Schulen rechnen mit Konflikten um Kopftuchverbot
Der oberste Lehrervertreter Paul Kimberger (FCG) geht davon aus, dass die Schulen das mit Schulbeginn geltende Kopftuchverbot für Mädchen bis 14 "wertschätzend und sensibel" umsetzen werden. "Es gibt kein Interesse daran, diese Mädchen in eine unangenehme Situation zu bringen", betonte er. Mit Konflikten sei an manchen Standorten trotzdem zu rechnen. Er berichtet von Boykott-Aufrufen in sozialen Medien und Tipps, mit welcher Art von Kopfbedeckung man das Verbot umgehen kann.

Für Kopfschütteln sorgt bei Kimberger der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) Ümit Vural, der zuletzt im ORF Verständnis für Widerstand gegen das Gesetz gezeigt hat. "Ein geltendes Gesetz ist umzusetzen, ob ich jetzt selber dafür oder dagegen bin", sagte er im APA-Gespräch. Alles, was die Entwicklung von Kindern hemmen kann, habe in der Schule nichts verloren - und da gehört für ihn das Kopftuch dazu. Eine klare Regelung komme in Österreich ohnehin mindestens zehn Jahre zu spät. Für eine gute Umsetzung brauche es nun viel Unterstützung durch Behörden, die Gesellschaft und auch die Eltern.
Eine Schonfrist bei der Umsetzung des Verbots ist nicht vorgesehen. Kommt ein Mädchen unter 14 am ersten Schultag mit Kopftuch auf das Schulgelände, müssen die Lehrkräfte es laut Kimberger auffordern, das Tuch abzunehmen. Weigert sich das Mädchen, muss das unverzüglich der Schulleitung gemeldet werden. Spielraum haben die Lehrer dem Gewerkschafter zufolge nur bei der Vorgehensweise, etwa indem sie das Gespräch vor Unterrichtsbeginn oder am Ende des Schultages führen, um das Mädchen nicht vor der Klasse bloßzustellen.
Nach dem Kopftuchverbot samt angekündigtem Ausbau von Burschenarbeit bräuchte es aus Kimbergers Sicht noch "mehr Maßnahmen gegen den politischen Islam", um etwa auch das Problem selbsternannter "Sittenwächter" an manchen Schulen in den Griff zu bekommen. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat sich zuletzt für ein verfassungsrechtliches Verbot des "politischen Islam" ausgesprochen.
Insgesamt gibt es dem Gewerkschafter zufolge an manchen Standorten in den Zentralräumen eine Gemengelage aus Gewalt und kulturellen Konflikten, die in einer österreichischen Schule "eigentlich inakzeptabel" sei. "Wir brauchen massive Unterstützung von verschiedenen Seiten, um diese Probleme auch schulisch in den Griff zu bekommen", forderte Kimberger. "Diese Konflikte werden sonst noch viel größer werden und uns später dann gesellschaftlich völlig um die Ohren fliegen."
Der mit diesem Schuljahr neu eingeführte "Chancenbonus", der für 400 Schulen mit besonders vielen Migrantenkindern aus bildungsfernen Familien zusätzliches Personal bedeutet, ist für Kimberger dabei nur "ein erster Schritt in die richtige Richtung". Der tatsächliche Bedarf an Unterstützung sei zehnmal höher.
Auch bei der neuen verpflichtenden Suspendierungsbegleitung ist Kimbergers Jubel verhalten. Es sei zwar eine extrem wichtige Maßnahme, dass Kinder und Jugendliche nach einem vorübergehenden Ausschluss vom Unterricht wegen Gewalt nicht sich selbst überlassen sind, sondern eine pädagogische und psychosoziale Begleitung bekommen. Der Gewerkschafter befürchtet allerdings, dass auch hier wieder die Schulen selbst die größte Last zu tragen haben werden: Für die geplante flächendeckende Ausstattung mit multiprofessionellen Teams gebe es anscheinend zu wenige Fachkräfte.
Das Thema werde aber immer größer, ist Kimberger überzeugt. Gab es vor der Coronapandemie noch 1.000 Suspendierungen, waren es im vergangenen Schuljahr über 2.400. "Die Zahlen explodieren, nicht nur in den Zentralräumen, und das schon in der Volksschule." Die Steigerung führt er nicht nur auf eine größere Sensibilität bei Gewalt zurück, diese sei auch häufiger und intensiver als früher. Ein Treiber seien dabei die digitalen Medien.
Zu früher und intensiver Medienkonsum führt laut dem Lehrervertreter auch dazu, dass an manchen Volksschulen auch immer mehr Kinder ohne Migrationshintergrund Deutschförderung benötigen. Schon die Kleinsten würden heute im Kinderwagen mit einem Handy still beschäftigt. "Wenn man mit einem Kind nicht mehr spricht oder spielt, dem Kind nicht vorliest und sich dementsprechend auch den Begabungen widmet, dann läuft insgesamt in unserer Gesellschaft etwas falsch", warnte der Gewerkschafter.