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Ingrid Thurnher, die unerwartete ORF-Generaldirektorin

Ingrid Thurnher ist in ihrer Rolle als Interims-Generaldirektorin gewachsen. Statt den ORF acht Monate lang zu verwalten, begann sie eine längst nötige Sanierung.

ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher
© ORF/Hans Leitner
ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher
Bernhard Baumgartner

Als im März nach dem spektakulären Rücktritt Roland Weißmanns als ORF-Generaldirektor für die verbliebenen acht Monate der Amtszeit ein Interims-Generaldirektor bestellt werden musste, fiel die Wahl rasch auf Ingrid Thurnher. Die Radiodirektorin galt als erfahrene Managerin, die das Haus seit mehr als 40 Jahren kennt und stark im Journalismus verwurzelt ist. Die Aufgabe schien machbar: den Betrieb stabilisieren, den Song Contest über die Bühne bringen, keine neuen Brände entstehen lassen und das Haus geordnet an jene Person übergeben, die ab 2027 an der Spitze steht.

Acht Monate lang den Ball flach zu halten hätte da wohl gereicht. Kaum jemand erwartete von Thurnher Eingriffe in ein System, das soeben an die Wand gefahren wurde. Doch Thurnher entschied sich anders. Sie krempelte die Ärmel hoch und machte sich daran, im ORF aufzuräumen.

Sie setzte einen Transparenzbeirat ein, ließ alte Compliance-Fälle neuerlich untersuchen und traf Personalentscheidungen, vor denen man am Küniglberg zuvor lange zurückgeschreckt war. Vermarktungs-Chef Oliver Böhm wurde zunächst beurlaubt und nach Abschluss der Untersuchung abberufen. Peter Schöber verlor nach einer neuerlichen Prüfung seine Funktion als ORF-III-Geschäftsführer und wurde beurlaubt. Auch Pius Strobl, über Jahre einer der mächtigsten (und teuersten) Manager im Haus, wurde von Thurnher freigestellt. In seinem Fall läuft die Compliance-Prüfung noch. Eine unter Alexander Wrabetz ausgedealte Zusatzpension von 5000 Euro monatlich wird er nur bekommen, wenn ein Gericht sie ihm zuspricht.

Thurnher traf harte Entscheidungen

Das waren harte Entscheidungen, die Spuren hinterlassen. Und sie trafen Manager, die an der Spitze der Gehaltsliste standen. Diese Liste wird 2027 völlig anders aussehen. Und das ziemlich unspektakulär: keine großen Auftritte, kaum öffentliche Debatten, kein Pathos. Thurnher erledigte die Dinge. Konsequenter, als mancher ihr zugetraut hat.

Auch gegenüber der Politik hielt sie den Ball nicht flach. Als die Regierung dem ORF ab 2027 jährlich 93 Millionen Euro entziehen wollte, hielt Thurnher massiv dagegen. Der ORF wird dagegen den Verfassungsgerichtshof anrufen. Dass es zugleich nötig sein wird, eine Erhöhung des ORF-Beitrags einzuleiten, schreckte sie nicht ab. Schon zuvor hatte sie die Politik deutlich aufgefordert, sich aus der Bestellung der ORF-Führung herauszuhalten.

Da war klar, dass die vermeintliche Übergangslösung eine eigene Vorstellung davon hatte, wie dieses Haus zu führen ist. Falls am Minoritenplatz die Hoffnung bestanden haben sollte, mit Thurnher eine führbare Figur an der Spitze zu haben, hatte man sich verkalkuliert.

Das Bild hat sich geändert

Auch die eigene Zukunft schätzte die 64-jährige gebürtige Bludenzerin realistisch ein. Selbst als Stimmen eine weitere Kandidatur forderten, trat Thurnher nicht an. Damit war sie für die verbleibenden Monate freier als jeder ORF-Generaldirektor vor ihr. Am Ende ihrer langen Karriere ist ihr etwas gelungen, womit wenige gerechnet hatten: Sie hinterlässt ein anderes Bild von sich.

Man mag das auch als Krönung einer ungewöhnlichen Karriere sehen. Seit 1985 arbeitet Thurnher für den ORF. Nach Jahren im Landesstudio NÖ wechselte sie zu den Ö1-Journalen. 1995 kam sie zur „ZIB 2“ und blieb dort zwölf Jahre, lange genug, um ein Format mitzuprägen. Später folgten die „Zeit im Bild“ um 19.30 Uhr, „Im Zentrum“, „Runder Tisch“, die „Sommergespräche“ und Wahlkonfrontationen. 2017 wurde sie Chefredakteurin von ORF III, 2022 stieg sie als Radiodirektorin in die Geschäftsführung auf.

Nicht jede dieser Stationen verlief ohne Kritik. Das galt auch für ihren Journalismus. Vor allem in der „ZIB 2“ wurde ihr vorgeworfen, Interviews zu stark auf Zuspitzung und Konfrontation anzulegen. Einzelne Interviews galten als zu hart. Man kennt diese Kritik auch heute, nur die Personen haben sich geändert.

Ingrid Thurnher hat deutlich bewiesen, dass ihre kurze Amtszeit mehr als eine Übergangslösung ist. Sie ist die Generaldirektorin, die der ORF in diesem Moment gebraucht hat.