erkrankung: Krebstherapie in Graz lässt Kärntner Landwirt wieder lächeln
Ein Medikament aus der Krebstherapie konnte die seltene Autoimmunerkrankung eines Landwirts zurückdrängen. Der ungewöhnliche Therapieweg wurde in Graz gewählt.

Erntearbeiten auf 1.000 Hektar pro Jahr: Diese Menge muss Michael Kropiunig alljährlich mit seinen Mitarbeitern stemmen. Der Landwirt aus Keutschach am See sitzt gerne und oft am Steuer von Traktor und Mähdrescher. Doch im Jahr 2021 verschlechterte sich sein körperlicher Zustand. Erst waren es Muskelschmerzen, bald fehlte dem Vater eines zehnjährigen Sohnes die Luft sowie die Kraft für alltägliche Bewegungen und Tätigkeiten. Infolge musste die Sauerstoffflasche in der Fahrerkabine des Traktors bzw. des Mähdreschers mitkommen.
Die Ursache der gesundheitlichen Probleme wurde als Antisynthetase-Syndrom diagnostiziert. Dabei handelt es sich um eine seltene Autoimmunerkrankung, die unter anderem die Muskulatur und Lunge schädigt und potenziell lebensbedrohlich sein kann. Und bei Kropiunig zeigte sich diese Krankheit in besonders ausgeprägter Form: Die Muskulatur war schon schwer in Mitleidenschaft gezogen. Dazu kamen Veränderungen an Haut und Gesicht: Die Haut wurde zunehmend starr und gespannt, die Mimik war eingeschränkt und die Mundöffnung schließlich so klein, dass er kaum noch lachen konnte. Die Schädigung seiner Lunge schritt so weit fort, dass er dauerhaft Sauerstoff benötigte. „Es war ein tiefes Tal, ganz unten“, erinnert er sich. „Alles war schwerfällig, ich hatte extrem abgenommen und habe mich schon gefragt: War es das jetzt?“
Lebensbedrohlicher Verlauf
Ab Herbst 2023 war der Kärntner an der Klinische Abteilung für Rheumatologie und Immunologie am Uniklinikum Graz in Behandlung. Doch mit den gängigen Behandlungsmethoden stellte sich keine Besserung ein. „Deshalb haben wir begonnen, über andere Wege nachzudenken“, sagt Jens Thiel, Leiter der Abteilung. Denn: Die Situation war ernst. Ohne eine wirksame neue Therapie hätte die Erkrankung einen lebensbedrohlichen Verlauf nehmen können.
Lexikon
Das Antisynthetase-Syndrom ist eine seltene Autoimmunerkrankung aus der Gruppe der entzündlichen Muskelerkrankungen. Dabei richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen. Typisch sind Entzündungen der Muskulatur und Gelenke sowie eine Beteiligung der Lunge. Diese Erkrankung kann Vernarbungen der Lunge hervorrufen (Lungenfibrose), die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Am Uniklinikum Graz sind rund 200 Patientinnen und Patienten mit entzündlichen Muskelerkrankungen aus diesem Formenkreis in Behandlung.
T-Cell-Engager: T-Zellen gehören zu den Abwehrzellen unseres Immunsystems und können andere Zellen gezielt zerstören. T-Cell-Engager machen sich diese Fähigkeit zunutze: Sie sind Antikörper, die T-Zellen gezielt mit bestimmten anderen Zellen zusammenbringen. Man kann sich den Wirkstoff wie eine Brücke vorstellen: Der bei Michael Kropiunig eingesetzte bispezifische Antikörper bindet mit einer Seite an einer B-Zelle und mit der anderen an einer T-Zelle. Dadurch werden beide Zellen unmittelbar zusammengebracht. Die T-Zelle wird aktiviert und kann die B-Zelle gezielt zerstören. Entwickelt wurde dieses Therapieprinzip ursprünglich für die Behandlung von Krebserkrankungen.
In der Hämatologie bzw. der Krebstherapie wurde man fündig. Ein spezieller Antikörper aus der Gruppe der T-Cell-Engager sollte die B-Zellen, die bei der fehlgeleiteten Immunreaktion des Antisynthetase-Syndroms eine Rolle spielen, zerstören. „Dass ein Wirkprinzip aus der Krebstherapie möglicherweise auch bei schweren Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden kann, ist eine sehr spannende Entwicklung“, sagt Annkristin Heine, Leiterin der Klinischen Abteilung für Hämatologie. Und trotzdem: Der Einsatz gegen die Autoimmunerkrankung ist ein „Off-Label-Use“. Das bedeutet, ein Wirkstoff wird gegen eine Erkrankung eingesetzt für die er eigentlich nicht zugelassen ist. Kropiunig zögerte dennoch nicht: „Herr Thiel hat mich gefragt, ob ich das probieren will. Ich habe gesagt: Sicher, ja. Alles war besser als die Situation, wie sie war.“
Besserung schon nach kurzer Zeit
Die Behandlung begann im Juli 2025. Schon kurz danach zeigte sich eine Verbesserung im Zustand des Patienten. Die Entzündung in der Lunge ging zurück, die Muskelkraft nahm wieder zu. Auch die Veränderungen an Haut und Gesicht bildeten sich teilweise zurück. Die Mimik wurde beweglicher, die Mundöffnung größer – Kropiunig konnte wieder lachen. Bestehen blieben die Vernarbungen der Lunge (Lungenfibrose). Und: Schon nach wenigen Wochen saß Kropiunig wieder auf seinem Mähdrescher. Vier Monate nach Therapiebeginn konnte er bei der Arbeit schließlich auf zusätzlichen Sauerstoff verzichten.
Insgesamt erhielt Kropiunig die neue Therapie rund ein Jahr lang. „Bei diesem Patienten sehen wir, dass sich Veränderungen teilweise zurückgebildet haben, von denen wir das in diesem Ausmaß nicht erwartet hätten. Das ist für uns medizinisch wirklich beeindruckend“, sagt Thiel. Er warnt dennoch vor vorschnellen Schlüssen: „Das ist keine Therapie für jeden Patienten und auch nichts, was jedes Krankenhaus anwenden sollte. Aber für schwer erkrankte Menschen, bei denen die etablierten Therapien nicht ausreichend wirken, könnte sich hier eine neue Möglichkeit eröffnen.“

Geheilt ist Michael Kropiunig nicht. An feuchten, nebligen Tagen braucht er – aufgrund der Vernarbungen der Lunge – manchmal noch für kurze Zeit Sauerstoff, schwere körperliche Arbeiten überlässt er seinen Mitarbeitern. Aber er hat rund zehn Kilo zugenommen, wieder Muskeln aufgebaut – und sitzt wieder selbst auf dem Mähdrescher. „Die geben dich nicht einfach auf, sondern suchen weiter nach neuen Möglichkeiten. Ich bin sehr dankbar, dass ich auf die beiden gestoßen bin“, sagt Kropiunig über seine beiden behandelnden Ärzte Jens Thiel und Sonja Kreuzer, die Kropiunig seit Beginn seiner Behandlung begleitet und an der Rheumatologie eine seiner zentralen Ansprechpersonen ist. An der Klinischen Abteilung für Pneumologie wird Kropiunig an einer weiteren Studie teilnehmen, die neue Möglichkeiten für die Behandlung seiner Lungenerkrankung untersucht. Er selbst fasst seinen heutigen Zustand so zusammen: „Wenn ich mich so bewegen kann, wie ich mich jetzt bewegen darf, dann bin ich zufrieden. Jetzt geht es leichter – und es wird jeden Tag ein bissi besser.“