Neuromantikerin: Autorin Marie-Thérèse Kerschbaumer ist 90
Marie-Thérèse Kerschbaumer gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigen Stimmen der heimischen Literatur. Ihr vielfältiges Werk spannt sich von engagierter Prosa über Essays und Hörspiele bis zu zarter, bildmächtiger Lyrik. Dabei stritt sie nicht nur literarisch für ihre Anliegen, sondern wich auch gesellschaftlichen Debatten nie aus. Am Montag (31. August) feiert die in Wien lebende Autorin ihren 90. Geburtstag. Im September erscheint ihr neues Buch "Riflessioni Tusculane".

Geboren wurde Marie-Thérèse Raymonde Angele Kerschbaumer am 31. August 1936 in Garches bei Paris als Tochter einer im Nationalsozialismus verfolgten Österreicherin und eines Kubaners. Die ersten drei Lebensjahre verbrachte sie in Costa Rica, bevor sie 1939 nach Tirol kam, wo sie bei den Großeltern aufwuchs. Nach einer kaufmännischen Lehre und Aufenthalten in England und Italien lebt Kerschbaumer, die erst 1948 die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt, seit 1957 in Wien. Sie besuchte das Gymnasium für Berufstätige und studierte nach der Externistenreifeprüfung Romanistik und Germanistik. 1971 heiratete sie den 2004 verstorbenen Maler und Musiker Helmut Kurz-Goldenstein.
Ihren ersten Band "Gedichte" veröffentlichte Kerschbaumer 1970 als Lektorin in Bukarest, 1976 folgte der Roman "Der Schwimmer". Ihre von Susanne Zanke auch verfilmte Dokumentation "Der weibliche Name des Widerstands" (1980) über acht in der Nazizeit ermordete Österreicherinnen gilt heute als eines der zentralen Werke der österreichischen Literatur nach 1945. Mit ihrem "Familienroman" "Schwestern" (1982) verfasste Kerschbaumer eine Geschichte des weiblichen Ichs im österreichischen Bürgertum in den politisch-ökonomischen Zusammenhängen von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart.
Als "schief autobiografische Trilogie" bezeichnete sie selbst ihren zwischen 1992 und 2000 erschienenen Romanzyklus "Die Fremde - Ausfahrt - Fern", in dem ein Mädchen namens Barbarina als "Diebin ihrer ungewissen Freiheit" den Ausbruch aus dem Tiroler Bergdorf ihrer Kindheit in die Fremde wagt. In den Jahren darauf sind Lyrik- und Essaybände ebenso erschienen wie Prosasammlungen. Zuletzt brachte sie u.a. "Chaos und Anfang: ein Poem" (2016) und "Recht wider Recht: Eine Frage unserer Zeit" (2020) heraus. Im Wieser Verlag erschien eine 13-bändige Ausgabe ihrer gesammelten Werke. "Marie-Thérèse Kerschbaumer erinnert uns daran, dass Literatur niemals nur zurückblickt. Ihre Texte schärfen unsere Wahrnehmung für die Gegenwart und fordern uns auf, Verantwortung zu übernehmen. Der Wieser Verlag ist stolz und dankbar, ihr bedeutendes Werk begleiten und für kommende Generationen zugänglich machen zu dürfen", so Erika Hornbogner, Geschäftsführerin des Wieser Verlags.
Der verstorbene Germanist Wendelin Schmidt-Dengler hat das Werk der Dichterin, die auch als Übersetzerin aus dem Rumänischen arbeitete, einstmals als "eine Schule des gewissenhaften Lesens" bezeichnet. Sie selbst bemühte hingegen eine andere Eigendefinition: "'Neuromantikerin' würde mir gefallen". Kerschbaumer wurde mehrfach gewürdigt, so etwa mit dem renommierten Meersburger Droste-Preis (1985), dem Literaturpreis der Stadt Wien (1995) und zuletzt dem Tiroler Adler-Orden in Gold (2023). Ihr Vorlass befindet sich seit 2026 in der Wienbibliothek im Rathaus.
Die streitbare Autorin engagierte sich auch über die eigene Person hinaus. Als Vizepräsidentin der IG Autoren Autorinnen (1989 bis 1995) setzte Kerschbaumer sich für die Anliegen ihrer Kolleginnen und Kollegen ein. Gemeinsam mit Robert Schindel und Julian Schutting lancierte sie 2004 ein "Autorenmanifest pro Austrokoffer". Durch ihre Bereitschaft, als Mitherausgeberin zu fungieren, trug sie wesentlich dazu bei, dass Günther Nennings von zahlreichen Autoren boykottierte Anthologie zum Jubiläumsjahr damals als "Landvermessung" doch noch zustande kam.
Für September ist ihr Buch "Riflessioni Tusculane. Geistesgeschichtliche Betrachtungen aus vielen Jahren" angekündigt - Resultat der Überarbeitung eines Skizzenbuchs. Die darin versammelten Betrachtungen entstanden zwischen August 2007 und August 2024 und "laden zu einer facettenreichen, humanistisch geprägten Entdeckungsreise ein", verheißt der Wieser Verlag.
(S E R V I C E - Marie-Thérèse Kerschbaumer: "Riflessioni Tusculane", Wieser Verlag, 21 Euro, ISBN 978-3-99029-735-3, www.mtkerschbaumer.at )